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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Abessinien

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Abessinien'

Maultiere, deren Zucht besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, findet man auf den Hochebenen von Begemeder und Lasta. Kamele werden nur in den Qollagebieten und der Samhara gezüchtet. In den Niederungen hausen Elefanten, Nashörner, Flußpferde, Wildschweine und allerhand Raubtiere, von denen die Hyäne bis auf die Hochebene steigt. In der Samhara und der Qollaregion finden sich Löwen, Schakale, Leoparden, Luchse, Wildkatzen und Füchse, im Süden auch die Zibethkatze. Affen sind zahlreich, besonders der schöne Guereza, der nebst einigen Nagetieren für A. charakteristisch ist. Auch die Vögel sind gut vertreten. Die Flüsse und Sumpflandschaften der Niederungen bergen Krokodile, große Schlangen und andere Reptilien. Heuschrecken werden oft zur Landplage; im ganzen ist aber die Insektenwelt wie die Landweichtiere sehr arm an originellen Formen. – Die Mineralschätze des Landes sind sehr bedeutend, aber nur wenig gehoben, da ein kunstgerechter Bergbau unbekannt ist. Hauptprodukte sind Gold, Eisen, Kupfer, Steinkohlen, Schwefel und Salz, letzteres aber nur in der Taltalebene und um den Assalsee.

Bevölkerung. Sprachen. Volksstämme. Die Bevölkerung des Abessinischen Reichs ist in den letzten Jahrhunderten durch innere Fehden, Menschenhandel, Hungersnot und Seuchen (Cholera) bis auf etwa 3–4 Mill. Köpfe zusammengeschmolzen. Die eigentlichen Abessinier, der Kern der Bevölkerung, sind meist schwarzbraun und schön gebaut. (S. Tafel: Afrikanische Völkertypen, Fig. 6.) Auf die ursprüngliche kuschitisch-hamitische Bevölkerung, von der noch Reste in den Agaw vorhanden sind, hat sich schon früh eine Schicht semitisch redender Einwanderer aufgelagert, die Herren des Landes und Träger der dortigen Kultur wurden. Semit. Sprachen haben daher auch heute noch die Oberhand im Lande (s. Amharische Sprache und Äthiopische Sprache). Dagegen sprechen die Agaw, besonders in Agaumeder und Lasta wohnend, eine zu den kuschitischen gehörende Sprache. In ihrer Sprache diesen verwandt sind die Falascha (s. d.) im Simengebirge und in verschiedenen andern Gegenden. Alle tiefern Gegenden des Landes nehmen jetzt die Galla (s. d.) ein, die seit dem 16. Jahrh. von Südwesten aus dem Innern Afrikas in A. eingedrungen sind und sich allmählich über Enarea, Damot, Godscham, Schoa, Angot, Amhara und Begemeder ausgebreitet haben. Die Abhänge des Hochlandes zwischen Massaua und Sula und weiterhin haben die Schoho oder Soho, mit eigentümlicher Sprache, inne. Sie unterscheiden sich etwas von den südlicher wohnenden 'Afar. In der Qolla leben heidn. Negerstämme, die Schangalla.

Gewerbe. Handel. Verkehrswesen. Hauptbeschäftigung der Bewohner ist ein höchst einfacher, auf Cerealien, Hülsenfrüchte und Ölfrüchte ausgedehnter Landbau, sowie Viehzucht. Die Hausindustrie beschränkt sich auf Leder- und Pergamentbereitung, Baumwollweberei, Anfertigung von Teppichen aus Wolle und Ziegenhaar, und Verarbeitung von Eisen und Kupfer. Der Handel ist von geringerer Bedeutung. Der Verkehr mit den Nilländern wird vorzugsweise durch drei Straßen vermittelt, die ihren Ausgang in Gondar haben. Die südlichste führt über Serke nach Roseres an den Blauen Nil, die andere durch die Grenzprovinz Kalabat zum Atbara hinunter nach Kassala und Suakin, und die dritte durch die Niederung des ↔ Takaseh über Sofi stößt mit letzterer zusammen. In neuester Zeit hat sich auch einiger Verkehr mit den europ. Kolonien am Roten Meer entwickelt, und zwar zwischen Schoa und Zeila am Golf von Aden über Harrar und mit Obok am Golf von Tedschura über Aussa. Jedoch ist für den ausländischen Handelsverkehr die jetzt zur ital. Kolonie Erythräa (Eritrea) gehörende Hafenstadt Massaua am Roten Meere der Hauptplatz; auch ist der überseeische Handel fast ganz in ital. Händen. Als Tauschmittel dienen in den Häfen die sog. Maria-Theresienthaler, im Innern Baumwollstoffe und Salzstücke (Amulê genannt).

