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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Staatsromane (kommunistisch-volkswirtschaftliche)

besonders beliebt sind. Sie knüpfen an die Beobachtung der herrschenden volkswirtschaftlichen Verhältnisse und an die mit denselben verbundenen hervorstechendsten Mißstände an und suchen Bilder von volkswirtschaftlichen Ordnungen zu entwerfen, in welchen diese Schattenseiten ganz fehlen oder doch soviel wie möglich zurückgedrängt sind. Es ist begreiflich, daß gerade zu jenen Zeiten, wo die Übelstände in der Volkswirtschaft jeweils einen Höhepunkt erreichen, das Streben nach Beseitigung derselben auch auf die Verfassung solcher phantastischer Darstellungen in erhöhtem Maße einwirkt. Da ferner innerhalb der nationalökonomischen Lehre der Sozialismus und Kommunismus einerseits vielfach phantastische Darstellungen von Wirtschaftsordnungen vermittelt, anderseits den Zweck hat, die Mißstände des herrschenden Wirtschaftssystems durch eine radikale Umgestaltung der volkswirtschaftlichen Güterversorgung vollkommen zu beheben und an deren Stelle ein glückliches Zeitalter herbeizuführen, ist es begreiflich, daß die S. volkswirtschaftlichen Charakters sich zumeist auf das engste an die Lehren der Sozialisten und Kommunisten anschließen, indem sie ihnen ihren wissenschaftlichen Gehalt vollinhaltlich

entnehmen.

Daß die volkswirtschaftlichen S. gerade mit dem 16. Jahrh. beginnen, liegt tief im Zeitgeist begründet. Mit dieser Zeit brach nach langem Stillstand eine völlig neue Epoche geistigen Lebens wieder an, der Humanismus brachte überall seine Früchte hervor, und allmählich wurde ein Gebiet um das andre der Wissenschaft, und zwar zunächst der Staatswissenschaft, gewonnen. Daneben bestand aber um die Wende der Neuzeit eine tiefe soziale Gärung, welche in weitverbreiteten und heftigen kommunistischen Manifestationen zum Ausbruch kam. Wenn diese auch bald unterdrückt waren, so blieb doch die Überzeugung von der Ungerechtigkeit der ungleichen Güterverteilung unter den Menschen tief eingewurzelt bestehen, und die Anschauung kehrt stets von neuem wieder, daß dieselbe eine Folge der Institution des Privateigentums sei. Damit ergeben sich die zahlreichen Verbrechen und das Elend unter der großen Masse bei Übermut und Herrschsucht der Reichen. In diesen Anschauungskreis wurde dann durch die Litteratur der Aufklärungszeit im 18. Jahrh. ein neuer Gärungsstoff, durch den Gedanken von der allgemeinen Gleichheit der Menschen von Natur aus, hineingetragen. Gerade diese ursprüngliche Gleichheit werde eben durch die Institution des Privateigentums vernichtet, und es müsse deshalb dieses letztere abgeschafft werden. Es steht damit im Zusammenhange, daß wir in einer großen Anzahl der S. diesem Zurückgehen auf den Naturzustand oder wenigstens weit zurückliegende Entwickelungsstadien der Menschheit begegnen. Wenn wir dann endlich in unsrer Zeit die S. wieder in größerer Zahl erstehen sehen, so hängt dies eben mit dem neuesten gewaltigen sozialen Umschwünge zusammen, der den Staatssozialismus der Gegenwart geschaffen hat.

