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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Gletscher (Vorrücken und Rückschreiten)
krümmen, so entsteht auf der konkaven Seite Kom-, pression, anf der konvexen Dilatation zwischen den Kristallen. Befindet sich überdies die Platte bei der ! Schmelztemperatur, so erniedrigt der Druck den I Schmelzpunkt an der konkaven Seite und veranlaßt eine Verflüssigung an den Stellen der Verwachsungsflächen; auf der konvexen öffnet die Ausdehnung! die Verwachsungsflächen in Spalten und Risse, in j welche das verflüssigte Wasser der konkaven Seite! eindringt. Dieses Wasser gefriert sofort, sobald der Druck nachläßt: die Platte nimmt eine permanente Krümmung an. Die Körner verändern gleichzeitig ihre Gestalt, indem sie sich auf der konvexen Seite vergrößern und auf der konkaven zusammenziehen.
Wenn nun auch infolge der unregelmäßigen Gestalt der Körner die Kräfte im G. ungleichmäßig verteilt sind, so wird doch zufolge einer beständigen Kompensation Zwischen den Differenzen des Druckes und der Ausdehnung im Innern sich eine Veränderung in z der allgemeinen Konfiguration der Masse vollziehen. ^ Die Nachrichten über Gletscherschwankungen! in frühern Jahrhunderten bestehen entweder in di- z retten Angaben über den Gletschcrstand und durch l dessen Veränderung veranlaßte Unglücksfälle, oder ^ in Mitteilungen über nicht mehr gangbare Pässe, ruinierte Alpen und Wälder u. dgl., aus denen nur indirekt auf einen höhern oder geringern Eisstand geschlossen werden kann; die Ausbrüche der Eisseen dienen dazu, die Zeit des Gletscherhochstandes genauer Zu fixieren. Alle diese mehr oder minder bestimmten Nachrichten über Gletscherschwankungen sind von Professor E. Richter in Graz einer kritischen Sichtung unterzogen, als deren Resultat die Behauptung aufgestellt werden kann, daß auch im 17. und z 18. Jahrh, die Gletscherschwankungen sich in ganz j bestimmten Perioden, und zwar in den ganzen Alpen ^ gleichzeitig, vollzogen. Für die Zeit von: 16. bis 18. Jahrh, ließen sich Vorstoßperioden feststellen um < das Jahr 1600, von 1630 bis 1640,1680,1715,1740 > und um 1770. Genauer sind wir über die Gletscherschwankungen des 19. Jahrh, unterrichtet. Sehen wir ab von dem Vorrücken der G., welches sich gegenwärtig besonders in den Westalpen vollzieht, so lassen sich in der ersten Hälfte des laufenden Jahrhunderts deutlich zwei Vorstoßperioden unterscheiden, von denen die erstere um 1820 stattfand, die zweite sich von 1840 bis 1850 vollzog. Der Vor^ stoß von 1820 zeichnet sich unter den näher bekannten durch die Regelmäßigkeit seines Verlaufs und seine Intensität aus. Von 1815 bis 1820 sind alle bekannten G. im Vorrücken begriffen, nach 1820 beginnt bei den raschesten der Rückzug. Nun ist aber aus den Tomveraturbeobachtungen und den Aufzeichnungen der Regenstationen festgestellt, daß der Vorstoßperiode von 1820 eine Reihe kühler und regenreicher Jahre vorausging. Es kann demnach kein Zweifel darüber bestehen, daß die Ursache des Vorstoßes in den veränderten, dem Wachstum der G. günstigen meteorologischen Verhältnissen im Anfang unsers Jahrhunderts zu suchen ist, ebensowenig aber auch darüber, daß bei dieser Periode von 1820 der Vorstoß der G. noch während der niederschlagsreichen und kühlen Periode begann und das Maximum der Entwickelung bei den attivern Gletschern mit dem Ende derselben und dem Beginn der warmen und trocknen Periode zusammenfiel.
