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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brüssel
besteht eine königl. Akademie der Wissenschaften,
Litteratur und Künste, aus der 1769 gegründeten
Litterarischen Gesellschaft hervorgegangen, eine
Militär- und Kriegsschule, eine mediz. Akademie,
Tierarzneischule, ein Athenäum (Gymnasium und
Realgymnasium) mit 630 Schülern, ein Musikkonser-
vatorium, Taubstummen- und Vlindeninstitut, eine
Handelsschule, eine Haushaltungsschule für junge
Mädchen und von Gewerbeschulen je eine für
Uhrmacher, Schriftsetzer und Schneider. Für den
elementaren Unterricht bestehen neben den Staats-
und Gemcindeschulen und den von liberalen und
religiösen Gesellschaften gegründeten Schulen zahl-
reiche Privatlehranstaltcn. Das ?alai3 äo8 Lc^ux-
^.its, ein 1880 vollendeter klassischer Bau, cntbält
moderne Skulpturen und eine wertvolle Sammlung
älterer Gemälde (600), insbesondere der niederländ.
schule. Die Bilder neuerer Meister in Ol und Aqua-
rell sind jetzt in acht ^älcn des ^Iii366 inoäeruk
aufgestellt. V. besitzt acht Theater, darunter das
^iieä.ti'0 ro)'kl äs 1Z. ^lonukio mit 210 Vor-
stellungen jährlich, mehrere größere Musikgesell-
schaftcn, einige Vereine für Kunst und Wissen-
schaften, eine Philanthropische Gesellschaft und eine
große Menge von Wohlthätigkeitsanstaltcn, dar-
unter einen deutschen Hilfsverein, Schillcrverein, der
gegen 400 Mitglieder zählt und alljährlich gegen
25000Frs. an bedürftige Landsleute verteilt. Über
die Zeitungen s. Belgien (Bd. 2, S. 674b).
Industrie, Gewerbe, Handel. Von den Gc-
werbzweigen blühen hauptsächlich Spitzen-, Möbel-,
Kutschen-, Papier-, Handschuh- undLcderfabrikation.
Der Handel ist vornehmlich Luxus- und Kleinhandel;
es giebt wohl eine Anzahl größerer Handelsfirmen,
doch ist deswegen die Stadt nicht zu den Handels-
plätzen zu zählen. Buch-, Kunst- und Musikalien-
handlungen (verbunden mit Leihbibliotheken) sind
zahlreich, ebenso Bankinstitute, wie die LocietO
^6Q6i-Hi6 und seit 1851 die Nanquo XlUiouHis und
sonstige Handels-, Eisenbahn-, Versichcrungs-, Berg-
werks- u. a. Gesellschaften. Zur Hebung des Um-
satzes besteht ein Handelsmuseum. Durch Konsuln
sind in V. vertreten: die Vereinigten Staaten von
Amerika, Volivia, Chile, Columbia, Costa-Rica,
das Deutsche Neich, die Dominicanische Republik,
Ecuador, Griechenland, Guatemala, Ha'üi, Hondu-
ras, Italien, Japan, Liberia, Luxemburg, Monaco,
Nicaragua, die Niederlande, der Oranje-Freistaat,
Österreich-Ungarn, Paraguay, Persien, Portugal,
Rumänien, Salvador, die Schweiz, Serbien, Siam,
Spanien, die Südafrikanische Republik, die Türkei,
Uruguay, Venezuela.
Verkehrswesen. Dem auswärtigen Verkehr
dienen außer den Kanälen (gegen 12 000 Schisse und
Boote jährlich mit etwa 1300000 t Raumgchalt)
die von drei durch Gürtelbahn (mit 8 Haltestellen)
verbundenen Bahnhöfen ausgehenden Kunststraßen,
vor allem aber Eisenbahnlinien: V.-.s)crbesthal, B.-
Antwerpen, V.-Ostcnde, B.-Quievrain, V.-Ärlon-
Stcrpenich, V.-Tcrvucrcn, V.-Luttre, V.-Lille der
Belg. Staatsbahncn; ferner die Linien B.-Tilbeck-
Schcpdacl, V.-Haecht, V.-Andcrlecbt-St. Qucntin
der Vclg. Vicinalbahncn. Den Verkehr in der Stadt
sowie den mit den Vorstädten erleichtern 10 Pferde-
bahn-, 4 Dampftrambahn- und 11 Omnibuslinien.
