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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Rettungswesen zur See (Rettungsgeräte: Boote, Flöße, Geschosse, Bojen, Gürtel etc.)

welches 1850 aus einer Konkurrenz von 280 Bootskonstruktionen hervorging, genügt nicht allen Ansprüchen, weshalb auch heute noch selbst in England sehr verschiedene Rettungsboote im Gebrauch sind. Sein großes Gewicht von 2500 kg macht es für deutsche Küstenverhältnisse unverwendbar. Dagegen hat es den Vorteil, daß seine Wasserentleerung in 55 Sekunden erfolgt, und daß das gekenterte Fahrzeug unter Wirkung eines 250 kg schweren Kieles in 5 Sekunden sich wieder aufrichtet.

Die neuere Zeit hat den vorerwähnten Anforderungen an Rettungsboote noch andre hinzugefügt, die aus unsern heutigen Verkehrsverhältnissen hervorgegangen sind. Auf den großen Passagierdampfern müssen für den Fall der Not, der auf offener See wie nahe der Küste eintreten kann, Rettungsgeräte für die große Zahl an Bord befindlicher Menschen mitgeführt werden. Die gewöhnlichen an Bord vorhandenen Boote reichen hierzu bei weitem nicht aus, und es würde an Platz fehlen, eine hinreichende Anzahl unterzubringen. Diesem Übelstand hat man durch zusammenlegbare Boote, die wenig Raum an Deck einnehmen, abzuhelfen gesucht. Es ist eine große Anzahl solcher Boote bekannt geworden, unter ihnen soll sich das von Hinderson erbaute auf der internationalen Ausstellung zu Glasgow 1888 gut bewährt haben. Das mit zwei Lagen wasserdichter Leinwand bezogene Boot ist aus Holz mit Metallbeschlägen gefertigt, die Spanten sind mit dem Dollbord durch Scharniere und mit dem Kiel durch Schraubenbolzen, Vorder- und Hinterstoven mit dem Kiel durch Gelenke aus Bronze drehbar verbunden. Das Boot ist 7,92 m lang, 2,41 m breit, 1 m tief, hat Raum für 60 Personen und wird durch Ruder fortbewegt. Das Zusammenklappen und das Ausspannen des Bootes ist in wenigen Sekunden ausführbar. Nach ähnlichen Grundsätzen ist auch von Shepherd ein zusammenlegbares Rettungsboot erbaut worden, welches bei 8,53 m Länge, 2,59 m Breite, 1,07 m Tiefe 584 kg wiegt, 60 Personen aufnehmen kann und zusammengelegt nur etwa 30 cm hoch ist.

Mehrere Boote dieser Art sind auf englischen Schiffen in Versuch genommen worden. Neben den Booten hat auch die Konstruktion von Rettungsflößen viele Erfinder beschäftigt; bei Gelegenheit der Ausschreibung des Northumberlandpreises 1850 wurden 21 verschiedene Flöße vorgeschlagen. Als Muster für spätere Konstruktionen diente das von Richardson, welches aus einem von zwei Hohlcylindern getragenen leichten Gerüst bestand. Hurst, Grandin, Perry u. a. haben hiernach gebaut, und die Flöße des letztern sollen die besten sein. Auch an zusammenlegbaren Flößen für Passagierdampfer hat es nicht gefehlt. Die Ausrüstung der Schiffe mit Rettungsgeräten macht die Passagierdampfer bis zu einem gewissen Grade unabhängig von etwa an der Küste vorhandenen Rettungsstationen. Um diese Unabhängigkeit noch vollständiger zu erreichen, hat man sich nicht auf die Rettungsboote beschränkt, sondern auch Raketen, Rettungsgeschütze zum Leinewerfen an Bord genommen, da es immer leichter ist, eine Leine vom Schiff an die Küste zu werfen, als umgekehrt. In England ist bei St. Leonards Anfang 1890 von Vertretern der Admiralität und der Board of Trade eine pneumatische Kanone des Kapitäns D'Arcn-Irvine zum Werfen der Rettungsleine mit Erfolg versucht worden. Die Kanone hat namentlich für den Küstengebrauch den wesentlichen Vorteil der leichtern Fortschaffung, kann aber auch vom Schiff aus sowie zwischen Schiffen gebraucht werden. Die Wurfweite

