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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bolivia

Ostkette fällt zu einem tropisch-feuchten Urwaldgebiete ab; die Westkette dagegen zu der dürren Wüste, an der ärmliche Gesträuche, Steppen, Kaktusgruppen vorherrschen. In der Puna-Region fehlen die Bäume gänzlich, nur Kräuter und Gräser dienen dem Vieh zur Weide; der spärliche Ackerbau beschränkt sich auf Kartoffeln, Gerste, Oca (die Knolle von Oxalis tuberosa Molin) und Quinoa (Chenopodium Quinoa L.). Wesentlich verschieden von der Puna sind die Cabezeras de los valles (die obern Thalstufen), zwischen 3300 und 2900 m ü. d. M., in denen schon eine angenehme Wärme und größere Feuchtigkeit herrscht und die gegen die heftigen Stürme der Puna geschützt sind. Infolgedessen zeigt sich hier schon Baumwuchs, und man baut mit Erfolg Weizen, Mais, Gemüse, mehrere Obstsorten und in besonders günstigen Lagen sogar schon Wein und Feigen. In der nächsten Stufe, den Valles oder Medio Yungas (2900-1600 m), gedeihen alle Feld- und Gartenfrüchte der gemäßigten Zone, in vollster Üppigkeit schon vielfach untermischt mit denen der heißen Zone, wie Bananen und Bataten. Wälder finden sich in großer Ausdehnung, reich an Chinarindenbäumen (Chincona calisaya Wedd. u. a.), welche aber nur in den tropischen Bergwäldern der Ostgehänge vorkommen und dort den Charakter geben. In den Yungas endlich, die alles Land des Ostabfalles unter 1600 m umfassen, findet sich die ganze Üppigkeit der Tropen. Hier erstreckt sich der Anbau auf alle Kulturgewächse der heißen Zone, namentlich Koka, Kakao, Kaffee, Zuckerrohr, Ananas, Bananen, Melonen, Reis, Pfeffer, und der Charakter dieser Region stimmt mit dem des brasil. obern Amazonasgebietes überein.

Tierwelt. Die Tierwelt ist außerordentlich reich, aber namentlich in senkrechter Richtung sehr abwechselnd. Im Hochgebirge treffen Formen des gemäßigten Nordens und Südens zusammen, wie Viscachas (Lagostomus), Vicuña, Guanaco, Wasseramseln (Cinclus), Insektenformen (Carabus) des nördl. Amerika u. s. w. In den Yungas haben fast alle tropisch-amerik. Sippen ihre Vertreter, so die Sopajus (Cebui), Spinnenaffen (Ateles), Saimiris (Chrysotrix), Brüllaffen (Mycetes), Marmosets (Hapale), Vampyre, Puma, Jaguar, der merkwürdige Waldhund (Icticyon venaticus Lund), Pekaris, Wickelbären u. s. w. Kolibris sind zahlreich von der tropischen Ebene bis an die Grenze des ewigen Schnees, auch Papageien sind häufig sowie Spechte, und beide gehen in einzelnen Formen hoch hinauf ins Gebirge. Höher aber als alle, bis über das Gebirge hinaus, erhebt sich der Kondor. Der Reichtum an Vögeln überhaupt, an Reptilien und schwanzlosen Amphibien ist ein großartiger, wundervolle Insekten finden sich in zahlreichen Arten, aber in wenigen Individuen.

