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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Birma

sehr häufig und leicht zu vollziehen. Keuschheit der Frauen, die in freierer Stellung leben als in Indien, wird bei den Birmanen nicht geschätzt. Junge Mädchen aus den untern Klassen werden an Fremde gegen Bezahlung für längere oder kürzere Zeit abgegeben. Die Aussätzigen werden gesetzlich von der Gesellschaft ausgeschlossen, die Leichen der an der Cholera Verstorbenen sowie die der Kinder begraben, die Übrigen in Särgen verbrannt. Die Schan sind ärmer als die Birmanen, aber kräftiger und mutiger und haben auch sonst die Charakterzüge der Gebirgsvölker. Zugleich zeigen sie große Anlage für den Handel. Die Karenen unterscheiden sich ebenfalls von den eigentlichen Birmanen durch ihre größere Ausdauer; viele von ihnen sind durch amerik. Missionare von einer wilden Naturreligion zum Christentum bekehrt worden.

Kultur. Die Religion der Birmanen ist der Buddhismus. Die Priester sind Mönche, deren Klostergebäude (Kjaung) meist in großen Gärten bei den Städten liegen. An der Spitze der gesamten Priesterschaft steht der P'ha-T'hena-Baing (d. i. Verteidiger des Glaubens), der die Vorsteher der einzelnen Klöster einsetzt und zu den Reichswürdenträgern gehört. Die birman. Tempelgebäude (P'hra oder Tsa-di) haben eine eigentümliche Bauart. Die Sprache der Birmanen, grammatisch und lexikalisch für Europäer von Latter, Judson, Lane bearbeitet, ist eine einsilbige und der chines. und tibetan. Sprache nahe verwandt. Die Schriftzeichen, aus dem Pali entwickelt, zeigen durchaus runde Formen. Die Litteratur ist nicht unbedeutend und stammt aus dem 6. bis 7. Jahrh. n. Chr. Die Hauptmasse derselben ist buddhistisch-religiöser Natur und in Inhalt und Form aus Indien übernommen. Die Buchdruckerkunst ist erst neuerdings durch christl. Missionare in B. bekannt geworden. Man schreibt mit eisernen Griffeln auf Abschnitte von Palmblättern. Eigentliche Schulen bestehen nur in den Klöstern. Unterrichtsanstalten für Mädchen fehlen gänzlich. Zeugnisse für die ziemlich entwickelte Baukunst geben die Dagobas (buddhistische Reliquienheiligtümer), die Tempelgebäude sowie die in allen Orten vorhandenen sog. Sajat, die teils religiösen Zwecken, teils als öffentliche Herbergen oder zu Gemeindeversammlungen dienen. Auch finden sich mittelalterliche Ziegelbauten in modifiziertem ind. Stile und schöne Flach-, Rund- und Spitzbögen an alten Gebäuden erhalten. Die Plastik beschäftigt sich besonders mit der Herstellung großer Buddhabilder. Proben alter Kunstfertigkeit sind besonders in der Stadt Pagan zu finden.

Landwirtschaft. Hauptprodukt in den Niederungen ist Reis (102 Arten), der 23283 qkm, d. i. fast die Hälfte des kultivierbaren Bodens in Anspruch nimmt, in den höhern Teilen werden Weizen, Mais, Hirse und verschiedene Hülsenfrüchte gebaut. Baumwolle liefert das Gebiet des mittlern Irawadi in großer Menge; Sesam, Zuckerrohr und ausgezeichneten Tabak baut man fast nur für den eigenen Bedarf. Thee ist im Oberlande einheimisch und wird nach den niedern Gegenden verhandelt. Ein Teil desselben wird nicht getrocknet, sondern eingesalzen und so zu einem beliebten Getränke benutzt, ein anderer Teil mit Öl und Knoblauch gegessen. Indigo wächst wild, wird aber schlecht bereitet.

