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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Illegitimität (Häufigkeit etc. der unehelichen Geburten)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Illegitimität'

Anmerkung: Fortsetzung von [I. Statistisch-methodische Vorbemerkungen..]

natürlichen Zuwachses das Moment der I. an sich trägt. Das Verhältnis der Zahl der unehelichen Geburten zur Zahl der nicht in der Ehe lebenden Frauen im gebärfähigen Alter (15.-45. Jahr) bezeichnet man als die uneheliche Fruchtbarkeit; diese Verhältniszahl ist sozial-ethisch von größerer Bedeutung und sollte immer benutzt werden, wenn es darauf ankommt, nachzuweisen, welchen Grad von Intensität die I. in einer Bevölkerung erreicht hat. Nur liegen leider die erforderlichen Berechnungen nicht vor.

Es ist nun ein sehr weit verbreiteter Fehler, daß aus der erhöhten Verhältniszahl der unehelichen Geburten auf eine analoge Verminderung der Moralität geschlossen wird. Dieser Ansicht gegenüber ist zu sagen, daß die sozial-ethische Qualifizierung einer unehelichen Geburt von der dieser Geburt zu Grunde gelegenen Art der Geschlechtsgemeinschaft bedingt ist. Uneheliche Geburten, die aus Konkubinaten hervorgehen, stehen ethisch höher als die Folgen ganz vorübergehender Vereinigungen, und ebenso gibt es innerhalb der Konkubinate eine ganze Stufenleiter von ethisch verschiedener Qualifikation. Ferner ist zu bedenken, daß (da eben nicht die uneheliche Geburt, sondern die uneheliche Konzeption, resp. Geschlechtsgemeinschaft das Unsittliche ist) die Zahl der unehelichen Geburten noch keinen Rückschluß auf die vorgelegenen Arten und Zahl der unehelichen Geschlechtsgemeinschaften gestattet, indem häufig gerade den unsittlichsten Vereinigungen die wenigsten Kinder entstammen und umgekehrt. Es muß daher immer auf diese Umstände Rücksicht genommen werden, und nur unter diesem Vorbehalt kann die verschiedene Frequenz oder uneheliche Fruchtbarkeit verschiedener Völker oder Zeiten zur Vergleichung gebracht werden.

II. Intensität und Haupterscheinungen der Illegitimität.

LänderUneheliche Geburten jährlich auf:
1000 Lebendgeburten,1000 Geburten überhaupt.1000 nicht verheir. Frauen über 15 Jahre etc.,
Durchschnitt 1865-83Durchschnitt 1878-82Durchschnitt 1878-82
Deutschland85,589,621,7
__ Preußen74,778,419,3
__ Sachsen132,3127,636,1
__ Bayern152,4131,530,6
__ Württemberg103,586,221,6
__ Baden93,175,216,2
__ Thür. Staaten101,1104,7?
__ Elsaß-Lothr.71,074,513,9
Österreich (Cisl.)133,7145,234,3
Ungarn74,578,1*25,3
Kroatien-Slawon.52,056,9*?
Schweden101,7101,217,1
Norwegen84,983,415,5
Dänemark107,2162,021,0
Finnland76,671,9*16,1
England52,748,2*10,3*
Schottland92,484,2*15,1*
Irland26,225,0*3,1*
Schweiz45,947,97,9
Spanien56,056,6*?
Massachusetts13,717,5*?
Vermont?8,6*?
Connecticut10,810,8*?
Rhode Island7,98,5*?
Frankreich74,176,411,9
Belgien70,578,414,8
Niederlande33,831,07,x**
Italien67,574,217,5
Rumänien43,250,5*?
Griechenland12,29,9*1,8*
Rußland28,628,1*?

* Ausschließlich der Totgeburten (Anmerkung des Editors: ** Nachkommastelle unleserlich)

1) In der vorstehenden Tabelle (nach Angaben des »Movimento« und J. (Anmerkung des Editors: Jacques) Bertillons) ist eine Übersicht über die etwa 700,000 unehelichen Geburten, welche alljährlich in Europa vorfallen, enthalten. Die Zahl der unehelichen Geburten ist hiernach in Deutschland, in Österreich und den skandinavischen Staaten hoch und beträgt hier 10-15 Proz. der Geburten; am kleinsten ist sie in einigen kulturell niedriger stehenden Gegenden, wie z. B. den amerikanischen Staaten, auf dem Balkan, in Rußland und Kroatien-Slawonien, wo sie 1-5 Proz. beträgt; die übrigen Staaten stehen dann in der Mitte, so namentlich Frankreich, England, Italien mit 5-10 Proz. der Geburten.

2) Geschlechtsverhältnisse. Während bei den Geburten im allgemeinen die Knabengeburten die Mädchengeburten überwiegen, ist das Überwiegen der Knabengeburten bei den unehelichen Geburten geringer als bei den ehelichen; es entfallen auf 100 Mädchengeburten Knaben (ohne Totgeburten) in

überhauptBei den unehel.überhauptBei den unehel.
Frankreich105103Kroatien-Slaw.106104
Belgien105103Finnland105103
Niederlande105103Irland106105
Italien106104Massachussetts106101
Rumänien111103Rhode-Island10591
Griechenland11296Sachsen105105
Spanien107104Österreich106106
Schweiz105101Schweden105105
Deutschland105104Dänemark105105
Preußen105104England104104
Bayern105104Rußland105106
Württemberg105102Thüringen105106
Baden105104Serbien106111 (?)
Ungarn105104Norwegen106107

A. Bertillon sucht diese Erscheinung dadurch einigermaßen zu erklären, daß einerseits bei den unehelichen Geburten die Erstgeburten verhältnismäßig viel zahlreicher sind als bei den ehelichen, anderseits aber gerade bei den unehelichen Erstgeburten die Frucht viel seltener männlich ist als bei den ehelichen (vgl. 3). Möglicherweise rührt aber die geringere Zahl der Knabengeburten daher, daß von den Eltern der unehelichen Kinder der Mann weit häufiger jünger ist als bei den verheirateten Ehepaaren (vgl. 4).

3) Häufigkeit. Das eben erwähnte Verhältnis der Erstgeburten zu den sämtlichen ehelichen und unehelichen Geburten hat A. Bertillon an der Hand ältern österreichischen Materials konstatiert. Während nämlich auf 100 erstgeborne 520 später geborne eheliche Kinder entfallen, kommen bei den unehelichen auf 100 nur 120. Es ist psychologisch erklärlich, daß eine ledige Frauensperson dem ersten unehelichen Kinde nicht so leicht ein zweites folgen läßt, abgesehen davon, daß der Geburt eines unehelichen Kindes in vielen Fällen die Eheschließung folgt.

4) Alter der unehelichen Mütter. Während das Maximum der ehelichen Fruchtbarkeit vor dem 20. Lebensjahre liegt und dann allmählich abnimmt, so stehen die unehelichen Mütter viel häufiger im Alter von 20-25 Jahren und in einigen nordischen Ländern noch häufiger von 25 - 30 Jahren. In Sachsen kamen 1876-80 auf je 100 Mütter jährlich:

Alter der MütterKinder der VerheiratetenKinder der Unverheirateten
unter 20Jahren70,93,7
20-25Jahre54,99,0
25-30"43,88,3
30-35"33,25,5
35-40"24,73,5
über 40Jahre6,20,6

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 466.