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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Staatsromane (religiöse, naturhistorische etc.)

libri XXII« (1562) neben den zeitgenössischen und alten Staaten auch das Land Utopia. Was zunächst die altertümelnden politischen S. nach Xenophons Vorbild anbelangt, so gehören hierher: Fénelons »Télémaque« (1700), dann de Ramsay, »Les voyages de Cyrus, histoire morale« (Par. 1727), aber auch in minderm Maße einige der folgenden. Le Grands »Skydromedia« (Nürnb. 1680) schildert in Form eines der Utopia nachgeahmten Dialoges die Einrichtungen eines Indien benachbarten Landes, welche aber von den europäischen nicht sehr verschieden sind. Der »Ophirische Staat« eines unbekannten Verfassers (Leipz. 1699) ist eine Aufzählung jener Einrichtungen, die in einem gut organisierten Gemeinwesen vorhanden sein sollen. Abbé de Terasson erzählt in seiner Schrift »Sethos, histoire ou vie tirée de monumens anecdotes de l'ancienne Égypte« (Amsterd. 1732) die Erlebnisse des ägyptischen Königsohnes Sethos, der als Ideal eines Jünglings und Prinzen geschildert wird. Gleichfalls wenig bedeutungsvoll, wie die meisten der vorgenannten S., ist des Polenkönigs Stanislaus Leszczynski »Entretien d'un Européen avec un Insulaire du Royaume de Dumocala« (1752), in welchem ein weiser Brahmane einem verschlagenen Seefahrer die Einrichtungen seiner Heimat mitteilt (eine Art allgemeiner Wehrpflicht statt Söldnerheeren, Ernennung der Richter auf Grund von Prüfungen statt des Stellenkaufes, allgemeine Zugänglichkeit der Schulen etc.). Schließlich sei noch auf A. v. Hallers drei Schriften: »Usong. Eine morgenländische Geschichte in vier Büchern« (Bern 1771), »Alfred, König der Angelsachsen« (das. 1773) und »Fabius und Cato, ein Stück römischer Geschichte« (das. 1774) hingewiesen, welche den drei Staatsformen der Despotie, der gemäßigten Monarchie und der Republik gewidmet sind. Im allgemeinen sind diese S. wenig belangreich; sie schildern entweder Idealgestalten von Fürsten und Fürstensöhnen, edle Menschen überhaupt, oder Einrichtungen, welch letztere heute schon ziemlich allgemein bestehen.

III. Romane auf dem Gebiete andrer Wissenschaften. Zukunftsbilder.

1) Die S., und zwar zumeist die allgemeiner gehaltenen politischen, greifen öfters über das Gebiet des Verfassungs- und Verwaltungsrechtes sowie der Wirtschaftsordnung hinaus und gelangen dadurch auf das Gebiet andrer Wissenschaften. So könnte man mit einiger Berechtigung S. Beringtons ursprünglich in englischer Sprache in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. erschienenen Staatsroman: »Denkwürdigkeiten Gaudentios von Luca« auch als religiösen Roman bezeichnen, da der Verfasser die Religion der Mezzoranier (eines Volkes von Feueranbetern), der Ureinwohner von Ägypten, welche, durch die Hyksos vertrieben, in die Wüste flohen und nach langer Irrfahrt in Zentralafrika ein gesegnetes Land entdeckten, besonders eingehend schildert. Anderseits könnte man das »Land der Freiheit« (Graz 1874) von F. Amersin als philosophischen oder pädagogischen Roman hinstellen, wenn er auch in die Form eines Staatsromans gekleidet ist.