Mineralreich. Der Hauptreichtum des Landes beruht in seinen Mineralschätzen. Der größte Teil der Flüsse führt Gold, und an verschiedenen Stellen werden Goldwäschen betrieben, freilich meist noch in sehr roher Art. Das reichste Goldlager befindet sich im Depart. La Paz am Flusse Chuquiagallo, wo zur Zeit der span. Herrschaft ein Klumpen von 45 Pfd. gefunden wurde. In der östl. Hauptkette der Cordilleren, z. B. am Illimani, finden sich vielfach goldhaltige Quarzgänge. Die bedeutendsten Goldwäschen liegen am Rio Tipuani, ebenfalls im Depart. La Paz. Neuerdings sind bedeutende Goldlager in der Quebrada de Sta. Rosa (Depart. Sta. Cruz) aufgefunden worden, doch verzinst der Goldbau die darauf verwandten Kapitalien nur sehr schwach. Weit wichtiger ist der Reichtum an Silber: die Minen von Potosi (s. d.) sind die reichsten Silberminen der Welt und liefern noch jetzt im Durchschnitt 3 Mill. M. trotz mangelhaften Betriebes; von den übrigen sind die wichtigsten die zu Porco, Aullagas, Portugalete, Chorolque, Oruro, Poopo, Antequero und Carguaycollo. Die von Caracoles sind an Chile verloren gegangen. Die Gesamtproduktion an Silber erreicht jetzt fast noch einen Wert von 7 Mill. Pesos, ein großer Teil der Minen ist durch Raubbau betriebsunfähig geworden. In bedeutendem Maße hat der Bergbau auf Kupfer zugenommen; die Minen von Corocoro allein liefern jährlich 60-70 000 Ctr. Kupfer, die von Chacarilla (56 km südlich von Corocoro) an 17-20 000 Ctr. Es wird hauptsächlich als Barilla (Kupfersand mit einem Gehalt von 70-85 Proz. an gediegenem Kupfer) und Charque (in Blättern, Zweigen und krystallinischen Stücken von 85-95 Proz. Gehalt) in den Handel gebracht. Außerdem ist B. noch reich an Zinn und Blei, wovon nur ersteres bis jetzt in geringem Maße ausgebeutet wird. Bei der schwachen Bevölkerung ist der Bergbau noch immer die einzige Industrie des Landes. Die Guanolager der Küste hat Chile erobert.

Bevölkerung. B. hatte (1892) 1 192 000 E., ohne die wilden Indianer (etwa 245 000), d. i. im ganzen 1 auf 1 qkm. Sie zerfallen der Rasse nach in Weiße, Cholos und Indianer. Neger, Mulatten und Zambos finden sich fast gar nicht. Die Weißen gehören fast ausschließlich der span. Rasse an. Die Indianer zerfallen zunächst in civilisierte (ansässige) und wilde. Die erstern gehören fast ausschließlich den beiden Stämmen der Aymara und Quechua (Ketchua) an und hausen hauptsächlich in der Puna und den Valles; sie gehören zur andoperuan. Familie der indian. Rasse und besitzen große geistige Anlagen. Ihre Sprachen sind noch jetzt sehr im Gebrauch. Großenteils zum Christentum bekehrt, aber fast ausschließlich von Jagd und Fischerei lebend, sind die im Gebiete des Amazonas wohnenden und vielfach geteilten Familien der Mojo und Chiquito. Im Gebiete des Paraguay endlich wohnen in B. eine Anzahl ganz wilder Stämme, der Familie der Guarani angehörig, darunter die tapfern Chiriguano und Toba. Der Vermischung von Weißen und Indianern entstammen die Cholos, die sich durch Intelligenz auszeichnen und denen B. seine Befreiung von der span. Herrschaft verdankt, freilich auch die unaufhörlichen Unruhen, welche seitdem den Fortschritt des Landes verhindert haben.

Handel. Da B. durch seine ungünstige Lage gezwungen ist, den größten Teil der Ein- und Ausfuhr über chilen. Gebiet zu führen, so ist der Handel nicht nur von den eigenen Revolutionen, sondern auch von den Zöllen des Nachbarstaates fortwährend abhängig. Der Wert der Ausfuhr wurde 1891 auf 1,8 Mill., der der Einfuhr auf 1,2 Mill. Pfd. St. geschätzt. Zu den Hauptgegenständen des erstern gehören: Chinarinde, Alpacawolle, Zinn, Wismut, Kupfer, Gold und vor allem Silber. An diesem Handelsverkehr haben Chile von Antofagasta und Peru von Arequipa aus den Hauptanteil.

Verkehrswesen. Es mangelt noch sehr an guten Fahrstraßen infolge technischer und finanzieller Schwierigkeiten. Bis jetzt giebt es gute Verbindungen nur zwischen La Paz-Oruro und dem