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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Gartenbau (neue Versuche und Erfahrungen)
noch das meiste zu thun. Für den Feldbau ist die Kenntnis der chemischen Zusammensetzung der Asche der Kulturpflanzen durch zahlreiche Analysen der Ernten gefördert. Im praktischen G. ist hieran fast nur bei Obstbäumen und Gemüsepflanzen gedacht worden. Der Gärtner begnügt sich im allgemeinen damit, der physikalischen Beschaffenheit des Vegetationsbodens seine Aufmerksamkeit zu schenken, in der chemischen Düngungsfrage ist er im großen und ganzen den Anschauungen seiner Nrväter treu geblieben. Für die Beurteilung des Wasserquautums sowie der Licht- und Wärmemenge, welche für die Erziehung einer gegebenen Pflanze die günstigsten sind, wird der Gärtner, ebenso wie bei der Wahl der Nährstoffe, von den in der Natur gegebenen Verhältnissen ausgehen müssen. Betreffs der Wärme hat der Gärtner da, wo die Abmessung in seine Hand gelegt ist, Neigung, eher zu freigebig als zu sparsam zu sein. Häufig steht übrigens' in dieser Beziehung der Gärtner Erscheinungen gegenüber, welche die Wissenschaft kaum noch sicher und vollständig beobachtet, geschweige denn genügend erklärt hat. So verhält es sich z. B. mit der Abhängigkeit der Keimung von den äußern Einflüssen, denen der Same nach der Reifung ausgesetzt war. Erste Aufgabe der Wissenschaft wird es Hiersein, Vermutungen durch Thatsachen zu ersetzen. Sollte sich bei größern vergleichenden Versuchsreihen Herausstellens daß es z.B.
Samen gibt, deren Keimung an den tierischen Verdauungsprozeh gebunden ist, so wäre zunächst zu untersuchen, ob die Förderung nur auf der Erweichung der Samenschale oder auf einem das Sndosverm und den Embryo betreffenden chemischen Reize beruht. Ist letzteres der Fall, so würde im Anschluß an die vorliegenden Angaben über die Wirkung der Halogene und des Kampfers auf die Keimung zu ermitteln sein, ob der Einfluß der Tiere sich nicht durch künstliche Mittel sicherer und vollkommener ersetzen lasse.
Ein andres weites Feld von größter Tragweite für die Praxis eröffnet sich dem wissenschaftlichen G. in dem Studium der physikalischen Reize, welche die Keimung und Fortentwickelung der Pflanzen beeinflussen. Aus den von Schübeler angeregten, von Wittmack fortgesetzten Kulturverluchen ergibt sich, daß aus Getreidesamen, die einen: hochnordischen Gebiet entstammen, in einem wärmern Klima rascher keimfähige Samen erzogen werden als aus den Samen von Getreidesorten desselben wärmern Klimas. Es fragt sich dabei, ob nicht die niedern Temperaturen, wenn sie vor der Keimung auf die Samen einwirken, die spätere Fortentwickelung der Pflanzen durch die von ihnen eingeleiteten Stoffwechselprozesse schon in derselben Generation fördern und nicht erst durch eine im Laufe der Gm.'rationen allmählich erworbene Eigenschaft. Versuche mit der erstbezeichneten Fragestellung sind nur in geringer Zahl von der St. Petersburger landwirtschaftlichen Gesellschaft, von F. Haberlandt und im botanischen Institut der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin angestellt worden. Sie haben ergeben, daß nicht nur die Samen verschiedener Arten bei gleicher Behandlung sich abweichend verhalten, sondern daß wahrscheinlich auch bei den Samen derselben Art die Behandlung, welche sie vor der Einwirkung des Frostes erfahren haben, von erheblichen: Einfluß auf ihre Keimung und spätere Fortentwickelung ist. Besonders wirksam erwies sich in mehreren Fällen vorheriges Anquellen. Auch über die günstige Wirkung vorherigen Eintrocknens auf die Keimung der Samen
sind vereinzelte Versuche ausgeführt worden, über welche Batalin auf der Naturforscherversammlung in Heidelberg berichtete.
