Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

813

Berlin (Litteratur)

gung der Stadt in sehr schlechtem Zustande und die Bürgerschaft nicht mehr zur Verteidigung geeignet. Doch wurde die Residenz im Vergleiche zu den andern Landesteilen sehr geschont. Nur 1636 und 1639 lief sie dreimal Gefahr, in die Hände der Schweden zu fallen, konnte sich aber durch Abfindungssummen von zusammen 32000 Thlrn. von der Besetzung loskaufen. 1654 zählten B. und Kölln zusammen etwa 10000 E. Der Große Kurfürst erleichterte den Steuerdruck nach dem Kriege durch Einführung der Accise, gab der Stadt eine ständige Garnison und erweiterte sie durch Umgestaltung in eine Festung neuern Systems. Er legte zwei neue Städte neben Kölln und B. an, Friedrichswerder und Dorotheenstadt, sorgte für Pflasterung und Beleuchtung der Straßen in der ganzen Residenz und vermehrte die Bevölkerung durch Aufnahme von Waldensern, Holländern und hauptsächlich Hugenotten. 1699 gab es 5682 Franzosen in B., sie betrugen etwa den fünften Teil der Bevölkerung. Der Große Kurfürst hob auch durch den Ausbau des Müllroser Kanals den Handel und besonders die Schiffahrt in B., so daß im Anfange des 18. Jahrh. das Schiffbaugewerbe Eingang fand und die Spandauer Vorstadt sich stark bevölkerte. Das Bestehen von vier besondern Städten erschwerte die Verwaltung, weshalb Friedrich Ⅰ. sie 1709 zu einer Gemeinde vereinigte. Durch die Anlage der Friedrichsstadt, durch großartige Bauten, worunter besonders die Hauptfront des Schlosses und das Zeughaus zu nennen sind, durch glanzvolles Hofleben und durch Heranziehung von Künstlern und Gelehrten gab er der Stadt den Charakter einer königl. Residenz. Er stiftete 1699 und 1700 die Akademien der Künste und der Wissenschaften. Friedrich Wilhelm Ⅰ. vermehrte die Garnison ansehnlich, sie betrug 1730: 14265 Personen gegen 58122 Civilbevölkerung, begann die Auflösung der Festungswerke, betrieb eifrig den weitern Aufbau der Friedrichstadt und gab der Stadt in der Charité ein allgemeines Krankenhaus. Sieben neue Kirchen wurden unter seiner Regierung gegründet. Friedrich d. Gr. setzte die Bauthätigkeit und die Niederlegung der Festungswerke fort. Er begünstigte den Zuzug durch Gewährung von Unterstützungsgeldern und siedelte namentlich in den Vorstädten Kolonisten an. Den Thiergarten, in dem schon Friedrich Ⅰ. Alleen angelegt hatte, schuf er zu einem Park für die Residenz um. Er errichtete die ersten Kasernen für das Militär. Unter seinen Prachtbauten zeichnen sich besonders die 1784 vollendeten Türme auf dem Gensdarmenplatz aus. Die städtische Verwaltung ordnete er durch die Verfassung von 1747. Im Siebenjährigen Kriege nahmen die Österreicher 1757 B. ein und erhoben von der Stadtgemeinde 240000 Thlr. Drückender noch war die Besetzung durch die Russen 1760, die über 2 Mill. eintrieben. Die Summe erstattete indessen später größtenteils der König. Gegen Ende des Jahrhunderts bildete sich B. infolge der gewerblichen Unternehmungen, der Handelspolitik und der Kanalbauten Friedrichs Ⅱ. aus einer Militär- und Beamtenstadt zu einem Industrie- und Handelsplatze aus. Die Einwohnerzahl war von 55000 im J. 1707 auf 172132 im J. 1800 gestiegen. Vom Okt. 1806 bis Dez. 1808 stand B. unter Herrschaft der Franzosen. Der königl. Hof hatte B. in demselben Monat verlassen und kehrte Dez. 1809 zurück. Napoleon ließ die Stadt nach franz. Gemeindeverfassung verwalten, an deren Stelle 1809 die preuß. Städteordnung trat. Unter ihrer Wirksamkeit sind im Laufe des Jahrhunderts alle für eine stetig wachsende Großstadt wünschenswerten Einrichtungen geschaffen worden. Aber auch die Landesherren trugen beständig bei, sie zu verschönern und durch Pflege von Kunst und Wissenschaft zu heben, Friedrich Wilhelm Ⅲ. gründete 1809 die Universität, ließ 1824-28 durch Schinkel das Alte Museum bauen. Friedrich Wilhelm Ⅳ. fügte das Neue mit seinen reichen Kunstsammlungen hinzu. Während seit 100 Jahren die Zahl der Kirchen in B. trotz der wachsenden Bevölkerung sich fast gar nicht vermehrt hatte, entstanden unter seiner Regierung acht größere und mehrere kleinere Kirchen. Die ersten großen Eisenbahnlinien entstanden in schneller Folge 1838-46. 18. März 1848 wurde die Stadt Schauplatz von Straßenkämpfen, bei denen über 200 E. und etwa 20 Soldaten fielen. Gegen 1860 begann der gewaltige Aufschwung der gewerblichen Thätigkeit vorzüglich im Maschinenbau, der dem Norden der Stadt für 2 Jahrzehnte den Charakter einer Fabrikstadt verlieh. Unter Wilhelm Ⅰ. fand 1861 die Erweiterung des Weichbildes statt. Seit 1871 entwickelte sich B. als Hauptstadt des Reichs, als Fabrik- und Handelsplatz ersten Ranges zu einem der Centren des Weltverkehrs. ^[Spaltenwechsel]