Geistige Kultur. Der Religion nach sind die Bewohner A.s, mit Ausnahme der Mohammedaner in Harrar, in der Samhara und dem Lande der Adal, sowie des noch heidn. Teils der Galla, Christen. Doch geht dieses Christentum nicht über Äußerlichkeiten hinaus. (S. Abessinische Kirche.) In einigen Grenzbezirken hatte der Islam im 19. Jahrh. starke Fortschritte gemacht, aber der verstorbene König Johannes hat alle Mohammedaner aus dem eigentlichen A., wo sie den Haupthandel in Händen hatten, verwiesen. Die Vornehmen und Reichen leben in Müßiggang oder Kriegsfehden und überlassen ihr Hauswesen den Weibern und Sklaven. Letztere werden mild, die Feinde aber barbarisch behandelt. Das Volk ist im allgemeinen geistig begabt und thatkräftig, aber infolge der Auflösung aller öffentlichen Sicherheit und Ordnung tief gesunken.

Geschichte. Über die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrh. s. Äthiopien. 1855 gelang es dem Häuptling Kâsa im westl. Amhara, Ras Ali, den Reichsregenten des Schattenkaisers zu Gondar, und die Statthalter der übrigen Provinzen unter seine Macht zu beugen, worauf er sich 7. Febr. 1855 zum Kaiser (Negus Nagast) von A. krönen ließ und den Namen Theodor II. (s. d.) annahm. Er herrschte anfangs umsichtig und maßvoll, führte viele Verbesserungen ein, suchte namentlich europ. Techniker und Handwerker nach A. zu ziehen, richtete aber das Hauptaugenmerk auf Beschaffung besserer Waffen für seine Soldaten. Die ungeheure Soldatenschar, die er hielt (bis zu 150000 Mann), verschlang in kurzer Zeit die Kräfte der Bevölkerung; eine Provinz nach der andern erhob sich; er schlug den Aufstand zwar mit äußerster Grausamkeit nieder, aber schon 1863 waren viele seiner Länder vollständig verheert und seine Truppen zusammengeschmolzen. Durch die Vergeblichkeit seiner Bewerbungen um Bündnisse mit den europ. Großmächten gegen Ägypten gekränkt, faßte Theodor einen Haß gegen die Europäer und ließ Cameron (s. d.) sowie den engl. Gesandten und den franz. Abgesandten Bardel samt ihren Begleitern und einigen Missionaren im Nov. 1864 in der Festung Magdala in Fesseln legen. Nach vergeblichen Bemühungen der engl. Regierung, die Gefangenen durch Unterhandlungen zu befreien, beschloß dieselbe im Juli 1867 den Kriegszug, der unter Napiers Führung 1868 von der Annesleybai am Roten Meere aus mit 16000 Mann gegen A. unternommen wurde. Nachdem man durch den Komaylipaß ins Hochland nach Senafe eingedrungen war, standen schon 9. April 1868 3500 Mann engl. Truppen vor Magdala, wo sich jetzt Theodor befand. Nach einem mißglückten Ausfall bahnte Theodor Versöhnungsversuche an und schickte die gefangenen Europäer ins Lager; 13. April wurde die Festung im Sturm genommen. Theodor hatte sich schon vorher durch einen Pistolenschuß entleibt. Magdala

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 38.