Zur Vermittelung des Postverkehrs bestehen außer
der Hauptpost 20 Post- und Telegraphenämter (die
der Vorstädte inbegrifscn). Die Postanstalten sind
zugleich auch Zahlstellen für die Sparkasse. DcrTele-
phondicnst - gegen 1200 Linien - bisher von einer
Privatgesellschaft betrieben, wird demnächst in staat-
liche Verwaltung übergehen.
Die Umgebung ist zum Teil sebr schön. Beson-
dere Anziehungspunkte neben dem Cambrewäldchen
(im SO.) sind der Park zu Laekcn im N., im O. der
prächtige Park zu Tcrvueren sowie die im Soignes-
wald herrlich gelegenen, als Sommerfrischen stark
besuchten Dörfer ^atermael-Voitsfort, Groenen-
dacl (mit Hippodrom) und La Hulpe.
Geschichte. V. erscheint zuerst um 870 als Vro -
sella, im 10. Jahrb. dann als Vruoscella in
der Geschichte. Gewöhnlich werden diese Worte von
dem alten dro oder di-uoc, dem heutigen vläm.
droek ^ Sumpf und 86Ü6 oder 36l6 - Wohnung
hergeleitet. Zuerst scheint es eine Villa der frank.
Monarchen gewesen zu sein. Eine Urkunde Ottos I.
von 966 bestätigt das Vorhandensein einer Kirche,
unter der neuere Forscher die Kirche zum heil. Mi-
chael verstehen, und an deren Stelle später die St.
Gudulakirchc erbaut wurde. Gcrberge, Schwester
Ottos d. Gr., brachte die Ortschaft dem Herzoge Gi-
selbert von Lothringen als Mitgift zu. Ihre En-
kelin Gcrberge heiratete den Grafen Lambcrt von
Löwen. Mit diesem kam der Bezirk V. unter die
Herrschaft der Herzöge von Niederlothringen und
Vrabant, durch deren Einftuß die Stadt zu großem
Ansehen gelangte. Von Johann I. an (1251-59)
scheint sie Wohnsitz der Fürsten geblieben zu sein,
indes Löwen noch den Titel der Hauptstadt behaup-
tete. Nach vielfachen Kämpfen der auf ihre Vor-
rechte eifersüchtigen Bürger mit den Patriciern oder
mit den Fürsten, nach fürchterlichen Bürgerkriegen,
die der Tod Johanns 111. (1355) über die Stadt
hereinbrachte, gelangte das Erbteil seiner Tochter
Johanna an die Gräsin von Flandern, Gemahlin
des burgund. Herzogs Philipp des Kühnen, welche
die Verwaltung Vrabants und Limburgs ihrem
Sohne Anton übertrug. Nach dem Tode der Söhne
desselben (1480) trat Philipp der Gute, Herzog von
Burgund, in den Besitz des Herzogtums Vrabant,
und unter seiner Enkelin Maria, Gemahlin Kaiser
Maximilians, ging die stark befestigte, schon bedeu-
tende Stadt an das Haus Habsburg über. Wieder-
holte Eingriffe desselben in die beschworenen Frei-
heiten gaben zu steten Aufständen Anlaß, die indes
immer mit einer Aussöhnung endeten. Karl V. be-
reits hatte V. zur Hauptstadt der Niederlande ge-
macht und mit allem Glänze des Hoflebcns umgeben.
Unter Philipp II., der hierher den Sitz der General-
statthalterschaft unter Margarete von Parma ver-
legt hatte, wurde es der Hauptschauplatz der nieder-
länd. Revolution. Nachdem 5. April 1566 Brcderode
an der Spitze des verbündeten Adels der Rcgcntin
die Beschwerde übergeben hatte, wurde hier am
selben Abend der Gcusenbund geschlossen. In B.
schalteten die Inquisition und Philipps Feldherr
Alba mit grausamer Blutgier und schnöder Ver-
letzung der verbrieften Freiheiten.
In dem langen Befreiungskämpfe war V. der
Hauvtwasfcnplatz abwechselnd der Niederländer und
der Spanier. 1576 wurde hier die Gentcr Pacisi-
kation und 9. Jan. 1577 oie Brüsseler Union, deren
Bedingungen Don Juan von Österreich sich eine
Zeit lang unterwarf, abgeschlossen. Nach seiner
Entfernung zog Oranicn als Nuwacrt von Bra-
bant in V. ein (23. Sept. 1577), mußte aber schon
nach Don Juans Sieg bei Gembloux (31. Jan. 1578)
die Stadt räumen. Trotz entsetzlicher Zustände im