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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Artillerie

einen Anstoß, so geschah doch ein viel entscheidenderer Schritt durch Gustav Adolf von Schweden. Dieser teilte der Infanterie unmittelbar Geschütze zu, die von Musketieren bedient wurden und wesentlich leichter waren, daß sie den Bewegungen der Truppen zu folgen vermochten. Die schwed. Regimentsgeschütze, die bald auch in andern Armeen Eingang fanden, legten gewissermaßen den Grund zu einer von den Fesseln der Zünftigkeit befreiten, wirklichen Artilleriewaffe und zu einer manövrierfähigen Feldartillerie. Das Aufkommen der stehenden Heere förderte den militär. Charakter der A. wesentlich; es entstehen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. bereits Artillerieregimenter, zuerst in Frankreich, wo Ludwig XIV. schon 1671 ein "königliches Regiment der A." errichtete. Weitere Fortschritte brachte das 18. Jahrh. Aus dem Wirrwarr des Materials entwickelten sich Artilleriesysteme, durch die die Zahl der Konstruktionen und Kaliber in zweckmäßigerer Weise als bisher begrenzt wurde, zugleich eine Aussonderung der schwerern Geschütze ans der Feldartillerie vor sich ging. Auch eine gewisse Trennung des Personals trat ein, indem man die weniger brauchbaren Leute als Garnisonartillerie zur Besetzung der festen Plätze heranzog. Als ein besonderer Fortschritt ist die Errichtung reitender A. zu betrachten, deren erste Anfänge von Friedrich d. Gr. (1759) ausgegangen sind. So entstand eine wirklich bewegliche Feldartillerie, um deren weitere Fortbildung sich besonders Napoleon I. verdient gemacht hat. Dieser schuf einen schon im Frieden bestehenden Artillerietrain, wodurch die Feldartillerie in den Besitz einer militärisch geschulten Bespannung kam, während man bis dahin die Trainmannschaften in der Regel erst beim Ausbruch des Krieges auszuheben pflegte. Napoleon I. gab die Regimentsartillerie ganz auf und ließ seine Feldartillerie nur in Batterien vereinigt austreten, was derselben eine einheitlichere Verwendung sicherte und das Gepräge einer selbständigen Waffe verlieh. Die lange Friedenszeit nach den Freiheitskriegen schloß die wesentlichsten Fortschritte in der Organisation und im Material der A. in sich. Man arbeitete namentlich auf eine erhöhte Beweglichkeit der Feldartillerie hin, indem man das Material erleichterte und zweckmäßiger konstruierte, für die Fußartillerie Einrichtungen zum Fortschaffen der Bedienungsmannschaften schuf, die Bespannung aufs sorgfältigste ausbildete und aufs engste mit der Bedienung verschmolz. Das System der Belagerungs- und Festungsartillerie erfuhr ausgedehnte Verbesserungen und eine wesentliche Vereinfachung. Zu einer schärfern Trennung im personellen Teil der Waffe vermochte man sich indes noch nicht zu entschließen; das Personal wurde in allen Zweigen des verwickelten Artilleriedienstes ausgebildet, und die technische A. blieb mit der fechtenden in engem Verbände. Erst 1852 schritt man in Preußen dazu, das Unterpersonal nur noch in einem der beiden Hauptzweige, Feld- oder Festungsartillerie, auszubilden, so daß Feldbatterie und Festungscompagnien, wenn auch in gleichem Regimentsverbande verbleibend, nicht mehr untereinander in ihrer Thätigkeit wechselten. Das Offizierkorps ward aber fernerhin in allen Zweigen gleichmäßig verwendet. In Frankreich trennte man 1854 reitende, fahrende und Festungsartillerie nach Regimentern (seit 1867 bis vor kurzem wieder aufgegeben), während Preußen erst mit 1864 die Bildung von Feld- und Festungs-Artillerieregimentern vornahm. Eine ganz besondere Steigerung in ihrem Werte erhielt die A. durch die 1859 beginnende Bewaffnung mit gezogenen Geschützen. Mit der Vervollkommnung der Waffe stiegen aber auch die Anforderungen an die Leistungen des Personals, und damit wurde der Grundsatz der Teilung der Arbeit auch auf diesem Gebiete näher gelegt. Die deutsche A. war die erste, die 1872 den Entschluß zur gänzlichen Trennung der Feld- und Festungsartillerie, die den Namen "Fußartillerie" erhielt, zur Reife brachte und 1890 diese Trennung durch Unterstellung der Feldartillerie unter die Armeekorps vervollständigte. Das Streben nach Verbesserung des Materials und Erhöhung der Wirkung findet in der hochausgebildeten Technik der neuesten Zeit seine beste Nahrung und ist noch nicht abgeschlossen.

