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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Tonpsychologie - Toppzeichen
Wahrnehmung des Willensimpulses, eine sogen. Inuervationsempsindung ist, darüber vgl. Muskelsinn. 4) Man kann der Tonreihe sowohl äußere als innere Unendlichkeit zuschreiben. Äußere, d. h. die Möglichkeit immer tieferer und höherer Töne; innere, d. h. die Möglichkeit immer kleinerer Distanzen zwischen je zwei beliebigen Tönen. Allein diese Übertragung räumlicher Vorstellungen auf das Tongebiet hat weder praktische noch theoretische Bedeutung. Weit interessanter ist die bereits unter 3) erwähnte und nunmehr zu zergliedernde Raumsymbolik der Höhe und Tiefe bei Tönen. Indem wir nämlich diejenigen Eigentümlichkeiten aufzählen, welche sich regelmäßig mit der Tonqualität verändern und mit der Tonreihe parallel laufende Reihen bilden, ergibt sich daraus auch von selbst die Erklärung für die allgemeine Auffassung derselben als einer von der Tiefe zur Höhe fortschreitenden Reihe wie auch für die sonstigen hierher gehörigen Auffassungen, die in verschiedenen Sprachen hervortreten, a) Jeden Ton begleitet cm gewisses Gefühl: wir sprechen von dumpfen, hellen, scharfen Klängen, d) Die tiefen Töne besitzen im allgemeinen geringere Glätte und e) geringere Empfindungsstärke. Ihnen kommt ä) in der Vorstellung eine größere Ausdehnung, 6) ein langsameres Anklingen wie Abklingen und eine längere Veurteilungszeit zu als den höhern. 5) Sind in diesen Bestimmungen die wichtigsten Bedingungen der Beurteilung von Tönen enthalten, so werden wir im folgenden die Bedingungen der Zuverlässigkeit solcher Nrteile zusammenstellen. Auf die Zuverlässigkeit der Nrteile über Töne an sich ist von Einfluß: a) Der Unterschied verglichener Töne, ausgedrückt durch die Differenz ihrer Schwingungszahlen.
Es ist klar, daß Vergleichungen leichter uud weniger schwankend erfolgen, je größer diese Differenz ist. d) Die absoluten Qualitäten verglichener Töne, ausgedrückt durch ihre absoluten Schwingungszahlen.
Derselbe Tonunterschied z. V. von einer Schwingung wird in einer Tonregion bemerkt, in einer andern nicht, was jeder Musiker zur Genüge weiß. c) Die individuelle augenblickliche Disposition des Gehörorgans, ä) Die Dauer, zeitliche Distanz und Lage der Töne. s) Der Umstand, ob gleichseitig oder ungleichseitig gehört wird. f) Die Klangfarbe und deren Ungleichheiten; mit andern Worten: die durch beigemischte Obertöne und Geräusche bedingten Gefühle. A) Die Stärke und der Stärkeunterschied der Töne. Geringe absolute Stärke und jede Ungleichheit der Stärke zweier Töne sowie Stärkeschwankungen beeinträchtigen die Zuverlässigkeit des qualitativen Urteils, k) Der augenblickliche Aufmerksamkeitsgrad, i) Das augenblicklich vorhandene Gedächtnis für Töne von der Art der zu beurteilenden; allgemeiner ausgedrückt: der Übungsgrad hinsichtlich solcher Vorstellungen. So viele und verschiedene Einflüsse sind es, von denen die Zuverlässigkeit eines Urteils schon in so einfachen Fällen n/ie bei der Frage nach Gleichheit oder relativer Höhe zweier Töne abhängig ist; sie wachsen, sobald es sich darum handelt, Tondistanzen abzuschätzen. 6) über einzelne der erwähnten Punkte liegen auch ausgedehnte Versuchsreihen vor. Zunächst über Beurteilung der Gleichheit oder Ungleichheit zweier ohne erhebliche Pause aufeinander folgender Töne, mit andern Worten: über eben merkliche Tondifferenzen. Man hat gefunden, daß sehr musikalische und geübte Personen die Töne von 500 und 500,:; sowie 1000 und 1000,5 Schwingungen in der Sekunde noch regelmäßig unterscheiden. Weit seltener ist der Sinn für
absolute Tonhöhen, das sogen, »absolute Gehör«, worunter man versteht: die Fähigkeit, isolierte Töne, bei denen alle sonstigen Hilfsmittel zur Bestimmung der Höhe (Intervalle, Klangfarbe freier Saiten :c.j fortfallen, richtig zu benennen. Im allgemeinen ist die Zuverlässigkeit hierbei recht gering und nach den Regionen (tiefe, mittlere, hohe Region) sehr wechselnd, wie die Erhebungen von Stumpf zeigen. 7) Ein ganz neues Problem für die T. ist in der Wahrnehmung eines Akkordes, sagen wir der beiden Töne o und 6, enthalten. Das Problem lautet so: Werden bei gleichzeitiger Einwirkung mehrerer einfacher Wellen, mehrere oder nur ein Ton empfunden? Und wie erklärt sich im ersten Fall die Auffassung der Mehrheit als Einheit, im letzten Fall die Auffassung der Einheit als Mehrheit? Da nun bei länger dauernden Klängen die Möglichkeit zu berücksichtigen ist, daß die einzelnen Töne nacheinander, in einem sogen.
