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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brille
drisch, konvex oder konkav geschliffen werden. Einem
besondern Zwecke dient die von Brücke angegebene
Dissektions drille. Dieselbe wird gebildet aus
zwei Prismen in Abduktionsstellung, die bikonvex
geschlissen smd und eine kurze Brennweite (-!- '/" bis
-l- ^4) besitzen. Sie ermöglicht es, die Sebobjekte
gleichzeitig mit beiden Augen bei relativ geringem
Konvergenzwinkel der Sehlinien doch in großer Nähe
(also auch vergrößert) zu sehen, und wirkt also ganz
gleich einer vor beide Augen gestellten Lupe mit
großer Öffnung und der gleichen Brennweite.
An allen V. müssen die Gläser vollkommen rein,
ohne Bläschen und Schlieren sein und eine glatte
Oberfläche haben. Die Form kann oval oder rund
sein, die Größe muß so sein, daß nicht daneben, dar-
unter oder darüber hinweggesehen werden kann. Von
besonderer Wichtigkeit ist das Brillengestell, an
dem der dem Nasenrücken aufliegende Steg, die beiden
seitlich abgehenden Bügel und die zur Aufnahme der
Gläser dienenden Ninge unterschieden werden. Die
letztern können auch ganz wegfallen und Bügel und
Steg direkt mit den Gläsern verbunden sein. Der Steg
ist am besten bandförmig gestaltet, muß bei flachem
Nasenrücken die Form eines lat. X, bei hohem Nasen-
rücken die eines liegenden lat. X haben. Die Bügel sind
bei Damenbrillen einfache federnde Stanaen, die sich
den Seitenteilen des Kopfes anschmiegen. Bei .Herren-
brillen sind sie entweder hinter dem Ohre umge-
bogen, um einen festern Sitz der B. zu erzielen (Reit-
brille), oder durch ein Scharnier unterbrochen, sodaß
das hinterste bewegliche Stück, der Bügel, hinter das
Ohr gelegt werden kann. Die Gestelle werden aus
Metall gefertigt (Gold, Silber oder Stahl), oder
aus Zorn, Schildpatt oder Hartgummi. Die aus
den lehtern Substanzen gefertigten sind nicht nur in
der Form plumper, sondern ändern auch leicht durch
Temperatureinflüsse ihre Gestalt, krümmen und wer-
fen sich, sind daher nur dann den metallenen Ge-
stellen vorzuziehen, wenn infolge einer besondern
Empfindlichkeit der Hautnerven der Druck des Me-
5üüs nicht gut längere Zeit ertragen wird. In der
Regcl sollen beide Augen durch die Mitte der Gläser
sehen, und daher müssen diese so weit voneinander
entfernt fein, als der individuell in ziemlich weiten
Grenzen schwankende gegenseitige Abstand der Pu-
pillen beider Augen beträgt (bei Erwachsenen 54-
74 mm). Je nach der Form des Nasenrückens und der
flachern oder tiefern Lage der Augen wird die Ent-
fernung der Gläser von der Vorderfläche der Augen
bei den verschiedenen Individuen etwas schwanken.
Diesem Umstände ist bei der Wahl der Vrillennum-
mern wohl Rechnung zu tragen, denn die Konvex-
gläser werden um so stärker, je weiter vom Auge ab-,
die Konkavgläser um so stärker, je näbcr sie an das
Auge herangerückt getragen werden. Da alle Gläser
die beste Sehschärfe geben, wenn die Vlicklinie senkrecht
auf ihre Oberfläche gerichtet ist, bei schräg darauf ge-
richteter Vlicklinie dagegen, namentlich bei stärkern
Gläsern, eine Verzerrung derBilder entsteht, so müssen
bei Arbeiten, die mit gesenkterVlicklinie vorgenommen
werden, beim Lesen, Schreiben, Nähen u. s. w., die
Gläser so gerichtet werden, daß ihr oberer Rand etwas
weiter vom Auge absteht als ihr unterer. Neuerdings
hat man auch zu diesem Zwecke an den Bügel dicht
hinter dem Glase ein zweites Scharnier angebracht,
das diese Neigung der Gläser ermöglickt. Während
süiaUeFälle, in denen die Gläser längereZeit hindurck
benutzt werden, die gewöhnliche Brillenform zu em-
vfchlcn ist, ist die Fassung der Gläser in Form eines
durck die Federkraft ves Steges aus dem Nasenrücken
festsisenden Klemmers oder Zwickers (Pince-nez)
oder einer mit der Hand vor die Augen gehaltenen
Lorgnette dann zulässig, wo es sich nur um einen vor-
übergebenden Gebrauch der Gläser, z. V. beim Sehen
in die Ferne, handelt. Entschieden zu verwerfen ist der
einseitigeGebrauch eines sog.Monocles,solange beide
Augen nabezu gleich gut sehen. Mitunter empfiehlt es
sich, je zwei Gläser übereinander zu tragen, die sich
dann für eine bestimmte Sehdistanz ergänzen, und
zwar das eine Paar in eine Brille, das zweite in
einen Klemmer oder einen sog. Vorhänger gefaßt. Hat
man zum Fernsehen z. B. konkav 6 nötig, bedient
man sich aber zum Lesen u. s. w. einer Brille konkav 8,
so genügt letztere auch zum Fernsehen, wenn man
noch einen Vorhänger konkav 24 vor die Brille setzt,
denn ',8 4- '/24 -- '/?.
