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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bolivia

Spaniern besetzt und infolge der tapfern Verteidigung des Generals Oluñeta erst durch das Treffen von Tamasla, 1. April 1825, von denselben befreit. Die 4 Provinzen Charcas oder Potosi, La Paz, Cochabamba und Santa Cruz traten zu einer Repräsentativrepublik unter Simon Bolivars (s. d.) Schutz zusammen, worauf 11. Aug. der junge Freistaat den Namen B. annahm. Am 25. Aug. 1826 nahm ein neuer Kongreß die von Bolivar entworfene Konstitution, den "Code Boliviano", an. Hiernach ward der columb. General Sucre, der sich um die Befreiung Südamerikas besondere Verdienste erworben hatte, zum lebenslänglichen Präsidenten gewählt. Die Verfassung erregte aber wegen ihrer allzuwenig demokratischen Form bald große Unzufriedenheit, und nach wiederholten Aufständen in La Paz mußte der Präsident General Sucre im April 1828 mit seinen columb. Truppen B. verlassen. Der 3. Aug. 1828 zu Chuquisaca eröffnete Kongreß veränderte die Verfassung in wesentlichen Stücken und wählte den Großmarschall Santa-Cruz, der als Gesandter in Chile war, zum Präsidenten; dieser lehnte aber die Wahl ab. Nach einem Jahre revolutionärer Verwirrung, während welcher Zeit Velasco die Präsidentenwürde an sich gerissen hatte, trat eine provisorische Regierung an die Spitze, die dem Großmarschall Santa-Cruz nochmals die Präsidentenwürde übertrug. Im Mai 1829 kam er nach La Paz, beruhigte die Republik, gab 1831 ein neues Gesetzbuch, "Código Santa-Cruz", ordnete die Finanzen, verbesserte die Landstraßen und schloß einen Friedens- und Handelsvertrag mit Peru. Zur Schlichtung des Streits, der um die peruan. Präsidentenwürde entbrannt war, rückte Santa-Cruz 1835 in Peru ein, eroberte das Land und wurde zum Oberhaupt von Süd- und Nordperu (d. i. Bolivia und Peru) ausgerufen. Er erließ hierauf eine Verfassung, wonach jeder der beiden Staaten seine innern Angelegenheiten selbständig verwalten, der gesamte Bundesstaat aber einer Centralregierung unterworfen sein sollte, deren Leitung für 10 Jahre ihm selbst als Protektor übertragen wurde. Allein die Fortschritte des neuen Eroberers weckten die Eifersucht der Nachbarstaaten, namentlich Chiles. Nachdem es schon seit 1836 zu Feindseligkeiten gekommen war, ward 20. Jan. 1839 Santa-Cruz in einer mörderischen Schlacht bei Yungay von den Chilenen und dem General Gamarra geschlagen, worauf letzterer zum Präsidenten von Peru ernannt wurde. Der in B. kommandierende General Velasco, der sich auch gegen Santa-Cruz und die Konföderation erklärt hatte, wurde nun von dem 16. Juni 1839 zu Chuquisaca versammelten Kongreß als provisorischer Präsident bestätigt, worauf er sogleich mit Chile Frieden schloß. Bald darauf erlangte jedoch die Partei des Santa-Cruz wieder die Oberhand, Velasco wurde gefangen genommen und Santa-Cruz, der nach Ecuador geflohen war, wieder zum Präsidenten ausgerufen. Da er jedoch nicht alsbald zurückkehrte, vereinigten sich seine Anhänger mit denen des Generals Ballivian, der nun einstimmig als Präsident anerkannt wurde. Später wurde Velasco in Cochabamba von der Partei des Generals Santa-Cruz gefangen und zum Präsidenten ausgerufen. 