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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Buddha und Buddhismus

Kleidung und Wohnung. Den Mönchen untergeordnet waren die Nonnen, die Buddha nur sehr widerwillig und nach langem Zögern zugelassen hatte. Da der Buddhismus keinen Gott kennt, so fordert er auch keinen Kultus. In ältester Zeit fanden nur bestimmte Versammlungen der Mönche statt, in denen die Beichtformel verlesen wurde und die Mönche etwaige Vergehen sühnten. Schon frühzeitig scheinen sich aber Reliquiendienst und Wallfahrten zu heiligen Stätten herausgebildet zu haben, die später gang und gäbe sind.

Buddha hat bei seinem Tode keinen Nachfolger eingesetzt, ja direkt abgelehnt, dies zu thun. So konnten Reibungen unter den Mönchen und Spaltungen in der Gemeinde nicht ausbleiben; bis zum Anfange des 3. Jahrh. nach Buddhas Tode sollen sich nicht weniger als 18 Sekten mit eigenen Klöstern abgesondert haben. Der Tradition nach soll kurz nach Buddhas Tode ein Konzil stattgefunden haben, in welchem unter dem Vorsitze des Mahākassapa die beiden ältesten, nach andern gar alle drei Sammlungen der buddhistischen Lehre, der Tipitaka (s. d.), festgesetzt worden seien. Dieses Konzil ist, wie es scheint, unhistorisch, oder jedenfalls nur ein örtlich beschränktes gewesen, wie das zweite Konzil unter König Kālāçōka um 380, das einige Mißbräuche beseitigte. Zur Staatskirche wurde der Buddhismus unter König Açōka. Wir wissen aus seinen Inschriften, daß er nach seinem Übertritt eigene kirchliche Beamte einsetzte, um Zucht und Ordnung in der Kirche aufrecht zu erhalten. Trotzdem drängten sich viele schlechte Elemente in die Klöster, und das dritte Konzil brachte die Anschauung des Moggalīputta zur Geltung, der damals das Kathāvatthu, einen Teil des Abhidhammapiṭaka, verfaßt haben soll. Bis auf den heutigen Tag folgen die Singhalesen der Regel des Moggalīputta, während die nördl. Buddhisten der damals, wie es scheint, unterlegenen Partei des Upagupta folgen. Von diesem Konzil an datiert die Missionsthätigkeit des Buddhismus nach außerind. Ländern; es ist daher in der Geschichte desselben von höchster Wichtigkeit. Moggalīputta wählte eine Anzahl Älteste aus, die nach Kaschmir, nach den Ländern am Kabul und am Himalaja, nach dem westl. Dekan und nach Hinterindien gingen; Açōkas eigener Sohn Mahindō ging nach Ceylon. Von diesem Konzil an beginnt faktisch die Scheidung zwischen südl. und nördl. Buddhismus, die sich dann im Laufe der Jahrhunderte verschärfte. In seinem Mutterlande Indien ging der Buddhismus allmählich durch Verfolgungen und Spaltung in Sekten gänzlich zu Grunde; in Ceylon hielt er sich rein, im Norden entartete er durch Einflüsse mannigfachster Art. Zum südl. Buddhismus gehören heute vorzugsweise Ceylon und Hinterindien, zum nördlichen die Länder am Himalaja, besonders Nepal, dann Tibet, China, Japan, die Mongolei.

Um 24 v. Chr. eroberten die Yuei-tschi oder Çakās, ein Nomadenstamm tibetan. Herkunft, einen großen Teil Indiens, und ihr mächtigster Fürst Kanischka, der sich 78 n. Chr. krönen ließ, trat zum Buddhismus über. Er berief das vierte Konzil nach Kaschmir, wo nach der Annahme der nördl. Buddhisten die heiligen Texte neu festgestellt und alle echten Schriften gesammelt wurden. Jedenfalls wurde hier der Kanon der nördl. Buddhisten festgestellt, der im Unterschiede zu dem in Pāli geschriebenen Kanon der südlichen in Sanskrit verfaßt wurde; und zwar zeigen die ältesten poet. Teile, die sog. Gāthās, ein sehr entartetes, deutlich aus einer Volkssprache übertragenes Sanskrit. So trennt fortan auch die Sprache der heiligen Schriften südl. und nördl. Buddhisten.

