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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bibliolatrie - Bibliomanie und Bibliophilie

eine bedeutende unter energischer Anwendung des damals noch wenig gebräuchlichen Lieferungs- und Subskriptionswesens. In solcher Weise erschienen verschiedene Bibelausgaben, Bibliotheken deutscher Klassiker (wie die "Groschenbibliothek" u. s. w.), Volksbibliotheken für Natur- und Geschichtskunde, Kartenwerke, Kupferstiche klassischer Kunstwerke, "Meyers Universum" (46 Bde., 1833-63), "Meyers Konversations-Lexikon für die gebildeten Stände" (43 Bde., 1839-55, mit Abbildungen und Karten). Jos. Meyer starb 1856. Sein Sohn Herrmann Julius Meyer (s. d.), 1849-58 Leiter einer Filiale in Neuyork, arbeitete nach gleichen Principien, verlegte das Geschäft 1874 nach Leipzig und gab ihm einen großen Aufschwung. Es erschienen: das "Neue Konversations-Lexikon für alle Stände" (15 Bde., 1857-60; 5. Aufl. u. d. T. "Meyers Konversations-Lexikon", 1893 fg., auf 17 Bde. berechnet), "Meyers Hand-Lexikon des allgemeinen Wissens" (1870-72; 5. Aufl. u. d. T. "Meyers Kleines Konversations-Lexikon", 3 Bde., 1892-93) und eine Reihe "Fach-Lexika" über einzelne Zweige des Wissens (1882-84); ferner "Meyers Reisebücher" (1861 fg.) für Deutschland (8), Schweiz und Skandinavien (je 1), Frankreich (2), Italien (5), den Orient (2) in zahlreichen Auflagen; "Sprachführer" für europ. und orient. Sprachen; die umfangreiche "Bibliothek deutscher und ausländischer Klassiker", "Meyers Volksbücher" (Ende 1894: 1076 Nummern zu je 10 Pf.). Andere geschätzte Verlagswerke sind "Brehms Tierleben" (10 Bde., 3. Aufl., 1890-93) mit seiner Erweiterung zu einer "Allgemeinen Naturkunde" durch Ranke, "Der Mensch" (2 Bde., 1886-87 u. ö.), Ratzel, "Völkerkunde" (3 Bde., 1885-88 u. ö.), Kerner von Marilaun, "Pflanzenleben" (2 Bde., 1887-90) und Neumayr, "Erdgeschichte" (2 Bde., 1886-87 u. ö.). Am 1. Okt. 1884 sind zwei Söhne von Herrmann Julius, Dr. Hans Meyer (s. d.) und Arndt Meyer, geb. 27. Nov. 1859 in Hildburghausen, als Teilhaber am Geschäft eingetreten. Es umfaßt, neben der Verlagsbuchhandlung mit einer Zweigniederlassung in Wien (seit 1890), noch Buch-, Stein-, Kupferdruckerei, Stereotypie, Galvanoplastik und Buchbinderei mit 2 Dampfmaschinen (250 Pferdestärken), 1 Rotationsmaschine, 29 Buchdruck-, 17 Steindruckschnellpressen, 12 Kupfer- und Steindruckhandpressen, 3 Schriftgieß-, 119 Hilfsmaschinen. Gesamtpersonal 550, für das eine Unterstützungskasse besteht.

Bibliolatrie (grch., "Bibelanbetung"), abgöttische Verehrung der Bibel, die sich sklavisch an den Buchstaben klammert.

Bibliolithen (grch., "Buchsteine"), zunächst Blatt- oder Pflanzenabdrücke auf Steinen, Versteinerungen von Blättern u. dgl.; dann insbesondere solche Handschriften, die, unter vulkanischem Auswurfe (z. B. in Herculanum und Pompeji) halbverkohlt und jahrhundertelang begraben, mineralisches Aussehen angenommen haben. Zur Aufwicklung solcher B. wird eine von dem Pater Antonio Piaggi erfundene Maschine benutzt.

Bibliologie (grch.), soviel wie Bibliographie.

