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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bolivia

Titicacasee, zwischen Sucre und der argentin. Grenze und zwischen Oruro und Cochabamba; sonst spielen Maultiere und Lamas noch eine Rolle als Transportmittel. An Eisenbahnen waren 1893 500 km in Betrieb, und zwar die wichtige von Antofagasta ausgehende Linie Ascotan-(chilen. Grenze) Huanchaca, die bis Oruro weiter geführt worden ist; geplant sind zahlreiche Linien, wie Huanchaca-Potosi, Tacna-(in Chile) La Paz-Oruro, Oruro-Cochabamba und La Paz-Route. Doch wird die Ausführung noch lange auf sich warten lassen. Die Post beförderte 1891 im innern Verkehr 604 536, im äußern 294 414 Sendungen. Von den 222 km Telegraphenlinien ist eine, Sucre-Tupiza, staatlich, die wenigen andern (La Paz-Puno, La Paz-Corocoro und Arica, Sucre-Potosi, Huanchaca-Antofagasta) in Privatbesitz.

Verfassung und Verwaltung. Nach der Konstitution vom 25. Aug. 1826 ist die Verfassung eine repräsentative, wurde aber seitdem mehrfach verändert. Die Gesetzgebende Versammlung bildet ein aus direkten Wahlen hervorgegangener Kongreß (Nationalversammlung). Die Exekutivgewalt übt ein auf 4 Jahre gewählter Präsident, dem zwei von ihm ernannte Vicepräsidenten und ein dem Kongreß (Senatoren- und Deputiertenkammer) verantwortliches Ministerium zur Seite stehen.

In administrativer Hinsicht ist das Land in 8 Departamentos mit 32 Provinzen eingeteilt, von denen jede wieder in Distrikte zerfällt. Sie lassen sich in zwei Regionen gruppieren: 1) die Andenregion, der Sitz des größten Teils der boliv. Bevölkerung und des ausgedehntesten Bergbaues, mit den fünf nach ihren Hauptstädten benannten Depart. Potosi, Sucre (Chuquisaca), Cochabamba, Oruro und La Paz; 2) die Region der vorwiegend Llanosprovinzen, enthält die drei Depart. Sta. Cruz und Beni (seit 1842 errichtet) mit dem Hauptorte Trinidad, und Tanja. Die Hauptstadt der Republik, nach der jeweilig herrschenden Partei wechselnd, jetzt La Paz, früher Sucre (auch Chuquisaca genannt), hat (1893) etwa 45 000 E. Auch Sucre, Oruro, Cochabamba beanspruchen diesen Rang. Die andern Departamentoshauptstädte sind La Paz (40 000 E.), Cochabamba (19 500), Potosi (11 944), Sta. Cruz de la Sierra (10 288), Oruro (10 000), Tanja (15 000) und Trinidad (4535 E.). Die Staatsreligion ist die katholische. In kirchlicher Hinsicht bildet B. ein Erzbistum, dessen Erzbischof und Metropolit in Sucre seinen Sitz hat und dem die drei Bischöfe von Cochabamba, Santa Cruz de la Sierra und La Paz untergeordnet sind. Es bestehen zahlreiche örtliche Gerichte, 7 Distriktshöfe und ein Oberster Gerichtshof. Von höhern Bildungsanstalten besitzt B. 5 Universitäten mit Fakultäten der Jurisprudenz, Medizin und Theologie (La Paz, Chuquisaca, Cochabamba, Sta. Cruz und Tanja), eine Schule für Architektur und Bergbau in La Paz, dann 8 Lyceen und 4 staatlich unterstützte Seminare, 4 Töchterschulen und 493 Elementarschulen mit mangelhaftem Unterrichte und nur 24 244 Schülern.

Die innern und finanziellen Angelegenheiten sind infolge der häufigen Revolutionen noch nicht fest begründet. Das Budget für 1893 wurde auf 5 737 200 Bolivianos Einnahmen und 5 937 200 Ausgaben geschätzt: die äußere Schuld betrug (1891) 3 703 273, die innere 4 484 916, zusammen 8 248 189 Bolivianos. Hauptgläubiger sind europ. und chilen. Kapitalisten. Die Einnahmen zerfallen in nationale (Ein- und Ausfuhrzölle, Abgaben der Minen- und andern Aktiengesellschaften, Münze und Stempelsteuer) und departamentale (Grundsteuer, Abgaben auf Vieh, Tabak, Koka, Zucker und Kautschuk). Das Heer hatte 1889 8 Generale, 359 Stabs- und 654 Subalternoffiziere. Hiervon dienten die wenigsten im aktiven Heere, und 1889 haben viele Offiziere mit weniger als 10 Dienstjahren Abschied nehmen müssen. Von den unruhigen und unbrauchbaren 2000 Mann sind nach einer Revolte vom Sept. 1888 nur 2 Bataillone Infanterie, 2 Abteilungen Kavallerie und 1 Eskadron Artillerie (900 Mann) unter Waffen behalten worden. Die Nationalgarde ist erst in einigen Departamentos eingerichtet.

Das Wappen von B. zeigt einen elliptischen Schild, welcher von einer oben goldenen, unten blauen Borde gefaßt wird. Diese Borde trägt oben den Namen der Republik, unten 9 goldene Sterne. Das Wappenbild besitzt landschaftlichen Charakter und zeigt im Vordergrunde rechts ein Pako, links vor einem Pisangbaum ein Ährenbündel. Weiter rückwärts erscheint auf einem Hügel ein Bergwerk. Im Hintergrunde erhebt sich ein schneebedeckter Berg von einer strahlenden Sonne beleuchtet. Auf dem Schilde fußt ein flugbereiter Kondor vor einem Lorbeer- und Kokazweige. Als Dekoration dienen rot-gold-grüne Fahnen, Kanonen und Gewehre, sowie eine Freiheitsmütze und ein Liktorenbeil. Die Flagge hat die Farben Rot, Gold, Grün. (S. Tafel: Flaggen der Seestaaten.) Es besteht ein Orden der Ehrenlegion.

^[Abb.]

Geschichtliches. Der westl. Teil des jetzigen Freistaates B. bildete einen Teil des alten Reichs der Inka von Cuzco. Nachdem seit 1538 die Spanier auf den Hochebenen B.s sich festgesetzt hatten, wurde das Land zu dem Königreich Peru geschlagen, dann nach Bildung des Vicekönigreichs La-Plata, oder Buenos-Aires, 1780, mit diesem vereinigt und Charcas genannt. In diese Zeit fällt der letzte Versuch der indian. Bevölkerung, das span. Joch abzuschütteln. Tupac Amarú, ein Abkomme der Inka, ließ sich zum König ausrufen und eroberte in kurzer Zeit den größten Teil von B. Bei der Belagerung von La-Plata jedoch wurde er von Coronel Roseguin geschlagen, gefangen genommen und mit vielen Anhängern hingerichtet. Die Nachricht von den folgenschweren Unruhen in Spanien rief auch in B. ebenso wie in den andern span. Besitzungen in Südamerika schon 1809 ernste Wirren hervor, die zu heftigen Kämpfen mit wechselndem Erfolge führten. Im Jahre 1818 wurde das Land von den