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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Pflanzenkrankheiten (Ausartungen, unvollkommene Entwickelung der Pflanzen)
malgrenze hinaus gesteigert, so erhält der typische' Entwickelungsgang eine Störung durch Aussetzen einzelner Funktionen, und damit ist die Existenz der Pflanze bedroht. Jeder derartige Stoß^ auf den typischen Entwickelungsmodus ist eine Krankheit. I
Die Disziplin, welche sich mit dem Studium der ^ P. beschäftigt, heißt die Phytopathologie. !
Das Studium beginnt mit der Charakterisierung ^ des Krankheitszustandes, also einer Beschreibung nach den einzelnen Anzeichen oder Symptomen (Patho- ^ graphic oder Symptomatik). In zweiter Linie folgt i die Erörterung der Frage nach der Entstehung der Krankheit (Pathogenie oder Ätiologie), und nach der , Lösung dieser Frage erst kann die Heilmittellehre (Therapie) zur Wirksamkeit kommen. Von größerer praktischer Bedeutung aber als die Heilmittellehre ist jedenfalls derjenige Zweig der Pathologie, welcher! sich mit den Vorbeugungsmaßregeln zur Verhütung ! der Krankheiten befaßt (Prophylaxis). Die besten ! Vorbeugungsmaßregeln werden in der Ausbildung ! der Lehre von der Erhaltung der Gesundheit der Pflanze, also der Pflanzenhygiene, gefunden.
Die Aufgabe der Phytopathologie aber ist damit nicht abgeschlossen, daß sie nur diejenigen Störungen in Betracht zieht, welche die Existenz des pflanzlichen Organismus bedroheil (absolute Krankheiten).
Wir müssen bedenken, daß wir eine große Anzahl von Gewächsen aus ihren natürlichen Wachstumsverhältnissen entfernt und der Züchtung unterworfen haben. Die Züchtung hat den Zweck, die Pflanzen in bestimmter Richtung zu einer gesteigerten Produktion zu veranlassen. Unsre Kultur wünscht eine Erhöhung gewisser Eigenschaften. Bald wünschen wir eine Vermehrung der Masse, wie bei der Ausbildung der Getreidekörner, bald die möglichst reiche Entwickelung bestimmter Inhaltsstoffe, wie z. B. des Zuckers bei der Zuckerrübe, oder wir verlangen die Umwandlung einzelner Organe, wie beispielsweise die Umbildung von Staubgefäßen zu Blumenblättern behufs Erzielung gefüllter Blüten:c. Je mehr unsre Kulturpflanzen den an sie gestellten Züchtungsansprüchen nachkommen, desto mehr pflegen wir sie als vollkommen anzusehen und als normal anzusprechen. Dieser durch den Kulturzweck geschaffene Begriff der Normalität kann dem Grundbegriff gerade entgegenlaufen, so daß wir eine Rückkehr der Pflanze in den natürlich-normalen Zustand geradezu als abnorm, die Rückkehr zum Typus der Art geradezu als Ausartung bezeichnen. Eins der bekanntesten Beispiele bietet sich in der holländischen Karotte, also jener Mohrrübensorte dar, die sehr zuckerreich, kurz und dick ist, sich plötzlich unten in ein dünnes Wurzelende zusammenzieht und fürdie Frühbeetkulturen ganz besonders geeignet erscheint. Diese Karotte stammt, ebenso wie die weiße, stärkehaltige Futtermöhre, von unsrer wilden Mohrrübe ab, die eine schlank spindelförmige, weiße, holzige, stärkereiche Wurzel besitzt. Jede Neigung bei den kurzen Karotten, die lange, spindelförmige Wurzclgefialt anzunehmen und Stärke statt des Zuckers abzulagern, bezeichnen wir als eine Ausartung, obgleich es eigentlich gerade der Ausdruck eines Streoens der Pflanze ist, zum natürlichen Entwickelungstypus zurückzukehren. Solche Ausartungen finden sich bei allen von uns kultivierten Gewächsen und werden als Störungen des Entwickelungsganges der Pflanze betrachtet, welche von der Pathologie bekämpft werden sollen. Das Arbeitsgebiet der^Phytopathologie umfaßt somit nicht nur die Störungen, welche die Existenz der Pftanzebedrohen, sondern auch diejenigen
Abweichungen des durch unsre Kultur abgeänderten Entwickelungsganges, welche lediglich den Kulturzweck schädigen, und die man deshalb als relative Krankheiten den absoluten anzureihen hat.
