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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Bulgarien (Ackerbau); Bulgarien (Bevölkerung); Bulgarien (Handel); Bulgarien (Industrie); Bulgarien (Verfassung und Verwaltung); Bulgarien (Verkehrswesen)

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Bulgarien (Bevölkerung. Ackerbau. Industrie. Handel. Verkehrswesen u. s. w.)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Bulgarien (Klima)'

Ebene der Maritza in Ostrumelien ist ausgezeichnetes Getreideland, während die fruchtbaren Längsthäler ihrer Nebenflüsse am Südfuße des Balkan durch ihre Rosenkultur berühmt sind. Zugleich ist die Linie der Maritza die Hauptverkehrsstraße zwischen Konstantinopel und Serbien und weiterhin Österreich. Das Klima Ostrumeliens zeichnet sich vor dem Donaubulgariens durch mildere und kürzere Winter aus; die Vegetation trägt einen mehr südländischen Anstrich; die Wälder sind auf die Abhänge des Balkan und der Rhodope beschränkt.

Die Bevölkerung betrug (1893) 3303810 E., d.i. 133 auf 1 qkm gegen 3154375 (1605389 männl., 1548986 weibl.) E. im J. 1888. Ostrumelien allein hatte (1885) 975030 E. Dem Religionsbekenntnis nach waren 2605905 Griechisch-, 22617 Römisch-Katholische, 643242 Mohammedaner, 28307 Israeliten, 2386 Protestanten und 6643 Armenisch-Gregorianer; der Nationalität nach 2504336 Bulgaren (s. d.), 569728 Türken, 60018 Griechen, 51754 Zigeuner, 27531 Juden, 1379 Russen, 3620 Deutsche, 91450 andere. Die Türken sind namentlich im östl. Teil des Fürstentums (Schumla, Silistria) ansässig; sie vermindern sich durch fortgesetzte Massenauswanderung. – Die Israeliten sind sog. Spaniolen, aus Spanien und Portugal eingewandert. Zigeuner sind durch das ganze Land verbreitet. – Heiraten wurden (1891) 29658, Geburten 127290, Todesfälle 87132 gezählt.

In der geistigen Bildung und in dem Streben nach einer vollkommenern Erziehung sind die Bulgaren den meisten Völkern der Türkei voraus. Städte mit mehr als 20000 E. sind die Hauptstadt Sofia mit (1893) 47000, Philippopel mit 36033, Rustschuk mit 28121, Varna mit 28174, Schumla mit 22517, Slivno mit 23210 E. Von andern Städten sind zu nennen: Eski-Zagra mit 17457, Tatar-Pazardžik mit 16343, Vidin mit 14551, Plevna mit 15546, Sischtow (Šistov) mit 13212, Silistria mit 11710, Tirnova mit 12858, Köstendil mit 11383 E.

Der Ackerbau steht auf einer niedrigen Stufe, die Ackergeräte sind sehr einfacher Art; doch ist der Boden im Durchschnitt vortrefflich und trägt fast ohne Düngung, sodaß noch ein Überfluß an Getreide (Mais, Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse) ausgeführt werden kann, und die staatliche Fürsorge für theoretisch-landwirtschaftliche Ausbildung verspricht baldigen Aufschwung. Die östl. Teile B.s bringen hauptsächlich Weizen und Gerste, die westlichen größtenteils Mais hervor. Die mit Getreide bestellbare Bodenfläche beträgt 17918769 Dönüms (ein Dönüm [bulg. Uvrat] == 919,3 qm). Geerntet wurden (1890) 4743528 Doppelcentner Getreide, 23 Proz. weniger als 1889; 2432362 Doppelcentner Wein und (1889) 29719 Doppelcentner Tabak. Auch ist der Tabak-, Obst- und Weinbau, in Ostrumelien die Kornzucht beträchtlich. Trotzdem die Berg- und Thalweiden reichen Ertrag geben, ist doch die Viehzucht im ganzen schwach, nimmt aber in letzter Zeit bedeutenden Aufschwung; Rinder und namentlich Schafe werden hauptsächlich nach Konstantinopel ausgeführt. Die Milch- und Käsewirtschaft ist primitiv. Die Pferde sind unansehnlich und klein und werden hauptsächlich zum Reiten und Lasttragen benutzt, wogegen als Zugvieh der Büffel dient. Es wurden gezählt (1890) 7205339 Schafe, 1350357 Ziegen, 393329 Schweine, (1888) 124996 Stück Großvieh, 147147 Pferde, 61994 ↔ Esel und 5495 Maulesel. Sehr bedeutend ist die Seidenraupenzucht. Von Bergwerken sind vereinzelte Eisenerzlager erwähnenswert (besonders bei Samokov), doch ist deren Ausbeute vernachlässigt; ferner Kohlenbergwerke (besonders bei Sofia).