Die volkswirtschaftlichen S. lassen sich in drei Gruppen einteilen, je nachdem sie auf der herrschenden nationalökonomischen Lehre oder auf der des Sozialismus oder des Kommunismus fußen. Die älteste, weitaus zahlreichste, der Phantasie den größten Spielraum bietende Gruppe ist jene der

1) kommunistischen S. volkswirtschaftlichen Inhalts. Diese stellen Völker dar, welche wie eine einzige große Familie wirtschaften, in der alle Güter allen gemeinschaftlich gehören; das gilt nicht nur von den Produktionsmitteln, sondern auch von dem Genußvermögen. Die Arbeiten werden nach einem einheitlichen, von der Obrigkeit festgesetzten Plan von den Bewohnern ausgeführt, die Erzeugnisse in den gemeinschaftlichen Magazinen niedergelegt und an die Bewohner verteilt. Diese führen auch im allgemeinen einen gemeinsamen Haushalt, was bei mehreren Romanen konsequent bis zur Aufhebung der Ehe und Gemeinsamkeit des Geschlechtslebens sowie zur Erziehung der Nachkommen durch die Obrigkeit durchgeführt wird. Ehe auf die einzelnen S. seit Beginn des 16. Jahrh. eingegangen wird, sei erwähnt, daß sich ein kommunistischer Exkurs in Platons »Staat« findet, in dem die Klasse der Krieger oder »Wächter« in dieser Wirtschaftsform, und zwar auf Kosten der übrigen Klassen, lebt. Sie wohnt in gemeinschaftlichen Wohnungen und wird auf öffentliche Kosten verpflegt. Der Stand setzt sich aus den tüchtigsten Männern und Weibern zusammen, welche ein nach Art der »Zuchtwahl« von der Obrigkeit geregeltes Geschlechtsleben zur Erzielung der besten Nachkommenschaft führen.

Wenn diese Skizze Platons auch der Form nach für die spätern S. wichtig geworden ist, so muß jedoch vor einer Überschätzung ihres Inhalts sowie ihres materiellen Einflusses auf die spätere Litteratur gewarnt werden. Diese beginnt mit der berühmten »Utopia« von Thomas Morus, welche unter dem Titel: »De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia« zuerst 1516 in Löwen in lateinischer Sprache erschien und seither in fast alle Kultursprachen übersetzt sowie unzähligemal aufgelegt wurde. Die erste Übersetzung war eine deutsche, und zwar von Bebel zur Zeit der Bauernkriege (1528); die jüngste, aber leider nicht gute, ist in der Reclamschen Universalbibliothek enthalten. More, der Staatskanzler Heinrichs VIII. von England, war ein ebenso theoretisch wie praktisch tüchtiger Volkswirt und ein eminent geschulter ideenreicher Philosoph und Humanist, der von wärmstem Mitgefühl für die Armen und Unterdrückten erfüllt war. In den zeitgenössischen Verhältnissen des Landbaues sah er noch zahlreiche Spuren des Agrarkommunismus, während er anderseits die gewaltigen Wirkungen der Industrie und des Latifundienwesens mit ihrer Massenverarmung voraussah. Dazu kam der gewaltige Einfluß der kommunistischen Strömungen der Zeit, insbesondere in Deutschland. So lagen die wesentlichsten Bedingungen zur Abfassung der Utopia in More selbst und in den Zeitverhältnissen, wobei er aus Platon wohl nur die äußerliche Anregung zur Form erhielt. Utopia, Nirgendheim, diese Insel in der Nähe Südamerikas, welche er zum Schauplatz seiner Ausführungen macht, stellt ihm England dar und die Hauptstadt desselben London. Der Verfasser legt dieselben der Romanperson Hythlodäus, einem vielgereisten portugiesischen Seefahrer, als Erzähler in den Mund. Die Insel Utopia besitzt 45 gleich weit voneinander entfernte Städte und dann Meierhöfe (nicht Dörfer) auf dem Lande. Jeder dieser letztern ist von einer Familie (je 20 Männern und Frauen und 2 Sklaven) unter der Führung eines Vaters und einer Mutter bewohnt, und je 30 derselben unterstehen einem Direktor. Alljährlich wechselt die Hälfte der Landarbeiter mit den Städtern, um nicht mit Arbeiten überlastet zu werden. Die Städte sind sich alle gleich, ebenso wie die Wohnhäuser, die durch das Los verteilt und alle 10 Jahre gewechselt werden. Alle Utopier lernen zuerst den Landbau und außerdem ein Gewerbe, in der Regel das des Vaters, und alle arbeiten. Luxus-^[folgende Seite]