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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Juden (Rassenmischung, Bewahrung des semitischen Typus).

getretenen ein gewöhnliches Vorkommnis. Dieselben Vorgänge haben sich seit dem Beginn unsrer Zeitrechnung öfters wiederholt. Im 3. Jahrh. n. Chr. hat sich die jüdische Bevölkerung der südöstlich von Babylonien gelegenen persischen Provinz Chusistan mit der dort einheimischen Bevölkerung aufs innigste vermischt, und derselbe Prozeß der Rassenkreuzung durch geschlechtliche Vermischung hat sich damals in der Stadt Machuza (am Tigris) vollzogen. Im 8. Jahrh. n. Chr. kam es in der Krim zu jener Vermischung der J. mit dem tatarischen Stamme der Chasaren, aus der die Karaim hervorgegangen sind. Noch im 13. Jahrh. ist in Ungarn die Zahl der zwischen J. und Christen abgeschlossenen Ehen eine sehr beträchtliche gewesen. Bekannt ist auch, daß die Judenverfolgungen in Spanien und Portugal, indem sie den zeitweiligen scheinbaren Übertritt zahlreicher J. zum Christentum bewirkten, der Vermischung der spanisch-portugiesischen J. mit fremden Rassenelementen Vorschub geleistet haben.

Bezüglich gewisser außerhalb Europas lebender J. ist es wahrscheinlich, daß dieselben nur dem Namen und der Religion, nicht aber der Abstammung nach zum Judentum zu rechnen sind. Dahin gehören zunächst die 200,000 Falascha in Abessinien, welche die Agausprache reden und zu den nubischen Völkerschaften gerechnet werden müssen. Auch die schwarzen J. oder Hesodia an der Malabarküste Vorderindiens sind wahrscheinlich nur der Religion nach J., ihrer Abstammung nach aber Hindu; auch bezüglich der Daggatouns (schwarze J. der Sahara) und der Mavamba (schwarze J. der Loangoküste) ist es zweifelhaft, ob in denselben semitisches Blut enthalten ist. Nicht der Religion, aber ihrer Abstammung nach sind zu den J. noch die Chetas oder Annussim der Balearen (Nachkommen von J., welche aus Spanien nach jener Inselgruppe flüchteten und, um Verfolgungen zu entgehen, dort den christlichen Glauben annahmen), ferner die Maiminen von Salonichi (Nachkommen von Anhängern des jüdischen Mahdi) und die Gdid al Islam (zur Annahme des mohammedanischen Glaubensbekenntnisses gezwungene J.) von Chorasan zu rechnen. Bezüglich der zwei großen Abteilungen, in die man die Masse der J. zu trennen pflegt, nämlich der Sephardim (spanisch-portugiesische J.) und der Aschkenasim (deutsch-polnische J.), hat Bertin behauptet, daß erstere aus einer Vermischung des semitischen Elementes mit der Urbevölkerung Armeniens, letztere aus einer angeblich in Ägypten stattgehabten Kreuzung der Stämme Israels mit dort ansässigen Negern und den nichtsemitischen Stämmen Kanaans hervorgegangen seien. Wenn aber auch zugestanden werden muß, daß die Sephardim den ursprünglichen semitischen Typus wohl in etwas größerer Reinheit bewahrt haben als die Aschkenasim, so ist ein durchgreifender Unterschied in der körperlichen Bildung der spanisch-portugiesischen J. einerseits und der deutsch-polnischen J. anderseits doch nicht mit Sicherheit festzustellen; jene Einteilung beruht mehr auf der Verschiedenheit der Aussprache des Hebräischen, als auf der Verschiedenheit der körperlichen Merkmale. Wenn Karl Vogt zwei verschiedene jüdische Typen unterscheidet, nämlich einen hauptsächlich im Norden (Rußland, Polen, Deutschland und Böhmen) sich findenden Stamm mit oft roten Haaren, kurzem Bart, etwas aufgeworfener Stumpfnase, kleinen grauen, listigen Augen, gedrungenem Körperbau, rundem Gesicht und breiten Backenknochen (einen Typus, der im allgemeinen gewissen slawischen Stämmen ähneln soll) und einen zweiten jüdischen Typus, der im Orient, in der Umgebung des Mittelmeeres und in Holland besonders verbreitet ist, durch langes schwarzes Kopf- und Barthaar, große, mandelförmig geschlitzte, schwarze Augen mit melancholischem Ausdruck, längliche Gesichtsform und stark gekrümmte Nase charakterisiert wird, so läßt sich auch diese Einteilung kaum aufrecht erhalten.