Vielfach ist der Begriff der Ausartung oder Degeneration auch in der Weise gebraucht worden, daß man nicht bloß die obenerwähnten Rückschläge unsrer Kulturformen zu den wilden Stammformen damit bezeichnete, sondern daß man annahm, auch die typische unkultivierte Art zeige aus innern Ursachen allmählich Schwächeerscheinungen und ein Nachlassen oder Einstellen gewisser Funktionen, welche zum Aussterben der Art früher oder später führen müssen.
Diese Anschauung beruht auf der Annahme, daß jeder Pflanzenart ein bestimmtes Lebensalter eigentümlich sei, wie solches bei den Individuen erkennbar nt, und daß somit notwendigerweise die Folgen des Alters, also Senilitätserscheinungen sich geltend machen müssen. Die Verteidiger dieser Ansicht stützen sich auf die Erfahrung, daß gewisse Arten und Varietäten an Örtlichkeiten nicht mehr gedeihen wollen, in denen sie früher in großer Üppigkeit wuchsen. Dieser Ansicht gegenüber ist zu betonen, daß nirgends das plötzliche gleichzeitige Verschwinden einer Art aus den verschiedenen Wohnungsgebieten unzweifelhaft festgestellt ist, daß aber das Au'ssterben gewisser Varietäten und Kulturformen sich durch sehr natürliche Wachstumsvorgänge erklären läßt, die ganz unabhängig vom Alter der Spezies oder des Geschlechts sind.
Es ist im vorhergehenden bereits erwähnt worden, daß die Kräftigkeit der Entwickelung einer Pflanze davon abhängt, in welcher Menge ihr die einzelnen Vegctationsfaktoren zur Verfügung stehen. Nun hat aber außerdem auch jede einzelne Entwickelungsp Hase des Individuums ihre besondern Minimal- und Marimalgrenzen innerhalb der Existenzskala. Es vollziehen sich beispielsweise häufig die Keimung und die Laubentwickelung bei Temperaturen und Lichtmengen, welche für die Ausbildung von Blüte und Frucht ungenügend sind. Die Pflanze geht nicht zu Grunde, wenn sie die Bedingungen zur Fruchtbildung nicht erhält, aber sie beschränkt ihre Produktion auf diejenigen Phasen, die unter den gegebenen Verhältnissen eben möglich sind. Wirken derartige ungünstige Umstände dauernd auf Individuen oder ganze Generationen ein, so werden derartige .Neigungen zu einseitiger Produktion erblich, und wir erhalten Rassen mit unvollkommener Entwickelung. Im vorliegenden Beispiel würden Rassen mit Neigung zur Unfruchtbarkeit gebildet werden und wir von einer Degeneration sprechen dürfen.
In andern Fällen kann die Unfruchtbarkeit dadurch zu stände kommen, daß von gewissen Vegetationsfaktoren ein Überschuß geboten wird. Wir sehen die gefüllten Blumen zum Teil dadurch entstehen, daß die Pflanzen dauernd in sehr nährstoffreichem Boden bei günstigster Bewässerung erzogen werden.
Es bildet sich dann die Neigung heraus, die Staubgefäße in Blumenblätter umzuwandeln, und die Individuen sind für sich allein wegen Mangel der Blutenstaub produzierenden Organe nicht mehr fähig, den Vefruchtungsakt zu vollziehen. So lassen sich zahlreiche Beispiele einer einseitig gesteigerten Entwickelung durch Mangel oder Überschuß einzelner Vegetationsfaktoren vorführen. Geht diese einseitige Ausbildung gewisser Funktionen oder Organe auf Kosten andrer vor sich, deren Erhaltung für den Kulturzweck oder die Fortpflanzung der Art wünschenswert ist, dann haben wir Degenerations 46*