Wettstreit gehört würden, und daß nicht ihre Mehrheit, sondern nur ihre Gleichzeitigkeit Täuschung wäre, so erhalten wir drei nebengeordnete Anna h m e n: Es können bei Einwirkung einer zusammengesetzten Schwingung auf das Ohr während einer nicht allzu kurzen Zeit entweder a) mehrere Empfindungen gleichzeitig, oder d) nur eine Empfindung, oder e) mehrere Empfindungen nacheinander vorhanden sein. Wir sprechen daher von den Hypothesen der Mehrheit (a), der Einheit (b) und des Wettstreites (o). Von ihnen ist die der Mehrheit seit alters bevorzugt worden und, wie es neuerdings scheint, mit Recht, denn was der Mehrheit das Ansehen der Einheit verschafft, ist nicht eine wirkliche Einheit, sondern eine Verschmelzung der verschiedenen Töne zu einem Empfindungsganzen, in dem trotz der engsten Zusammengehörigkeit die einzelnen Teile als solche erhalten bleiben. Wir nennen also mit Stumpf Verschmelzung dasjenige Verhältnis zweier Empfindungsinhalte, wonach sie nicht eine bloße Summe, sondern ein Ganzes bilden. Die Folge dieses Verhältnisses ist, daß mit höhern Stufen desselben der Gesamteindruck sich unter sonst gleichen Umständen immer mehr dem einer Empfindung nähert und immer schwerer zergliedert wird.
Die Verschmelzung ist bald mehr, bald weniger vollkommen, und zwar bemerken wir folgende fünf Grade: ^)^) die Verschmelzung der Oktave, d) die der Quinte, o) die der Quarte, ä) die der sogen, natürlichen Terzen und Sexten, 6) die aller übrigen musikalischen und nichtmusikalischen Tonkombinationen.
Als Ursachen der Verschmelzung sind meist psychologische Überlegungen ins Feld geführt worden, der Hauptsache nach fünf Erklärungsgründe: Allgemeine Gesetze über Wechselwirkung der Vorstellungen, wie solche von Herbart entwickelt wurden; die Ähnlichkeit der bezüglichen Empfindungen; die Mischung der begleitenden Gefühle; der Glättegrad der Empfindungen (relativer Mangel an Schwebungen); dio Häufigkeit ihres Zusammenseins im Bewußtsein.
Alle diese Bemühungen aber einer psychologischen Erklärung der Verschmelzung sind fruchtlos geblieben, und Stumpf wenigstens ist zu der Überzeugung, gelangt, daß nur eine physische Veranstaltung in der Großhirnrinde den unmittelbaren Grund der Verschmelzung enthalten könne. Von der Beschaffenheit einer solchen körperlichen Grundlage können wir uns aber noch keine Vorstellung bilden. Vgl. Stumpf, Tonpsychologie (Leipz. 1883-90, Bd. 1 u. 2); D erfelbe in der ^Zeitschrift für Psychologie« 1891; Wundtin »Philosophische Studien« 1891. Toppzeichen, s. Seezeichen, S. 826.