Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

934
Ungarische Litteratur der Gegenwart (Publizistik, Lyrik und Epik)
Szechenyi, seine im ganzen Lande Aufsehen erregenden und Hoffnung erweckenden und nährenden Artikel. Die Einführung der Pretzfreiheit entwickelte in kurzer Zeit die ungarische Publizistik derart, daß sie bald an Form und Inhalt hinter der Wiener nicht zurückblieb, an Quantität die letztere jedoch bedeutend überflügelte. Wir nennen die hervorragendsten in Budapest erscheinenden Tageblätter mit ihren ungefähren Auflagen. 1) Große, zweimal täglich erscheinende Blätter: »?68ti Mpio ,, jetzt Organ der Nationalpartei, unter dein Oppositionsführer Grafen AlbertApponyi(4000Exemplare); »^em^et«, Organ der Majoritätspartei, offiziös (2000); 2) großes, einmal täglich erscheinendes radikales Oppositionsorgan: »t^F^6tört68« (10,000); 3) kleine, aber einflußreiche Parteiblätter: »Vud^osti Hii1^<, redigiert uon dem Dichter Eugen Rätosi (20,000), »I'68ti tliil^«, gemäßigtes Organ, eher regierungsfreundlich (20,000), »Na^'l"' Üii'lap ,, Organ der liberalen Fronde (15,000); 4) eine Besonderheit bildet das belletristisch-politische Tageblatt I^vin'osi I^iwk«, das den reichsten Sammelplatz der ungarischen Lyrik und Novellistik bildet, von dem Abgeordneten Karl Vadnai redigiert (8000); 5) »LMa'post ,, illustriertes Volksblatt, täglich (30,000). Außer den genannten ungarischen erscheinen noch fünf Tageblätter in deutscher Sprache: »Pester Lloyd«, zweimal täglich (14,000), das größte, politisch und kommerziell maßgebendste Blatt Ungarns, von der ungarischen und gemeinsamen Wiener Regierung gern als Sprachrohr für das Ausland benutzt, redigiert von Max Falk; »Neues Pester Journal« (20,000), einmal täglich; »Budapester Tagblatt«, deutsches Organ der ungarischen Nationalpartei, redigiert von Julian Weiß (6000); »Politisches Volksblätt«; »Neues politisches Volksblatt«, illustriert, täglich (20-25,000).
Diese kräftige Entwickelung der ungarischen Publizistik ist um so höher anzuschlagen, als sich die besten Federn sowohl über als unter dem Strich in diesen Tageblättern vereinigen. Zu den tüchtigsten Publizisten Ungarns zählen: Baron Ivor Kaas, Eugen Nakosi, Ernst Mezei, Karl Eötuö's (oppositionell und radikal), Csernätoni, Nemenyi, Beksics (liberal), Veigelsberg, Haläsz (deutsch).
Die Publizistik besitzt um so mehr Einfluß, als die Redakteure meist auch im Parlament sitzen; etwa 24 Journalisten sind ungarische Abgeordnete.
Dem belletristischen Bedürfnis kommen außer den meist nach Pariser Vorbildern gepflegten Feuilletons der Tageblätter noch eine Anzahl illustrierter Wochenblätter entgegen: das älteste, »Vnsln'n^i DM^ ,, ferner Het«, »Oisxk^ vili^, endlich die dem deutschen Blatte »Vom Fels zum Meer« nachgeahmte vortreffliche Monatsschrift »Nag^r 8a-Ion«. Großer Blüte erfreut sich die Litteratur der Witzblätter, die, meist uon Johann I an k ö klassisch illustriert, auf das öffentliche Leben großen Einfluß ausüben. Das vornehmste satirische Wochenblatt ist »Voi'Lsxem^anko«, redigiert vondem Feuilletonisten Adolf Agai (s. d.); rücksichtslos im Ton ist das radikale >Ho1oiici Istok ,, redigiert von L. Vartök, ferner »Ü8Miö8«, gegründet von Maurus Iökai, »Illaiu Lät Mu«, eine Nachahmung der »Fliegenden Blätter«, »21a»^i' ^itz'ln'o«, Nachahmung des »^ouiuai amu^ut«. Von den Revuen hat sich einzig und allein die von der Akademie unterstützte »Nm?Hi)63ti Heinis« (nach Art der deutschen »Rundschau^) seit mehreren Jahrzehnten behauptet, während zahlreiche andre kritische und schönwissenschaftliche Organe nur kurzen Bestand hatten.