Litteratur. Vgl. Spiker, B. und seine Umgebungen im 19. Jahrh. (26 Hefte, Berl. 1833-38, mit Stahlstichen); Sebald, B.s Denkmäler der Bau- und Bildhauerkunst (ebd. 1844); Cotta, Die Heimatskunde für B. (2. Aufl., ebd. 1873); Schasler, Die königl. Museen von B. (11. Aufl., ebd. 1875); B. und seine Bauten (Prachtwerk, vom Architektenverein herausgegeben, ebd. 1877); R. Fischer, Heimatkunde von B. (ebd. 1879); Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten (4. Aufl., ebd. 1882); Dominik, Quer durch und rings um B. (ebd. 1883); Reuter, Das militärische B. Zusammenstellung der militär. Einrichtungen und Etablissements von B. in ihrer histor. Entwicklung (ebd. 1873); Rigler, Das medizinische B. (ebd. 1873); Friedel, Die deutsche Kaiserstadt B. Stadtgeschichten, Sehens- und Wissenswertes aus der Reichshauptstadt und deren Umgebung (Lpz. 1882); M. Ring, Die Kaiserstadt B. und ihre Umgebung (2 Bde., ebd. 1882-84); ders., Berliner Leben. Kulturstudien und Sittenbilder (ebd. 1882); Pistor, Das öffentliche Gesundheitswesen und seine Überwachung in der Stadt B. während der J. 1886, 1887 und 1888 (Berl. 1890); Festschrift zum X. Internationalen Medizinischen Kongreß in B. 1890, hg. von Kister (ebd. 1890); Hellmann, Das Klima von B. (Bd. 1, ebd. 1891); Berichte der Ältesten der Berliner Kaufmannschaft; Lindenberg, B. als Kleinstadt (ebd. 1893); ders., B. in Wort und Bild (ebd. 1894); Borrmann, Die Bau- und Kunstdenkmäler von B. (ebd.1893); Lassar, das künstlerische B. (ebd. 1893); Das medizinische B. (2. Aufl., ebd. 1894); Fontanes Führer durch die Umgegend von B. (Tl. 1-4, ebd. 1893-94); Führer von Baedeker (8. Aufl., Lpz. 1894), Grieben (39. Aufl., Berl. 1894), Kießling (19. Aufl., ebd. 1894) und Stangen (6. Aufl., ebd. 1888).

Zur Statistik vgl.: B. und seine Entwicklung. Städtisches Jahrbuch für Volkswirtschaft und Statistik (1867-72); seit 1874 unter dem Titel Statistisches Jahrbuch der Stadt B., hg. vom Direktor des Städtischen Statistischen Amtes (Berl. 1874 fg.); Böckh, Die Bevölkerungs-, Gewerbe- und Wohnungs- ^[folgende Seite]