Die Industrie ist in den Städten bedeutend; besonders werden Leder und Metallwaren (Samokov), Wollgewebe und Teppiche (Gabrovo), Silber- und Gold-Filigran (Vidin), Thonwaren (Rustschuk), Seidengewebe (Tirnova), Rosenöl und Rosenwasser (Kazanlik) fabriziert. Doch bezieht B. noch den größten Teil seines Bedarfs an Industrieartikeln aus Westeuropa, besonders durch die Donauhäfen.

Der Handel hat in neuester Zeit einen bedeutenden Aufschwung genommen und betrug (1892) 151943000 Frs., darunter 77303000 Frs. Einfuhr. Hauptartikel der Ausfuhr sind Getreide, besonders Weizen und Mais (1892: 57527000 Frs.), Mehl und Mühlenfabrikate (1890: 20359 Doppelcentner), daneben Vieh, Wolle, Häute (14128 Doppelcentner), Hülsenfrüchte, Seide, Wein (1890: 424 Doppelcentner), Honig, Wachs, Talg, Fische, Wild, Bauholz, Thonwaren, Käse, Butter, Pflaumen, Rosenöl und Rosenwasser (1890 gingen aus Ostrumelien 3164 kg im Werte von 1771427 Frs. aus). Hauptausfuhrhäfen sind Varna und Burgas. Die Einfuhrartikel sind: gewebte Waren, Eisen, Zucker, Waffen, Öle und Steinkohlen. In Sofia hat die bulgar. Nationalbank ihren Sitz mit einem Aktienkapital von 8 Mill. Frs. Außerdem sind Sparkassen, landwirtschaftliche Hilfsvereine und eine Feuerversicherungsgesellschaft gegründet worden. Das Maß- und Gewichtssystem B.s ist das metrische; hinsichtlich des Münzwesens ist B. 1880 der Lateinischen Münzkonvention beigetreten, deren Einheit der Frank ist. In B. heißt der Frank Lev (d. i. Löwe), der Centime Stotinka (d. i. Hundertel).

Verkehrswesen, über die Eisenbahnen s. Bulgarische Eisenbahnen. Ein Netz von Chausseen, dessen Knotenpunkte Rustschuk, Schumla und Sofia sind, ist noch in der letzten Zeit der osman. Herrschaft entstanden. Im Postwesen betrugen 1892 die Einnahmen 2095348, die Ausgaben 2567183 Frs. 311 Beamte versehen in 128 Bureaus (1879 nur 36) den Postdienst. Telegraphenbureaus gab es (1892) 147; die Länge der Linien betrug 4755 km. Die Zahl der beförderten Briefe und Postkarten betrug 5976000, die der Warenproben, Drucksachen und Zeitungen 5446000, die der Telegramme 1056616. Sofia und Philippopel sind telephonisch verbunden.

Verfassung und Verwaltung. B. ist eine im Mannsstamme und in direkter Linie erbliche und konstitutionelle Monarchie im Vasallenverhältnisse zur Hohen Pforte. Die Verfassung vom 16./28. April 1879 wurde 15./27. Mai 1893 revidiert. Die Fürstenwürde ist von der Nationalversammlung in Tirnova am 17./29. April 1879 durch Zuruf einstimmig dem Prinzen Alexander von Battenberg und nach dessen Rücktritt am 7. Juli 1887 ebenfalls in Tirnova einstimmig dem Prinzen Ferdinand von Sachsen-Coburg übertragen, der am 14. Aug. desselben Jahres nach geleistetem Eid auf die Verfassung als Ferdinand I. die Regierung antrat. Der Fürst (Knjas) führt in amtlichen Urkunden den Titel Carsko Visočestvo, d.h. Königliche (nicht Kaiserliche) Hoheit und residiert in Sofia. Die Nationalversammlung (Narodno sobranie) besteht

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 720.