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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Illegitimität (Ursachen der Häufigkeit unehelicher Geburten)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Illegitimität'

IV. Ursachen der Häufigkeit unehelicher Geburten.

Nachdem nun erörtert worden ist, mit welcher Intensität die I. unter der Bevölkerung, resp. bei den Geburten vertreten ist, erübrigt noch, diejenigen bestimmenden Momente kennen zu lernen, welche gerade diese oder jene Höhe der Illegitimitätsziffer hervorbringen. Diese Ursachen sind im allgemeinen sozialer Natur und liegen in der Eigenart des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen, dem Volkscharakter, der Gesetzgebung, den öffentlichen Institutionen, wirtschaftlichen Bedingungen, Volkssitten u. dgl. m.

1) Allgemeine Geburtenhäufigkeit. Es könnte leicht scheinen, daß die unehelichen Geburten dort hoch stehen, wo die Geburten überhaupt, also auch die ehelichen, zahlreich sind. Dieser Zusammenhang läßt sich aber durchaus nicht nachweisen, indem vielmehr auch die entgegengesetzte Erscheinung sehr häufig ist; es wirken also manche Ursachen der erhöhten ehelichen Geburten (s. 3) durchaus nicht ebenso auf die Frequenz der unehelichen ein. Dagegen kommt es öfters vor, daß vorübergehende Ursachen, z. B. soziale Krisen, Kriege, reiche Ernten, für kurze Zeit in demselben Sinne, also in der Richtung einer Erhöhung oder Verminderung sowohl auf die Zahl der ehelichen als auch der unehelichen Geburten, einwirken.

2) Heiratsfrequenz. Ebenso könnte es auf den ersten Anschein als logisch gelten, daß dort, wo die Ehen häufiger sind, die unehelichen Geburten seltener vorfallen. Und doch ist diese Ansicht, welche früher herrschend war, durch neuere Untersuchungen in ihrer Gemeingültigkeit erschüttert worden. Es kann dort, wo die Ehen zahlreicher sind, auch die ledige Bevölkerung infolge besonderer Alterszusammensetzung verhältnismäßig zahlreich sein; es können aber auch besondere soziale Umstände, welche sich der Eheschließung gegenüber neutral verhalten, auf die uneheliche Fortpflanzung fördernd einwirken.

3) Dagegen dürfte es wohl feststehen, daß dort, wo die Ehen frühzeitig geschlossen werden, die unehelichen Geburten weniger zahlreich sind; da in solchen Ländern in der Regel die Ehefrequenz eine große ist, so stellt sich dieser Fall als eine Ausnahme zu dem unter 2) Gesagten dar. Wir haben oben (unter II) gesehen, daß in Rußland, Rumänien, Ungarn, Kroatien-Slawonien, dann auch in England und den nordamerikanischen Staaten die unehelichen Geburten selten sind; gerade in diesen Ländern werden aber die Ehen frühzeitig geschlossen, während sie in Deutschland und Österreich, Schweden und Norwegen, wo die Frequenz der unehelichen Geburten eine hohe ist, spät eingegangen werden. Daß in den Ländern mit später Eheschließung die unehelichen Geburten zahlreich sind, steht damit im Zusammenhang, daß die Mütter unehelicher Kinder meist im Alter von mehr als 20, ja vielleicht meist von 25-30 Jahren stehen.

4) Berufsverhältnisse. Nicht nur die sozialen Klassen im großen und ganzen, sondern auch die einzelnen Berufsarten im besondern verhalten sich bezüglich der I. auf ganz besondere Weise. Was zunächst die sozialen Klassen der Mütter natürlicher Kinder im großen anbelangt, so waren 1889 in Preußen unter je 1000 Gebornen uneheliche bei den Selbständigen 14,9, öffentlichen Beamten 1,3, Privatbeamten 19,9, Gewerbsgehilfen aller Art 30,9, Tagearbeitern 65,3, Dienstboten und Gesinde aller Art 526,2, Almosenempfängern 476,6, Insassen von Anstalten für Heilung und Krankenpflege 762,7, für Armenpflege 767,6, für Strafe und Besserung 608,3, allen übrigen Personen (einschl. Haustöchtern) 832,4 ↔ u. s. f. Die einzelnen Berufsarten können aus der folgenden Tabelle entnommen werden, welche sich gleichfalls auf Preußen und das Jahr 1889 bezieht.

