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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Sendschirli (archäologische Forschungen)
erregten Krampf stattfindet, der nur durch heftige Reize ausgelöst werden kann, sind in neuerer Zeit von Contejean fortgesetzt worden. Derselbe zeigte namentlich an Heuschrecken und Eidechsen, daß dieselben nicht im stände sind, ihre Glieder freiwillig fahren zu lassen. Befestigt man eine Heuschrecke an ! einem ihrer Springfüße, so wird das Insekt, wenn man es mit einem glühenden Draht verfolgt, niemals den Fuß durch Autotomie abwerfen, um der Gefahr zu entrinnen, während dasselbe Glied sofort abgebrochen wird, wenn man es der Hitze aussetzt.
Dasselbe erfolgt bei elektrischer, chemischer und mechanischer Reizung des Oberschenkels am Springfuße.
Die Ablösung erfolgt stets in dem dazu vorgerichteten Gelenk zwischen Hüfte und Oberschenkel, welches einen spitzen Winkel mit einen: sehr kurzen und einem sehr langen Schenkel bildet. Beim Abbrechen nimmt die Hüfte, welche gewöhnlich senkrecht steht, eine horizontale Richtung an, indem sie sich heftig nach hinten biegt ;derfestgehaltene Oberschenkel kann nicht folgen, und so Zerreißt die Gelenkkapsel und die heftig bewegte Hüfte löst sich ab. Wenn der Oberschenkel keinen festen Stützpunkt besitzt, kann selbst die heftigste Reizung kein Abwerfen hervorrufen. Bei Eidechsen läßt sich der Versuch mit ähnlichem Erfolg anstellen. Befestigt man sie am Schwänze und droht mit einem glühenden Eisen, so vermögen sie den Schwanz nicht abzubrechen, dies geschieht aber sofort, wenn der Schwanz selbst gereizt wird. Derselbe krümmt sich dann seitlich, indem er ein liegendes 3 bildet, die ungemein heftige reflektorische Bewegung erzeugt alsbald einen Bruch an der konvexen Seite der Krümmung und zwar meist an der der Schwanzspitze Zunächst gelegenen; krampfhafte Zuckungen machen dann den Bruch vollständig, und das Tier wird frei. Sind die Heuschrecken oder Eidechsen durch längeres Fasten geschwächt, so läßt sich die Selbstverstümmelung nicht hervorrufen, ebensowenig bei stark abgekühlten Tieren; sie erfolgt um so leichter, je kräftiger und lebhafter das Tier ist. Endlich tritt die Selbstverstümmelung bei einer geköpften Eidechse viel leichter ein als bei einer unversehrten, genau so, wie auch alle andern Reflexbewegungen nach Entfernung des Großhirns intensiver vor sich gehen.
Dagegen wird durch Verletzung der in Funktion tretenden Nückenmarkstsile oder der Segmentganglien des Insekts die Möglichkeit der Selbstverstümmelung sofort aufgehoben.
Sendschirli in Nordsyrien. Gehtman vonder innersten Spitze des Winkels, welchen die Südküste von Kleinasien mit Syrien bildet, von Alexandrette (Iskanderun), nordöstlich landeinwärts, so gelangt man, erst lange am Gebirge nordwärts hin, auf einer ca. 120 km langen Reise über das Gebirge hinweg zu dem Ruinenhügel S. Issus, bekannt durch Alexanders Sieg, liegt beinahe unter demselben Breitengrad (Issus ca. 37", S. ca. 37,io«), in der Luftlinie 50 km von S. entfernt. Dort lag ums Jahr 900 v. Chr. eine feste Burg, umgeben von einer doppelt ummauerten Unterstadt, welche uns als etwas völlig Neues erst in den letzten Jahren (1882-90) durch Puchstein, v. Luschan und Koldewey bekannt geworden ist. Welches Volk sie gebaut, ob vielleicht die aus ägyptischen und babylonischen Inschriften bekannten Chetiter oder Hetiter (oder Cheta, Hati), ist noch unbekannt, da die einheimischen Inschriften in einem noch nicht entzifferten Schriftsystem geschrieben sind. Wir wissen auch nicht den alten Namen der Stadt, sondern bezeichnen die Stätte mit dem modernen Namen. Doch sind dort große ara mäische Inschriften gefunden worden, welche beweisen, daß im 8. Jahrh. v. Chr. dort jener semitische, dem Hebräischen verwandte Dialekt gesprochen wurde.