1841 suchte Gamarra, der Präsident von Peru, die Provinz La Paz von B. loszureißen, wurde aber 18. Nov. auf der Pampa von Ingavi bei Viacha von Ballivian geschlagen und fiel auf dem Schlachtfeld. Hierauf wurde 7. Juni 1842 zu Pasco ein Friede abgeschlossen, der im wesentlichen das Verhältnis vor Beginn der Feindseligkeiten herstellte. Santa-Cruz fiel 1844 in B. ein, wurde aber gefangen und an Chile ausgeliefert, wo er lange in strenger Haft blieb. Auch Ballivian konnte sich nicht behaupten und zog sich 1848 nach Valparaiso zurück. An Ballivians Stelle als Präsident trat wieder der General Velasco. Doch auch dieser vermochte die Ruhe und Zufriedenheit im Lande nicht herzustellen. Bereits gegen Ende 1848 brach infolge der Militärrevolution des Generals Belzu ein Bürgerkrieg aus; auch machte Ballivian von Chile aus wieder Versuche zu seiner Erhebung und noch mehrere andere Prätendenten traten auf. Belzu wußte sich als Präsident zu behaupten, bis er 1855 genötigt wurde abzudanken; doch brachte er eine seiner Kreaturen, den General Córdova, auf den Präsidentenstuhl. Gegen letztern erhob sich Sept. 1857 in allen Provinzen ein Aufruhr, der Córdova zwang, das Land zu verlassen. An seine Stelle trat Nov. 1857 der Urheber der Revolution, Dr. José Maria Linares, der sich schließlich 31. März 1858 zum Diktator aufwarf. Nachdem dieser 15. Jan. 1861 abgesetzt und dafür José Maria de Acha zum Präsidenten erwählt war, trat gegen Acha im Dez. 1864 Maria Melgarejo auf, der nun fast vom ganzen Lande als Präsident anerkannt wurde. Verschiedene Revolutionsversuche, März 1865 seitens des frühern Präsidenten Belzu, Mai 1865 seitens Castro Arguedas, Okt. 1866 seitens der Demokraten, wurden unterdrückt. Im Febr. 1869 wurde die 1868 vereinbarte Konstitution von Melgarejo wieder aufgehoben, der seitdem bis 1871 thatsachlich als Diktator regierte. Im Febr. 1870 brach in den östl. Teilen des Landes ein Aufstand der Indianer aus, der erst nach längerer Zeit niedergeworfen wurde. Im Juni 1871 wurde Melgarejo von Morales vertrieben, der aber schon 27. Okt. 1872 ermordet wurde. Hierauf folgte Adolf Ballivian als Präsident und nach dessen Tode (4. Febr. 1874) Thomas Frias. Infolge einer Revolution vom 4. Mai 1876 wurde General Hilarion Daza zum provisorischen Präsidenten ernannt. Unter diesem kam es zum Kriege mit Chile infolge von Streitigkeiten über den Besitz reicher Guano- und Salpeterlager, die längs des schmalen, zwischen dem 23. und 25.° südl. Br. liegenden Küstenstrichs, der von dem Stillen Ocean und den Anden begrenzt wird, sich befinden. Auf dieses Gebiet, das größtenteils von der Wüste von Atacama umschlossen wird, hatten Chile und B. beiderseits lange Jahre hindurch Anspruch erhoben; aber durch Verträge vom 10. Aug. 1866 und 6. Aug. 1874 vereinbarten sie eine gemeinschaftliche Verwaltung. 1878 brachen neue Streitigkeiten über die Steuern und Zölle aus, die rasch zum Kriege führten; Chile blockierte die ganze boliv. Küste; Peru aber, das 6. Febr. 1873 ein geheimes Bündnis mit B. geschlossen hatte, nahm nunmehr auch am Kriege teil. Im Mai 1879 wurde die peruan. Flotte vernichtet und die boliv. Küste blieb in der Gewalt der Chilenen. Ein langwieriger Landkrieg folgte. Am 28. Dez. 1878 wurde Präsident Daza durch eine Revolution abgesetzt und General Campero trat an seine Stelle. Am 26. Mai 1880 wurden die vereinigten boliv. und peruan. Streitkräfte bei Tacna geschlagen. Seitdem nahmen die Bolivianer keinen thätigen Anteil mehr an dem Kampfe, der bis 1883 währte. (S. Chile.) Am 4. April 1881 wurde ein förmlicher Waffenstillstand und 29. Nov. 1884 ein Friedensvertrag zwischen B. und Chile ge-^[folgende Seite]