3) Die Schutzbrillen haben nur die Aufgabe,
das Auge vor zu grellem Lichte oder vor schädlichen
mechan. Einwirkungen zu schützen. In ersterer Be-
ziehung sind am meisten in Gebrauch die von Eng-
landaus eingeführten rauchgrau gefärbten (I^ouäon
3inok6) und die blauen Gläser. Die erstern bezwecken
eine gleichmäßige Abschwächung des Lichts, letztere
hingegen lassen vorzugsweise nur die blauen Strahlen
zum Auge gelangen, die dasselbe weniger irritieren
als die schwächer brechbaren, roten, gelben und grü-
nen. Die Gläser der Schutzbrillen sollen die Licht-
strahlen ungebrochen durchtreten lassen und haben
daher entweder plane Vogrenzungsflächen (Plan-
brillen) oder sind gewölbt; die letztere Art verdient
als ein vollkommneres Schutzmittel den Vorzug
vor der erstern. Würde man die stärkern Konkav-
und Konverlinsen aus gefärbtem Glase anfertigen,
so würden begreiflicherweise erstere am Rande mehr
als im Centrum, letztere im Centrum intensiver als
in den Randteilen gefärbt erscheinen. Will man eine
dieser stärkern Linsen gleichmäßig, d. h. "isochro-
matisch ", färben, so ist bierzu weißes Glas zu ver-
wenden, und die Oberfläche der Linfe muß nachher
mit einer gleichmäßig dünnen Schicht durchsichtigen,
gefärbten Lacks überzogen werden. Als Schutz vor
der Einwirkung mechan. Schädlichkeiten werden die
Gläser gar nicht oder nur spurweise gefärbt, oder
(z. B. von Steinklopfern, Schlossern u. s. w.) feine,
das Auge überwölbende Drahtgeflechte, eventuell
auch beides in zweckmäßiger Verbindung getragen.
Auch bedient man sich hierzu neuerlich dünner, durch-
sichtiger Glimmerplatten, die ihrer Elasticität wegen
vor den aus Glas angefertigten Schutzbrillen ent-
schieden den Vorzug verdienen.
4) Stenopäische Brillen. Die stenopäische
Lochbrille besteht in ihrer ursprünglichen Form
aus einer das Auge bedeckenden undurchsichtigen
Kapsel aus Holz oder dünnem Metall, in der sich,
und zwar der Pupille gegenüber, ein Loch von unge-
fäbr V2 bis 1^ min Durchmesser befindet. Bei Trü-
bungen der Hornhaut oder der Linfe, die einzelne
Teile des Pupillargebietes frei oder doch relativ frci
la^cn, verbessern diese B. das Sehvermögen sehr
wesentlich dadurch, daß die stenopäische Öffnung vor
die von Trübungen freien Teile der Pupille geschoben
und gleichzeitig das sonst durch die getrübten Par-
tien fallende diffufe, störende Licht von der Netzoaut
des Auges fern gehalten wird. Sie erhöhen die Seh-
schärfe auch bei allen Formen des Nndeutlichsehens,
die auf fehlerhafter Brechung des Lichtes (Amctropie)
beruhen, dadurch, daß sie die Zerstreuungskreise der
Netzhautbilder verkleinern. Die stenopäischen schlitz-