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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Acclimatisation

Vögel u. s. w. zeigt. Auch auf die Körpergröße hat die Umsiedlung häufig Einfluß.

Im Gegensatz zu der frühern Annahme, daß der Mensch die meiste Acclimatisationsfähigkeit besitze, haben neuere statist. Untersuchungen, namentlich von Boudin, bewiesen, daß auch die einzelnen Menschenrassen auf bestimmte Klimate beschränkt sind und in andern notwendig nach Verlauf einer Reihe von Generationen zu Grunde geben müssen. Es gilt als Regel, daß die Acclimatisierung für den Menschen leichter ist aus einem wärmern Klima in ein kälteres als umgekehrt, aber auch diese hat ihre gewissen Grenzen. Die Juden sind besonders acclimatisationsfähig.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß für die Haustiere dasselbe Gesetz der leichtern Eingewöhnung in kältere Klimate gilt wie für die einzelnen Menschenrassen. Doch können Tiere, welche aus einem wärmern in ein kälteres Klima verpflanzt sind, hier zwar existieren, aber nur mit der Beihilfe des Menschen sich erhalten. Nur solche Lokalitäten, welche in klimatischer Hinsicht dem ursprünglichen Vaterlande entsprechen, gestatten auch, daß das dorthin verpflanzte Haustier sich ohne den Menschen erhalten kann, wie dies z. B. in den Pampas Südamerikas mit dem Pferde und dem Rindvieh der Fall ist. Wie in der äußern Erscheinung, führt die A. auch in den Lebensgewohnheiten des acclimatisierten Tiers Veränderungen mit sich, die häufig nur stufenweise Platz greifen. Die Nilgans z. B. brütet im Sudan erst nach der Regenzeit im September, in Ägypten bereits im März und bei uns ebenso wie unsere einheimischen Gänse im April. In ähnlicher Weise hat in Europa der austral. schwarze Schwan seine Legezeit um 6 Monate, von dem Frühjahre der Antipoden in das unsere verlegt, was jedoch nicht ausschließt, daß viele Paare auch hier noch mitten im Winter brüten und zwar meist mit gutem Erfolge. Mit dem Menschen und den Haustieren zugleich wandern und acclimatisieren sich eine Menge von Tieren, die hauptsächlich auf Kosten der menschlichen Ökonomie leben, wie Mäuse und Ratten und das schmarotzende Ungeziefer. Abgesehen von diesen unabsichtlich mitgeschleppten Begleitern des Menschen, hat derselbe gegen 50 Arten von Tieren in einen höhern oder geringern Zustand der Domestikation gebracht. (S. Haustiere.)

Hinsichtlich der halbwilden und wilden Tiere, die man in der Absicht einführt, daß dieselben ohne direkte Beihilfe des Menschen sich selbständig erhalten sollen, sind dieselben Gesetze maßgebend. Nachdem man davon abgesehen hat, seine Aufmerksamkeit ausschließlich der A. großer Tiere zuzuwenden, sind recht günstige Resultate erzielt. So hat man in Europa von Vögeln die Schopfwachtel in Frankreich, die virginische Wachtel in Irland, das rote Rebhuhn in England eingebürgert. Außer dem colchischen Fasan, der ein bereits weitverbreitetes Jagdtier ist, hat man den mongol. Ringfasan und den chines. Königsfasan eingeführt und durch zahlreiche Generationen in voller Freiheit gezüchtet. Großen Nutzen verspricht man sich von der A. amerik. Fische, namentlich der californ. Forelle, die in stehenden Gewässern bestens gedeiht. Auch die A. der Seidenraupe in Europa kann als gelungen bezeichnet werden. Größer noch ist die Zahl der Tierarten, welche Europa an andere Kontinente abgegeben hat. Unsere Singvögel, wie Stare, Hänfling, Buchfink, Lerche und Drossel sind schon lange in Australien heimisch und unser Lachs und Forelle bewohnen bereits die Ströme und Bäche dieses Landes. Nordamerika hat von uns den Sperling bekommen. Anfangs ein nützlicher Vogel in der Vertilgung zahlreicher schädlicher Insekten, hat er sich jetzt dort so ausgebreitet, daß fast alle einheimischen Singvögel vor ihm zurückweichen müssen. Wilde Tiere werden schon seit Jahrhunderten nach Europa gebracht und dort in Menagerien, Tiergärten und zoolog. Gärten gehalten. Während man früher denselben das Klima der Heimat, besonders was die Wärme anbelangt, künstlich zu ersetzen versuchte, so hat man jetzt angefangen, dieselben unserm Klima anzupassen, und so finden wir in einigen zoolog. Gärten z. B. die meisten Affen und Raubtiere Sommer und Winter im Freien, ebenso eine Anzahl Antilopen und sämtliche Hirsche. Es läßt sich schon heute sagen, daß die Sterblichkeit unter diesen Tieren der zoolog. Gärten infolge der A. geringer geworden ist.

Wie die Tiere, so sind auch zahlreiche Pflanzen nach andern Erdteilen überführt und dort acclimatisiert; ja man kann das Resultat hinsichtlich der A. der Pflanzen als weit bedeutender bezeichnen als das bei den Tieren. Erinnert sei nur an die Kartoffel, den Tabak, den Kaffee und die Baumwolle. Zugleich ist der Kreis der nutzbaren Arten bei weitem nicht so beschränkt als bei den Tieren, deren größte Mehrzahl der menschlichen Ökonomie feindlich und schädlich entgegensteht.

In neuester Zeit hat man in vielen Ländern Gesellschaften und Vereine für A. gegründet, welche wissenschaftlich die Sache zu ergründen und durch praktische Versuche, namentlich durch sog. Acclimatisationsgärten (s. Zoologischer Garten), zu befördern suchen. In erster Linie thut dies die Société nationale d'acclimatitation de France, indem sie durch Verteilung fremder Tiere, Pflanzen und Sämereien, durch Preise für erfolgreiche Zucht und A. die Liebhaber zu weitern Versuchen anregt. Trotz dieser geregelten Bemühungen darf man indes die Erwartung namentlich in Hinsicht der Einführung neuer Nutztiere nicht zu hoch spannen, da einesteils die Zahl der Tiere, welche man in andern Ländern als Haustiere benutzt, ebenfalls sehr beschränkt ist, andernteils unsere Haustiere den meisten jener ausländischen Arten gegenüber eine ebenso große Vorzüglichkeit behaupten als unsere Kulturpflanzen denen jener Länder gegenüber. Hatten sich früher bei den Acclimatisationsbestrebungen mancherlei Übertreibungen eingeschlichen, so haben diese jetzt einer ruhigern Überlegung und erfolgreichern Arbeiten Platz gemacht, und wenn auch z. B. Kamele und Strauße jetzt vielfach in Europa gezüchtet werden, so denkt doch niemand mehr daran, dieselben in voller Freiheit oder als Haustiere halten zu wollen. Andererseits haben die Bemühungen dieser über ganz Europa, Nordamerika und Australien ausgebreiteten Acclimatisationsvereine durch ihre vielfältigen und auf allen Punkten angestellten Versuche dem nahrungsbedürftigen Europa schon manche neue Nutztiere und Nutzpflanzen gewonnen. Und wenn vielfach Mißerfolge vorkommen, so werden auch diese nicht ohne Wert bleiben, indem sie mit dazu dienen, die Gesetze aufzuhellen, welche die Verbreitung und A. der Tiere und Pflanzen beherrschen, und somit Mittel an die Hand geben, später kostspielige Versuche zu vermeiden und die richtigen Wege da einzuschlagen, wo es sich wirtlich um nützliche Einführungen handelt.