Die Kompliziertheit des Materials und die Vielseitigkeit der Dienstzweige sind die Veranlassung, daß man an das Personal und namentlich die Offiziere der A. höhere wissenschaftliche Anforderungen stellt, als dies bei den andern Waffen im allgemeinen der Fall ist, so daß die A. bis heute noch als eine Trägerin des wissenschaftlichen Bestandteils in den Armeen gilt. Das gesamte artilleristische Wissen faßt man unter dem Namen Artilleriewissenschaft (s. d.) zusammen. (S. weiter die Artikel: Geschütz, Kanone, Lafette.) Aus der reichen Litteratur über A. sind hier besonders das Allgemeine behandelnde Werke genannt. Ältere Werke: Scharnhorst, Handbuch der A. (3 Bde., Hannov. 1804-14); Gassendi, Aide-mémoire à l'usage des officiers d'artillerie de France attachés au service de terre (5. Aufl., 2 Bde., Par. 1819); de Morla, Lehrbuch der Artilleriewissenschaft (aus dem spanischen von Hoyer, 2. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1821-26); Rouvroy, Vorlesungen über die A. (2. Aufl., 3 Bde., Dresd. 1821-25); Smola, Handbuch für österr. Artillerieoffiziere (2. Aufl., Wien 1839); Timmerhans, Essai d'un traité d'artillerie (3 Bde., Brüss. 1839-46); Scheuerlein, Grundzüge der allgemeinen Artilleriewissenschaft, Bd. 1 (Berl. 1846); Ludwig Napoleon (Napoleon III.), Études sur le passé et l'avenir de l'artillerie (2 Bde., Par. 1846-51; mit der Fortsetzung von J. Favé, Bd. 3 u. 4, ebd. 1862-63); endlich die Schriften Deckers (s. d.). Neuere Werke: von Schirrmann, Versuch zu einem System der Artilleriewissenschaft, Bd. 1 (Berl. 1860); Handbuch für die Offiziere der königl. preußischen A. (2. Aufl., ebd. 1877); Bastien, Ariillerieschule. Lehrbuch der gesamten Artilleriewissenschaft (Prag 1865-66); Handbuch für schweiz. Artillerieoffiziere (Aarau 1868-72); Hand- und Taschenbuch für Offiziere der preuß. Feldartillerie (2. Aufl., Berl. 1869); Handbuch für die k. k. österreichische A. (Wien 1871 fg.); Witte, Artillerielehre (3 Bde., Berl. 1872-73; Bd. 1, 2. Aufl., 1875); H. Müller, Die Entwicklung der Feldartillerie von 1815 bis 1892 (3 Bde., ebd. 1893-94); ders., Die Entwicklung der preuß. Festungs- und Belagerungsartillerie von 1815 bis 1875 (ebd. 1876); ders., Die Entwicklung der preuß. Küsten- und Schiffsartillerie von 1860 bis 1878 (ebd. 1879); Aide-mémoire portatif de campagne à l'usage des officiers d'artillerie (4. Aufl., Par. 1883); Wille, Die Bewaffnung der Feldartillerie (Berl. 1880); ders., Das Feldgeschütz der Zukunft (ebd. 1891); Wiebe, Die Artillerie-Truppe des Festungskrieges (ebd. 1888); Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, Über Feldartillerie (2. Aufl., ebd. 1887); ders., Die Feldartillerie in ihrer Unterstellung unter die General-^[folgende Seite]