Diese bewirkte alsdann den Eintritt des Gletscherrückganges. Das Maximum der trägern G. fällt bereits in die trockne Periode. Der Beginn der neuen Aorrückuna, sueriooe von 1840 bis 1650 füllt in die
zweite Hälfte der 30er Jahre, zwischen 1845 und 1850 erreichen sehr viele G. ihren Maximalstand.
Das Maximaljahr liegt also 12-15 Jahre vom Beginn der Periode entfernt, während das Jahr 1820 nur 6-7 Jahre nach den ersten Anzeichen der Bewegung liegt. Der Unterschied zwischen den beiden Vorstoßperioden des 19. Jahrh, besteht demnach darin, daß letztere viel langsamer und träger verläuft: einzelne G. waren noch 1865 im Vorrücken begriffen, ja der Unteraargletscher erreichte erst 1870 sein Maximum. Die Vorstoßperiode dauerte, wenn man die äußersten Grenzen in Rechnung setzt, 30-35 Jahre, um das Doppelte länger als die von 1820. Eine fernere charakteristische Erscheinung der zweiten Periode ist das Auftreten von einem zweimaligen Vorstoß um 1826 und 1833 mit dazwischen liegenden Ruhepausen. Auch in Bezug auf die Größe des Vorstoßes unterscheiden sich die beiden Perioden von 1820 und 1850 wesentlich. Von einer großen Anzahl von Gletschern wird berichtet, daß das Maximum von 1820 das bedeutendste gewesen ist, welches überhaupt nach dem Stande der Moränen jemals während der Herrschaft des jetzigen Klimas erreicht worden ist.
Daß die Gletscherschwankungen mit den periodischen Veränderungen des Klimas in nächster Beziehung stehen und durch letztere bedingt werden, ist aus folgendem Diagramm (Fig. 2, S. 400) ersichtlich. (Beider Kurve der Temperatur sind die positiven ^^^^ Abweichungen vom Mittel nach unten, die negativen ^^ nach oben salso entgegengesetzt der Kurve des Niederschlägst eingezeichnet.) In demselben sind die Angaben über die Regenverhältnisse von 15 den Alpen nahegelegenen Stationen in eine Kurve vereinigt, welche die mittlere Abweichung der Regenmengen dieser Stationen vom Mittel in Prozenten, und zwar nach Lustra, ausdrückt. Ebenso sind die Temperaturkurven für Süddeutschland und die Schweiz eingetragen, und zwar im umgekehrten Sinne wie die Regenmengen, d. h. die positiven Abweichungen vom Mittel nach unten und die negativen nach oben. Bei dieser Art der Zeichnung finden die in gleichem Sinne auf die G. einwirkenden Größen auch in parallel gehenden Kurven ihren Ausdruck. Was oberhalb der Mittellinie liegt, sind Abweichungen, welche dem Gletscherwachstum günstig sind, die unterhalb verlaufenden ungünstig. Diese beiden Kurven sind zu einer dritten vereinigt, welche den Gang der der Gletscherentwickelung günstigen Elemente im allgemeinen ausdrückt. Diese Kurve ist auf graphischem Wege hergestellt, indem die mittlern Punkte zwischen den beiden andern festgestellt wurden. Höchst auffallend ist nun sowohl bei den beiden Einzelkuruen für Niederschlag und Temperatur als bei der Mittelkurve die Übereinstimmung mit dem Gange der Gletscherbewegung. In der Zeit zwischen 1810 und 1815 treffen ein Maximum des Niederschlags mit einem ausgesprochenen Temperaturminimum zusammen. Dieser Umstand hat den großen Gletschervorstoß zur Folge, der noch während jenes Lustrums beginnt. Von 1818 bis gegen 1835 folgt eine warme und regenarme Periode, in welcher das Mittel für die Jahre 1816-20 einen für die G. un! günstigen Charakter trägt. Niederschlag und Wärme zeigen in dieser Periode einen ganz parallelen Gang, der sogar darin übereinstimmt, daß das Lustrum von 1826 bis 1830 kühler und feuchter war als das vorhergegangene und das nachfolgende. Selbst diese kleine Schwankung findet ihren Ausdruck in dem oben erwähnten Zweimaligen Vorstoß um 1826 und