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ist etwa 370 m, also nicht größer als bei der Rakete. Zum Schuß ist die Luft bis zu etwa 210 Atmosphären zu verdichten. Auch Rettungsbojen verschiedener Einrichtung, unter ihnen eine solche mit Ölfüllung, aus welcher selbstthätig Öl zum Glätten der Wellen austritt, sind vorgeschlagen worden. Frattini-Ingaramo hat aus elastischem Stoff einen 15 cm breiten Rettungsgürtel hergestellt, der Chemikalien enthält, die bei der Berührung mit Wasser schnell Gase entwickeln und den Gürtel aufblähen. Derselbe kann auch durch den Raketenapparat in Seenot befindlichen Fahrzeugen zugeworfen werden. Italienische Schiffahrtsgesellschaften sollen diesen Gürtel eingeführt haben.

Es lag nahe, die großen Vorteile, welche die Dampfkraft für die Fortbewegung der Schiffe bietet, auch den Rettungsbooten zuzuwenden; aber die Ausführung stieß bei dem geforderten geringen Tiefgang der Boote auf Schwierigkeiten, die zu überwinden nicht gelang. Im J. 1887 hat der englische Verein zur Rettung aus Seenot einen Preis für das beste System der mechanischen Fortbewegung von Rettungsbooten ausgeschrieben, worauf die Firma R. u. H. Green in Blackwall ein Dampfrettungsboot mit hydraulischer Propulsion vorschlug und im Auftrag der Gesellschaft erbaute. Bei der Übernahme hat dasselbe eine sehr strenge Prüfung in Bezug auf Stabilität, Seetüchtigkeit, Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit mit glücklichem Erfolg bestanden.

Das Boot ist 15,20 m lang, 4,36 m breit und wiegt mit 3 Ton. Kohlen, der Bemannung von 9 Köpfen und 30 Passagieren 21,5 T., wobei es 0,99 m Tiefgang hat. Es hat eine zweicylindrige Verbundmaschine von 170 Pferdekräften, einen Thornycroftschen Wasserröhrenkessel mit 0,79 qm Rost- und 56,24 qm Heizfläche. Die durch die Maschine getriebene Turbine kann bei Vollkraft in der Minute durch eine Öffnung im Boden 60 T. Wasser ansaugen. Die Ausflußröhre können beliebig beide oder einzeln nach vorn oder hinten gerichtet werden, so daß bei herabgeminderter Fahrt das Boot mit Hilfe von Steuerruder und Turbine in 50, mit der Turbine allein in 52 Sekunden einen vollen Kreis beschrieb. Das Boot kann bequem 9 Knoten Fahrt innehalten, es führt aber auch ein Luggersegel und einen Klüver.

An der deutschen Küste sind drei Gruppen von Rettungsgeräten bei den Rettungsstationen im regelmäßigen Gebrauch, Rettungsboote, Rettungsgeschosse und Rettungsringe 2c. Die Boote sind aus gewelltem Eisenblech gebaut, 7,5, 8,5 und 9,5 m lang und wiegen 1100, resp. 1350 und 1600 kg. Sie haben platte Kielsohle und sind im Bug scharf gebaut, sie haben viel Sprung und in der Form große Ähnlichkeit mit den als ausgezeichnete Seeboote berühmten New Bedford wale boats. Der Tiefgang ist zwischen 25 und 30 cm. Der Kiel wird durch Seiten- oder Stechschwerter ersetzt. Die Boote haben Luftkasten vorn und hinten sowie zu beiden Seiten und sind zum Rudern und Segeln eingerichtet. Nur aus einzelnen Stationen, wo die Boote geringe Entfernungen zu durchlaufen haben, sind sie allein zum Rudern eingerichtet; sie sind vorn und hinten ganz gleich gebaut, so daß das Umdrehen vermieden wird. Damit die Boote auch bei der höchsten See die Steuerfähigkeit nicht verlieren, sind sie außer mit dem langen Steuerremen noch mit einem Steuerruder versehen, über welches, der Form des Ruders genau angepaßt, ein Mantel aus Eisenblech angebracht ist, welcher, heruntergelassen, eine Verlängerung des Ruders bildet, so daß damit auch noch das Boot zu steuern ist, wenn es seinen Hintersteven aus