Die allzu rasche, in die Breite gehende Entwickelung der Tagespresse lenkte das Schrifttum in neue und nicht immer in die besten Bahnen. Der gute Geschmack litt unbedingt unter dein Lärm der Parteien und der Schlagworte des Tages. Einen andern großen Teil der nationalen Talente nahm, wie gesagt, das politische Leben für sich in Anspruch. Neu. erstand die politische Beredsamkeit. Das ungarische Parlament hörte nebels Deäk einen genialen Redner, wie Graf Julius Andrassy aus der Bismarckschen Schule, klassische Redner, wie Baron Sennyei und Graf Albert Apponyi, Dialektiker, wie Koloman Tisza, donnernde Radikale, wie Gabriel Ugron, satirische Gelehrte, wie Otto Hermann^ Humoristen, wie Moritz Iökai.
Lyrik und Epik.
Um eine Übersicht der gegenwärtigen »schönen^ ungarischen Litteratur nach den Kunstgattungen zu geben, wollen wir die hauptsächlichsten Namen, die auf Beachtung Anspruch machen, hervorheben. Die ^yrik hat durch den Tod Johann Aranys (1882) ihren letzten Großen verloren. Seitdem gilt Johann Vajda für den Nestor ungarischer Poesie. Als Vertreter eines philosophischen Pessimismus hat er manch wirkliches Kunstwerk von bewundernswerter Zartheit geschaffen. Er folgt dem modernen Zuge der Geister, während die Epigonen der Arany-Schule, Paul Gyulai, Karl Szasz^ Joseph Leuay, von der Schilderung idyllischen Familien- und Naturlebens sowie uon empfindsamer Selbstbespiegelung sich nicht losreißen können. Unter der jüngern Generation ist hervorzuheben Alexander Endrödi, eine weiche Natur, welche alle Stimmungen eines wechselvollen Daseins harmonisch und formvollendet zum Ausdruck zu bringen weiß. Er hat auch Heinrich Heine in die ungarische Litteratur eingeführt. In kräftigem Gegensatze zu ihm steht der Balladendichter Joseph Kiss, der nieist düstere Stoffe aus dem ungarischen uud jüdischen Volksleben ergreifend und lebensvoll behandelt.
Sein »Jehovah«, der einen alten, streng gläubigen Vibelschreiber schildert, dessen Kinder alle abtrünnig werden und fern uon ihm ihr Glück finden oder untergehen, während der Greis einsam und schmerzdurchwühlt seine Arme zum alten Herrn der Heerscharen emporstreckt, ist ein lyrisch-episches Juwel.
Durch diese und andre Dichtungen ist Kiss in Ungarn so populär geworden wie kaum ein zweiter Dichter.
Sein »Märchen von der Nähmaschine« sowie die meisten seiner Balladen sind auch ins Deutsche übersetzt worden. Einen mehr tendenziös-politischen Ton schlagen die Brüder Abränyi und Ludwig Bartök an. Kornel Abränyi, jetzt Abgeordneter vvnd Publizist, gebietet über einen vollen rhetorischen Ton, den sein jüngerer Bruder Emil, der gewandte Übersetzer Byrons, demagogisch färbt. Emil Abränyi und Ludwig Bartök sind jetzt die Hauptrepräsentanten der politischen Lyrik. Bartök ist ein Liederdichter voll Kraft und Emvfinduug, dem aber manchmal das sangbare, melodische Element fehlt. Die Übersetzung seiner »Karpathenlieder < wurde in Deutschland sehr beifällig aufgenommen. Wir werden ihm beim Drama wieder begegnen.
Tief betrauert wurde der frühe Tod des hochbegabten Julius Reuiczky, der fich im Elend verzehrte. Er hinterließ ein paar Bändchen ergreifender Lieder, in denen man ihn streben, schmachten, verzweifeln und langsam im Fieber der Schwindsucht hinsterben sieht.
Unter den jüngsten Lyrikern macht sich Ludwig Palägyi bemerkbar, der in seinen frühern Schö-