Wenn die unter Virchows Leitung vorgenommenen statistischen Erhebungen über die Farbe der Augen und Haare der Schulkinder Deutschlands einen Durchschnitt von 11,2 Proz. blondhaariger und blauäugiger Judenkinder ergeben haben, und wenn auch sonst in den verschiedensten Ländern Europas sowie in Nordafrika, Kleinasien, Kurdistan etc. blonde J. ziemlich zahlreich angetroffen werden, so ist diese Erscheinung nicht etwa auf eine in neuerer Zeit stattgehabte Rassenkreuzung, sondern mit größter Wahrscheinlichkeit auf jene obenerwähnte Vermischung der J. im alten Palästina mit der daselbst ansässigen indogermanischen Bevölkerung (Amoriter) zurückzuführen. Daß bezüglich der Kopfform, Gesichtsbildung (Form der Nase, des Kinnes, der Lippen, der Unterkiefergegend, Abstand der Backenknochen etc.), der Länge der Extremitäten, der Klafterweite (Entfernung der Mittelfingerspitzen voneinander bei horizontal ausgestreckten Armen), der Hüftenbreite und andrer Körpereigenschaften unter den J. sehr bedeutende Verschiedenheiten nachgewiesen wurden, erklärt sich ohne Schwierigkeit aus der obenerwähnten Vermischung des jüdischen Stammes mit fremden Rassenelementen. So findet z. B. die Geringfügigkeit des Bartwuchses, wie sie im Gegensatze zu den J. andrer Länder die J. der Krim (Karaim) aufweisen, ihre Erklärung in der daselbst stattgehabten Kreuzung des jüdischen Stammes mit tatarischen Rassenelementen (vgl. oben). Blondheit, Blauäugigkeit, Langschädelform, gerade Nasen und regelmäßige, an das Profil griechischer Statuen erinnernde Gesichtszüge sind ebenso wie bei den J. Europas, so auch bei den J. der nordafrikanischen Küstenländer, der Levante und andrer Gebiete kein seltenes Vorkommnis.

Wo genügende statistische Unterlagen vorhanden sind, haben sich die biotischen Verhältnisse des jüdischen Stammes häufig günstiger gezeigt als jene der Völker, unter denen er lebt. Bereits 1843 wies M. Hoffmann nach, daß die rasche Zunahme der J. durch das Übergewicht der Geburten über die Sterbefälle bedingt ist, ein Übergewicht gegenüber den Bekennern andrer Religionen in Deutschland, das wiederum durch die Heiraten in frühem Lebensalter, durch geringere Zahl der unehelichen Kinder und geringere Kindersterblichkeit hervorgerufen wird. De Neufville hat für Frankfurt a. M., Körösi für Budapest, Schimmer für Österreich, v. Fircks für Preußen diese den J. günstigen Verhältnisse dargethan. Ferner fällt auch ins Gewicht die durchschnittlich bedeutende Wohlhabenheit der J. in Deutschland und in Österreich-Ungarn, die hierdurch mögliche und geübte Sorge für Nahrung und Wohnung, für rationelle Behandlung der Schwangern und Kinder und die geringere oder fast ganz fehlende Beteiligung der J. an schweren körperlichen, das Individuum aufreibenden Arbeiten. Die strenge Regelung der geschlechtlichen Beziehungen trägt ebenfalls dazu bei, die jüdischen Frauen in guter Gesundheit zu erhalten; dieser Umstand bewirkt es auch, daß nur ein ganz geringer Prozentsatz der jüdischen Kinder totgeboren wird. Da, wo die J. dicht beisammenwohnen, wie in Galizien, Polen, Westrußland etc., und nachteilige soziale und moralische Einwirkungen zur Geltung