Industrie, Handel und Verkehr. Industrie treiben sowohl die Birmanen als auch die übrigen Bewohner des Landes. Die Frauen verfertigen grobe Baumwollstoffe und auch Zeuge aus inländischer Seide. Unter den Metallwaren sind besonders die Schellen und Glocken sowie die Zinnarbeiten (Buddhabilder, Laternengestelle) hervorzuheben sowie auch Schnitzarbeiten aus Holz und Bambus, vorzügliches Töpfergeschirr; auch wird Fabrikation von Eisenwerkzeugen, Seidenzeug, Zeugfärberei betrieben. In Rangun sind drei bedeutende Schiffsreeden, auf denen auch große See- und Flußschiffe gebaut werden. Pagan ist Mittelpunkt der Lackwarenindustrie. Seehandel durch die Eingeborenen fand auch früher, als sie das Land noch bis zur Küste selbständig beherrschten, nicht statt. Hauptgegenstände der Ausfuhr sind Teakholz, Baumwolle, Wachs, Erdöl, Kutsch oder Gambir (aus Uncaria Gambir Roxb.), Stablack, Salpeter, Elfenbein, Rhinoceros- und Hirschhörner, Rubine, Saphire, Serpentin, in geringem Umfange auch Blei, Kupfer, Zinn, Indigo, Bernstein, eßbare Vogelnester u. s. w. Zur Einfuhr gelangen Baumwollzeuge, Eisen, Stahl, Kupfer, Quecksilber, Schwefel, Schießpulver, Feuerwaffen, engl. Glaswaren, grobes Porzellan, Kokos- und Arecanüsse, Thee, rohe Seide, Sammet- und Seidenstoffe, Moschus, Papier, Fächer, Sonnenschirme, Opium, Zucker, Spirituosen. – Der auswärtige Handel ist ganz in den Händen der Ausländer, namentlich der Engländer und Chinesen. Noch bedeutender als die Ausfuhr nach den Seehäfen ist der Handelsverkehr mit China, namentlich der Provinz Jünnan. Hauptort derselben ist Bhamo (s. d.), wo der Umtausch der von den Birmanen dorthin mit Flußfahrzeugen gebrachten Erzeugnisse ihres Landes, im Werte von ungefähr 6 Mill. M., gegen chinesische im Betrage von etwa 4½ Mill. M. stattfindet. Die Ausfuhr von dort nach China geschieht längs Karawanenstraßen. Eine Belastung des Handels gehörte zu Monopolen des Herrschers. Seit 1861 wurde ein Silber-Pikul als wirkliche Münze geprägt, daneben kleinere Stücke Bleies, Silbers und Goldes, die ungefähr mit den ind. Münzen (Rupie u. s. w.) übereinstimmten. Genauere Zahlen für den Handel besitzt man für das ehemalige Britisch-Birma. Hier wertete der Gesamtaußenhandel 1886/87: 56632567 M., 1890/91 dagegen 218828200 M.; und zwar bewegt er sich zu zwei Drittel nach Großbritannien und den Straits Settlements. Die Gesamteinfuhr betrug im letztern Jahre (einschließlich des Grenzhandels) 79586715 M., die Gesamtausfuhr 139241484 M. Ausfuhrartikel sind: Teakholz (im Werte von 5,4 Mill. M.), Katechu (2,0), rohe Baumwolle (1,0), Kautschuk (0,9 Mill. M.); vor allem aber Reis, dessen Ausfuhr 1890/91 89,98 Mill. M. Wert (das ist eine Steigerung von 26 Proz. gegen das Vorjahr) erreichte. Die wichtigsten Einfuhrgegenstände sind Metalle und Metallwaren, Woll- und Baumwollwaren, Rohseide und Seidenwaren, Fische, Gemüse, Bier und andere Lebensmittel. Die Hauptindustriezweige sind: das Mahlen des Reises (auf 49 Reismühlen, davon 28 in Rangun), Weberei, Holzsägerei (auf 20 Dampfsägemühlen in Rangun, Malmen, Akjab, Bassein), Töpferei, Schiffs- und Wagenbau, Papierfabrikation, Elfenbeinschnitzerei u. s. w. Die Staatseinnahmen betrugen 1891 5087045, die Ausgaben 3835507 Rupien. – Das Verkehrswesen ist während der trocknen Jahreszeit sehr beschränkt, da Landwege nur spärlich vorhanden sind. Eisenbahnen giebt es zwei: Rangun-Prome und Rangun-Tungu-Naiingjan-Mandale (am 1. Jan. 1889 eröffnet). Fortsetzung der letztern