Erwägt man, daß das Speichergewebe der Samen meist für längere Ruhe organisiert ist, so erscheint es verständlich, daß niedere Temperaturen und andre Einflüsse auch auf die perennierenden Organe erwachsener Pflanzen in analoger Weise einwirken. Müller (Thurgau) brachte 1. Juli fünf eben geerntete Frühkartoffeln in einen Eiskeller, fünf ihnen möglichst gleiche derselben Ernte in einen gewöhnlichen Keller. Nach 23 Tagen wurden die zehn Kartoffeln in das freie Land gebracht, und 1. Nov. wurde zur Ernte geschritten. Während die fünf Knollen des Eiskellers kräftige Pflanzen getrieben und 17 Knollen von 1025 ^^ Gesamtgewicht erzeugt hatten, sahen die Triebe der andern fünf Knollen erst wenig über die Bodenoberfläche hervor und hatten noch keine neuen Knollen angesetzt.
Aus den Versuchen von Knight, Krasan und Frank ergibt sich, daß auch Zweige von Holzgewächsen durch längere erhebliche Abkühlung zu rascherer Entwickelung angeregt werden können. Verschiedene gärtnerische Erfahrungen lassen vermuten, daß Trockenheit in vielen Fällen mit Abkühlung im gleichen Sinne zusammenwirkt. Bedenkt man, wie sehr sich der Wert von Blumen und Früchten steigert, wenn der Gärtner sie in früherer Jahreszeit darbietet, so wird man die hohe wirtschaftliche Bedeutung solcher Untersuchungen ermessen.
Mit Bezug auf das Bestreben, gefüllte Blumen mit Sicherheit hervorzurufen, ist zu bemerken, daß über die Ursachen von Vlütenfüllungen die verschiedensten Vermutungen ausgesprochen werden, von denen aber nur die wenigsten durch Versuche geprüft worden find. Am wertvollsten sind die schon von Kölreuter und Gärtner gemachten Erfahrungen, daß durch Bastardierung die Neigung zur Vlütenfüllung gesteigert wird. Von hohem Interesse ist die kürzlich von Peyritsch festgestellte Thatsache, daß tierische Parasiten aus der Milbengattung k^to Mis auch Blütenfüllungen hervorrufen. Ob hiermit eine Verminderung der Samenbildung verbunden ist, bleibt noch festzustellen.
Ob Aussicht vorhanden ist, daß der Gärtner bei einer gegebenen buntblühenden Pflanze eine bestimmte Farbenabwandlung rasch erreiche, hängt nach den bisherigen Erfahrungen hauptsächlich von zwei Vorbedingungen ab. Einmalmuß die gewünschte Farbe bei einer nähern oder entferntern Verwandten der betreffenden Art vertreten sein. Dann aber spielt der Farbenkreis, dem die Art angehört, eine wichtige Rolle. Die erste Bedingung ist in der das ganze organische Leben beherrschenden Erblichkeit begründet. Will der Gärtner die Erblichkeit für seine Zwecke benutzen, so muß er die spontan auftretenden Variationen sorgfältig beobachten und die ihm zusagenden durch Zuchtwahl häufen und befestigen.
Nach der zweiten Richtung hin handelt es sich um chemische Vorgänge. Die roten, violetten und blauen Blütenfarbstoffe, welche fast ausschließlich als Lösung im Zellsaft vorkommen, lassen sich auch in einem mikroskopischen Präparat durch Hinzufügen von Säuren oder Alkalien ineinander überführen, während die gelben Farbstoffe erheblich verschieden von ihnen sind, ja der häufigere derselben, ähnlich dem Chlorophyll, an körnige Gebilde des Protoplasmas gebunden ist. Gegenüber dieser Verwandtschaft muß aber auch auf die Thatsache aufmerksam gemacht werden, daß das Licht die Entstehung dieser Färb-