Eine Centralleitung schuf auch das vierte Konzil nicht; die Spaltung in Sekten ging weiter. Um 194 n. Chr. gründete der Gelehrte Nāgārdschuna eine neue Schule, die unter den nördl. Buddhisten bald großen Anklang fand und sie in zwei Lager teilte. Die Lehre des Nāgārdschuna pries sich als das beste Fahrzeug an über den Strom der Existenz in den rettenden Hafen des Nirwāna, nannte sich Mahājāna, "das große Fahrzeug", und alle die sich ihr nicht anschlossen, wurden als Anhänger des Hīnajāna, "des kleinen Fahrzeugs", bezeichnet. In dem Lehrbuche der Mahajanisten, dem Prajñāpāramitāsūtra, findet sich die Lehre entwickelt, die man früher für den echten Buddhismus hielt, daß nichts existiert und man an allem zweifeln muß, der denkbar schärfste Skepticismus. Die Mahajanaschule ist es gewesen, die zuerst den buddhistischen Kultus auf Äußerlichkeiten leitete und dem Buddhismus Götter gegeben hat. Die drei sog. Dhjānibōdhisattvās, die heute in der nördl. Kirche ganz die Rolle von Göttern haben, Avalōkitēçvara (chines. Kwan shi yin), Mundschuçrī (spr. -schrī, chines. Wen shu) und Badschradhara oder Vadschrapāni sind der Mahajanaschule entsprungen. Außer ihnen wird in China noch besonders verehrt Samantabhadra (chines. Phu-hien). Die letzte Phase, die der Buddhismus durchmachte, war die des Mysticismus und der Magie, des Jōgātschāra, "Ausführen von Zauber", dessen Stifter Arjāsanga ist und der durch Verquickung mit der çivaïtischen Tantralehre entstand.

Bereits 2 v. Chr. nahm eine Gesandtschaft eines indoscythischen Königs buddhistische Bücher nach China für den Kaiser A-ili mit und 61 n. Chr. soll Kaiser Ming-ti infolge eines Traumes nach Indien Boten geschickt haben, um buddhistische Bücher und Lehrer zu holen. Der Inder Kāçjapa ging mit den Boten nach China und soll eine wichtige Schrift, "das Sūtra der 42 Abschnitte", ins Chinesische übersetzt haben. Von da an verbreitete sich der Buddhismus in China schnell, und im 4. Jahrh. n. Chr. wurde er Staatsreligion; am Anfange des 5. Jahrh. sollen die heiligen Schriften ins Chinesische übersetzt worden sein. Die folgenden Jahrhunderte brachten dem Buddhismus große Gönner, aber auch Feinde und Verfolgungen. Als die mongol. Dynastie 1206 in China zur Herrschaft kam, wurde er sehr begünstigt, und von dieser Zeit an bis heute finden wir in China zwei Schulen oder Kirchen nebeneinander, die der Foisten oder Hō-schang und die der Lamas. Fo ist chines. = Buddha, Lama ist tibetan. bLama und bedeutet "Oberer", Lamaismus ist also die Form des Buddhismus, die er in Tibet angenommen und in der er zu den Mongolen und mit diesen nach China kam. Die Foisten sind trotz mancher Begünstigung durch die Fürsten stets nur eine geduldete Gemeinschaft geblieben ohne hierarchische Verfassung und höhere Geistlichkeit. Der Lamaismus dagegen stellt auch in China, wie in Tibet und der Mongolei, eine streng geschlossene Korporation dar mit einem Vertreter der Kirche bei Hofe und der Regierung. Er ist herrschend in den chines. Provinzen, die an Tibet und die Mongolei grenzen. Im eigentlichen China ist der Buddhismus jetzt gegen die Religion des Confucius in den