Bibliomanie und Bibliophilie. Bibliomanie, ein in neuerer Zeit ans dem Griechischen gebildetes Wort, ist soviel wie Büchersucht. Der echte Bibliomane kauft nicht ohne Auswahl alles zusammen, sondern sammelt nach gewissen Rücksichten, legt aber nicht auf die Gediegenheit des Inhalts, sondern auf unwesentliche Beschaffenheiten der Bücher den Wert. Diese Rücksichten beziehen sich teils auf sog. Kollektionen, teils auf Schicksale und Alter der Bücher, teils auf deren Material. Die Kollektionen oder Sammlungen von Büchern, die als zusammengehörig betrachtet werden, weil sie einen gewissen, den Bibliomanen wichtigen Gegenstand betreffen (z. B. die Elzevierschen "Res Publicae"), oder in einer gewissen beliebten Manier gearbeitet, oder in einer berühmten Druckerei (wie Elzevier, Aldus, Giunti, Stephanus, Bodoni u. a.) erschienen sind, haben noch den meisten wissenschaftlichen Wert. Zu den durch ihr Schicksal merkwürdigen Büchern gehören solche, die den eingeschriebenen Namen (Ex-libris) ihrer frühern Besitzer enthalten oder einst berühmten Besitzern angehörten; auch solche, die nur in ganz geringer Anzahl gedruckt und mit Nummern versehen sind (numerierte); endlich verbotene oder kastrierte Bücher. Am gewöhnlichsten aber bezieht sich der Sammeleifer der Bibliomanen auf das Material der Bücher. Gesucht werden namentlich Prachtausgaben, Exemplare mit Miniaturen und schöngemalten Anfangsbuchstaben, Drucke auf Pergament oder Velin, auf farbiges Papier und solches aus ungewöhnlichen Stoffen (Asbest), Großpapiere (mit sehr breitem Rande) und unbeschnittene Exemplare älterer und seltener Werke, sodann Drucke mit Gold, Silber und andern Farben, Bücher, deren Text ganz in Kupfer gestochen ist, solche, in denen die leiten mit einer Einfassung von einfachen oder doppelten, mit der Feder gezogenen Linien geziert sind (Exemplaires réglés), sog. illustrierte Exemplare. In Frankreich und England sind auch kostbare oder von gewissen Buchbindern (Derome, Grolier, Bozérian, Lewis, Payne, Majoli) gefertigte Einbände gesucht. Auch in Deutschland veranstaltet man neuerdings eigene "Ausgaben für Bücherfreunde" und stellt von gewissen Prachtwerken (z. B. Graf Stillfried und B. Kugler, "Die Hohenzollern und das deutsche Vaterland") auch eine Fürstenausgabe her. Unter den Versteigerungen, in denen sich die Bibliomanie besonders zeigte, ist die der Bibliothek des Herzogs von Roxburghe zu London 1812 die merkwürdigste. Die meisten Bücher wurden mit unerhörten Preisen bezahlt, so namentlich die erste bei Valdarfer 1471 erschienene Ausgabe des Boccaccio mit 2260 Pfd. St. Zu ihrem Andenken wurde 1813 der bibliomanische Roxburghe-Club gestiftet, der sich an jedem 13. Juli, dem Jahrestage des Verkaufs jenes Dekamerondrucks, in der St. Albans-Tavern versammelt. Neuerdings haben die Preise für Seltenheiten und Kostbarkeiten namentlich bei engl. Versteigerungen schwindelhafte Höhen erreicht, und die Engländer behaupten in der Bibliomanie, die zuerst gegen Ende des 17. Jahrh. in Holland auftrat, einen Rang, den ihnen weder Franzosen noch Italiener und noch weniger die kleine Zahl deutscher Sammler streitig zu machen vermögen. Auch gehört ihnen das Verdienst, in Dibdins "Bibliomania or bookmadness" (Lond. 1811; bearbeitet von Lehr 1842; neue Ausg. 1875) die sonderbarsten Einfälle reicher Sammler in ein System gebracht zu haben.

Während für den Bibliomanen in erster Linie nebensächliche Dinge in Betracht kommen und der Gehalt eines Buches erst in zweiter Linie steht, ist der Bibliophile oder Bücherfreund bestrebt, entweder für die Zwecke eines bestimmten Wissensgebietes eine Bibliothek der besten und brauchbarsten Bücher anzulegen, oder beginnt wenigstens speciellere