2) In unsrer Zeit sind die naturhistorischen Romane durch Jules Verne zu ganz besonderer Bedeutung gelangt. Dieselben besitzen einen Vorläufer in den Werken des dänischen Dichters Holberg: »Nikolaus Klimms unterirdische Reise« (lateinisch erschienen, Kopenh. und Leipz, zuerst 1741), mit welcher unter anderm die »Reise zum Mittelpunkt der Erde« von Verne viele Ähnlichkeit besitzt. Der Held, Klimm, entdeckt bei Bergen in Norwegen auf einer Bergesspitze einen tiefen Schlund, in welchen er beim Herablassen stürzt und so in das Innere der Erde gelangt. Die Erdkugel ist hohl, im Mittelpunkt steht eine Zentralsonne, und um diese kreist der Planet Nazar. Die Innenwand der Hohlkugel ist bewohnt, und deren Bewohner bilden eine Art Antipoden der Erdmenschen. Klimm irrt nun in dieser Unterwelt umher, kommt zu den abenteuerlichsten Völkern, z. B. zu Baummenschen (konservatives Prinzip), Affenmenschen Neuerungssucht) etc., bis er endlich, auf einer Flucht begriffen, in eine Höhle stürzt, und zwar in dieselbe, durch welche er in diese Unterwelt gelangte und sich so nach einigen Jahren wieder am Rande derselben Schlucht an der Oberwelt findet, in welche er seiner Zeit gefallen war, und von welcher aus er Bergen erforschen wollte. Durch J.^[Jules] Verne haben die naturhistorischen Romane eine glänzende Ausbildung erfahren und sich auf das Gebiet der Astronomie, Physik, Chemie, Zoologie, Botanik etc. ausgedehnt.

3) Von den Staats- oder Wissenschaftsromanen ist das einfache Zukunftsbild trotz großer Ähnlichkeit doch zu unterscheiden. Es ist wohl wahr, daß die S. häufig als Grundlage der Fabel eine Epoche der Zukunft und eine Verknüpfung der Gegenwart mit derselben benutzen, aber dies ist dann nur ein Romanbehelf, um die Schilderung wesentlich verschiedener Wirtschaftsverhältnisse glaublich zu machen, sowie die politischen S. in die Vergangenheit zurückgehen, um zu primitiven Volkszuständen zu gelangen. Bei dem Zukunftsbilde kommt es dagegen in erster Linie auf die Schilderung der gesamten, insbesondere gesellschaftlichen Verhältnisse an, welche eine solche ferne Zeit mit sich bringt. Kommen dabei volkswirtschaftliche oder naturwissenschaftliche Probleme, Zustände und Erfindungen, was meist der Fall ist, mit in Betracht, so werden diese einfach als gegeben oder gelöst angenommen, ohne daß auf die wissenschaftliche Seite der Fragen weiter eingegangen und nur deren Einwirkung auf die gesellschaftlichen Zustände beachtet wird. Ein solches ganz hübsches Zukunftsbild lieferte z. B. schon L. S. Mercier in: »L'an deux mille quatre cent quarante« (»Das Jahr 2440«, Amsterd. 1771). Verfasser schildert das Paris von 1770 und erzählt, daß er eines Abends in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem er erst 670 Jahre später, d. h. im J. 2440, erwachte (Bellamy). Die steife und gezierte Tracht ist einer bequemen gewichen, das Waffentragen verboten. Das neue Paris ist prachtvoll ausgebaut, die Straßen sind breit und rein, der massenhafte Verkehr geordnet. Die Bastille ist verschwunden, ebenso wie die »Lettres de cachet«. Auf der Sorbonne wird nicht mehr scholastisch disputiert, sondern tüchtig Medizin und Chirurgie auf anatomischer Grundlage studiert. Die Metaphysik hat der Physik Platz gemacht. Die Verfälschung der Lebensmittel ist bei Strafe verboten. Aus Zeitungen ersieht der Verfasser, daß Japan den Fremden geöffnet, in Rußland die Leibeigenschaft aufgehoben und der Papst nicht mehr weltlicher Herrscher ist u. dgl. Mercier hätte statt 2440 nur 1890 schreiben müssen, und seine Prophezeihungen wären auffallend richtig gewesen. Im allgemeinen aber hält sich dieses Zukunftsbild doch noch in bescheidenen Grenzen, was von den modernen Schriften dieser Art nicht gesagt werden kann, in welchen die Phantasie vielmehr große Sprünge macht und insbesondere kolossale technische Veränderungen voraussetzt. Dies gilt z. B. für den Roman von H. Truth: »Am Ende des Jahrtau-^[folgende Seite]