D^n Kern der ganzen Anlage bildet ein Hügel, dessen Fläche etwa die doppelte Größe des Berliner Schlosses mißt. Die Thore der Umfassungsmauer dieses Vurghügels liegen im Süden, wo er in die Ebene verlief. Wer durch das Hauptthor eingetreten war, sah sich bald vor einer turmbewehrten, den Hügel quer übersetzenden Abschnittsmauer mit einem zweiten Thore. Beide Thore waren an ihrem untern Teile mit Skulpturen geschmückt; vor den Laibungen des zweiten Thores standen speziell große Löwen, welche in das Berliner Museum gekommen sind.
Vielleicht zog sich an die Spitze des Hügels noch eine zweite Abschnittsmauer mit einem dritten Thore.
Auf der so stark verteidigten Oberfläche standen einige Paläste, deren jüngster etwa ins Jahr 730 v. Chr. gehört.
In einem Abstand von 200-250 m zog sich um den Burghügel wie um das Zentrum eines Kreises die Stadtmauer; sie bildet zwei völlig parallele, mit geringem Zwischenraum dahinziehende konzentrische Kreise, mathematisch genau rvie mit dem Zirkel gezogen. Der Durchmesser des äußern Kreises beträgt also 700 m. Diese beiden Mauerringe sind durch je wohlgezählte 100 turmartige Vorsprünge verstärkt.
Die Erklärung dieser Thatsache liefern uns die assyrischen Stadtpläne, welche auf den von Layard ausgegrabenen Reliefreihen von Niniveh abgebildet sind.
Die äußere Mauer war danach etwa halb so hoch wie die innere, di? Türme trugen oben ein hölzernes Obergeschoß, welches höchstens 4 5 Bogenschützen Platz gewährte: die vielen kleinen Turmvorsprünge hatten den Zweck, den die Mauer bestürmenden Feind zu flankieren. Die zweite, höhere Mauer gewährte sogar die Möglichkeit, von zwei Etagen übereinander gleichzeitig den Angreifer zu beschießen. In die zwischen Ringmauer und dem Burghügel liegende Unterstadt hinein führten drei Thore, jedes von zwei starken, vorspringenden Türmen flankiert, so daß auf die Thore im ganzen 6, auf die Stadtmauern selbst je 94 Türme kommen. Das eine Thor liegt direkt südlich vom Burghügel, die beiden andern rechts und links davon in ungefähr gleichen Abständen; zwischen Südthor und Westthor stehen 25, zwischen Südthor und Nordostthor 32, zwischen West- und Nordostthor oben 37 Türme. Da die Stadtmauer eine doppelte ist, so sind auch die Thore Doppelthore; das Hauptthor führte von Süden direkt nach der Burg. Dies Thor zeigt die ganze Anlage durch Verdoppelung verstärkt, hat also vier Eingänge hintereinander. Der Ursprung dieser Bauweise ist nicht in einem Gebirgslande, sondern in Assyrien, dem klassischen Boden der künstlichen Plateaus, der nur von der menschlichen Phantasie, nicht von Naturbedingungen abhängigen
Städteanlagen.
Die Laibungen der Burgthore und die Paläste waren mit Relief- und Rundwerken geschmückt, welche zum Teil nach Konstantinopel, zum Teil nach Berlin gekommen sind. Scharf zu unterscheiden sind dabei einheimische Skulpturen eignen Charakters und von Assyrien her beeinflußte. Die Reliefs gehören teilweise zu den rohesten, in Vorderasien gefundenen, zum Teil aber zeigen sie eine höhere Stufe, soweit sie wenigstens unter assyrischen Einfluß gekommen sind. Es scheinen meist göttliche Figuren zu sein, doch bleibt die Erklärung meist noch zweifelhaft.
Besonders gelungen sind die großen Löwen, welche dem Fremden beim Betreten der Thore die Zähne