Beruf und Erwerbszweig der MutterVon je 1000 Gebornen warenVon je 1000 überh. unehel. Gebornen kamen
der unehelichen Kinderdurchschnittlich unehel. Kinderauf unehel. Mütter nebenstehender Berufe
1)Landwirtschaft ohne das ländliche Gesinde16,31,6
2)Fischerei8,52,2
3)Bergbau, Hütten-u. Salinenwesen1,955,6
4)Industrie der Steine und Erden5,613,7
5)Metallverarbeitung2,543,9
6)Fabr. v. Maschinen, Werkzeugen etc.2,613,7
7)Chemische Industrie1,00,9
8)Industrie der Heiz- und Leuchtstoffe-0,5
9)Textilindustrie54,818,3
10)Papier- und Lederindustrie4,28,5
11)Industrie der Holz- u. Schnitzstoffe4,034,2
12)Industrie der Nahrungsmittel11,035,1
13)Gewerbe für Bekleidung106,653,9
14)Baugewerbe2,068,4
15)Polygraphische Gewerbe3,43,1
16)Kunstgewerbl. Betriebe5,21,0
17)Handels- und Versicherungswesen15,039,5
18)Verkehrsgewerbe inkl. Eisenbahnbetrieb, Post, Telegraphie, Straßenfuhrwesen, Schiffahrt1,547,8
19)Beherbergung und Erquickung27,013,2
20 a)Dienstboten (ohne die landwirtschaftlichlichen)786,719,7
b)Fabrikarbeiter87,536,3
c)Tagelöhner, Arbeiter (ohne die landwirtschaftlichen)92,963,6
d)Ländliches Gesinde, Tagelöhner163,8207,6
21)Gesundheitspflege u.Krankendienst31,41,5
22)Bildung, Erziehung u. Unterricht7,59,3
23)Künste, Litteratur und Presse40,53,0
24)Kirchendienst, Totenbestatt.0,91,8
25)Öffentlicher Dienst1,013,5
26)Alle übrigen Berufsarten4,58,2
27)Personen ohne bestimmten und bekannten Beruf (einschließlich der »Haustöchter«)608,614,9

Verhältnismäßig am häufigsten kommen die unehelichen Geburten somit hier bei den Dienstmädchen, dann den (beruflosen) Haustöchtern, den ländlichen Mägden, den Tagelöhnerinnen und Fabrikarbeiterinnen, dann den Schneiderinnen, resp. Nähmädchen vor; ein Fünftel sämtlicher unehelicher Geburten bei den landwirtschaftlichen Mägden.

5) Stadt und Land. Die Zahl der unehelichen Geburten ist in den Städten im allgemeinen höher als auf dem Lande. In den Landbezirken rühren vom weiblichen Gesinde allerdings viele uneheliche Geburten her, wie eben gezeigt wurde, dagegen gilt dies nicht so allgemein für die bäuerliche Bevölkerung; diese zeigt vielmehr erhebliche Unterschiede: bei größerm Hofbetrieb sind die unehelichen Geburten häufiger als bei kleinbäuerlichem Eigen- oder Pachtverhältnis. In Industriegegenden steigt die Zahl der unehelichen Geburten, ebenso auch in den Städten, wo noch, abgesehen von der starken Vertretung der jüngern Altersklassen, die starke I. der weiblichen Dienstboten und die im allgemeinen größere Laxheit der Sitten mit in die Wagschale fallen. Wappäus beziffert die I. in den Städten auf das Doppelte wie auf dem Lande, und dasselbe Verhältnis konstatiert Levasseur für Frankreich. In den österreichischen Städten entfielen 1886 (nach dem »Österreich. Städtebuch«, I.) auf 100 Geburten uneheliche in:

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 468.