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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Chalif
tung seiner Tochter mit einem Aliden den durch
alidische Prätendenten fortwährend bedrohten in-
nern Frieden herzustellen, brachte die mächtigen
Abdasiden gegen ihn zum Ausstände. Sie erklärten
ibn des Throns für verlustig und riefen feinen
Oheim Ibrahim als C. aus, unterwarfen sich aber
wieder, als der Schwiegersohn gestorben und der C.
andern Sinnes geworden war. Al-Mamün, aus-
gezeichnet durch Freiheit des Geistes, ein Feind und
Bekämpfer der buchstabengläubigen Orthodoxie, be-
günstigte in erfolgreichster Weise die Wissenschaften.
Das große, in zahlreiche Statthalterschaften geteilte
Reich der Araber, das sich über drei Weltteile^aus-
dreitete, lieh sich inmier schwerer unter Einem Scep-
ter halten. Es beginnt nun der für die Einheit des
Reichs verhängnisvolle Adbröckelungsprozeß, wel-
cher durch die Vererbung der Statthalterwürde in
den Provinzen zur Gestaltung selbständiger Vasal-
lendynastien führte (Aghlabiden in Nordafrika, Tä-
hiriden in Chorafsan u. a. m.), welche in der Folge
immer unabhängiger auftraten. Im Kampfe gegen
das Byzantinische Reich war Al-Mamün nicht glück-
lich; zwei von ihm unternommene Züge gegen Kon-
stantinopel mißlangen völlig. Unter seiner Regie-
rung eroberten um 830 die afrik. Araber Sicilien
und Sardinien, wo sie sich über 200 Jahre behaup-
teten, bis ihnen jenes 1061-91 von den Norman-
nen, dieses 1052 von den Pisanern entrissen wurde.
Auf Al-Mamün folgte Al-Mo'tahim-Vil-
lähi (833-842), ein anderer Sohn Haruns, wel-
cher Samarra erbaute, wohin er seine Residenz ver-
legte. In seinen Kriegen gegen die Griechen und
aufrührerischen Perser brauchte er zuerst türk. Söld-
ner, die in der Folge zu immer mächtigerm Einfluß
gelangten. In religiöfer Beziehung fuhr er in der
Beförderung der unter feinem Vorgänger begün-
stigten freisinnigen Lehren fort und wollte dieselben
durch Zwangsmaßregeln zum allgemeinen Bekennt-
nis erheben. Im selben Geiste regierte auch sein
Sohn undNachfolgerAl-Wäthik Billahi (842-
847). Der nach seinem Tode eingetretene Erbfolge-
streit wurde nicht ohne Einfluß der mächtigen türk.
Prätorianer zu Gunsten feines Bruders Al - Muta -
wakkil Villähi (847-861) entschieden. Dieser
Fürst war roh und grausam und zeigte einen blin-
den Haß gegen die Aliden, sowie er auch zu der durch
seineVorgänger verdrängtenOrthooorie zurückkehrte
und auch gegen Nichtmohammedaner erniedrigende
Maßregeln ins Leben rief. Endlich verschwor sich
sein ältester Sohn, Muntaßir, dem er einen jüngern
vorziehen wollte, mit der türk. Leibwache gegen ihn
und ließ ihn umbringen. Die türk. Leibwache rief
nun Muntaßir (861-862) zum (5. aus, und nach
dessen Tode Mufta'in Billahi (862-866), einen
andern Enkel des C. Mo'tahim. Zwei Aliden war-
fen sich neben ihm zu C. auf. Der eine, zu Kufa,
wurde besiegt und getötet; der andere aber, Hasan
ibn Seid, stiftete in Tabaristan ein unabbängiges
Reich, das ein halbes Jahrhundert bestand. Un-
einigkeit der türk. Söldner untereinander selbst voll-
endete die Zerrüttung des Reichs. 866 erhob eine
der Parteien Al-Mu'tazz, den zweiten Sohn Muta-
wakkils, auf den Thron und nötigte Musta'in abzu-
danken. Al-Mu'tazz Billahi (866 - 869) ließ
sowohl Musta'in als seinen eigenen Bruder Muaj-
jad töten; auch dachte er daran, die türk. Söldner
abzuschaffen; aber ehe er noch dazu kam, empörten
sich diese und nötigten ihn, die Regierung nieder-
zulegen. Sie erhoben Al-Muhtadi Villähi auf
den Thron (869), stürzten ihn aver schon nach 11
Monaten wieder (870), weil er sie einer strengern
Zucht unterwerfen wollte. Unter MutawaWs drit-
tem Sohne, dem Lüstlinge Al-Mu'tamid Bil-
lahi (870-892), der darauf zum C. ausgerufen
wurde, gelang es endlich dessen klugem Bruder Al-
Muwaffak, dem verderblichen Einfluß der türk. Leib-
wache Einhalt zu thun. Mu'tamio verlegte den Sitz
des Chalifats 873 von Samarra wieder nach Bag-
dad, wo er feitdem blieb. In demselben Jahre
folgte in Chorassan auf die Dynastie der Tähiriden
die der Saffariden, die ihre Herrschast in der Folge
über Tabaristan und Sedschestan ausbreitete. Auch
der Statthalter von Ägypten und Syrien, Ahmed
idn Tulun, machte sich 877, ohne vom Chalifat
formell abzufallen, selbständig und gründete die
Dynastie der Tuluniden. Zwar wendete der tapfere
Muwaffak 881 vom Reiche die Gefahr ab, welche
ihm in Mesopotamien von feiten der Zendsch ein
Jahrzehnt bindurck drohte; aber das durch innere
Revolutionen der Chäridschiten, Aliden und anderer
Aufrührer, sowie durch äußere Kämpfe zerwühlte
Chalifat vor dem Zerfall zu erretten, vermochte
weder er noch fein Sobn Al-Mu'tadhid Villähi
(892-902), der seinem Oheim in der Regierung
folgte und durch manche heilfame Einrichtung die
Verwaltung des Reichs zu reformieren strebte.
Unter seiner Regierung tritt die Sekte der Karma-
ten beunruhigend auf; fowohl er als auch fein ^ohn
A l - Muktaf'iVillahi (902-909) beschäftigen sick
mit der Bekämpfung derfelben sowie es dem letztern
auch gelang, das Überhandnehmen der Unabhängig-
keitsgelüste der Tuluniden in Ägypten und Syrien
(906) erfolgreich zurückzuweisen und auch die in
Syrien einfallenden Griechen aufzuhalten. Nach
dieser kurzen Zeit energischerer Handhabung der
Herrschast beginnt der unaufhaltsame Verfall des
Chalifats unter Al-Muktadir Villähi (909-
931), dem Bruder Muktafis, dem er in einem Alter
von 13 I. folgte. Dieser wurde von einer über-
handnehmenden Camarilla ab- und wieder eingesetzt.
Unter ihm erhob sich in Afrika der alidische Präten-
dent Obeidallab, stürzte 909 die Dynastie der Aghla-
biden und stiftete die der Fätimiden (s. d.). In
Persien beginnt 925 die Dynastie der Vüjiden zu
Ansehen und Macht zu gelangen. In Chorassan
treten an der Saffariden Stelle die Samaniden als
vom Chalifat unabhängige Herrscher; und auch in
andern Teilen des Reichs herrschen Familien, die
nicht viel um die Autorität des C. sich kümmern
(Hamdaniden in Mesopotamien, Ichschididen in
'Ägypten); in einem Teile Arabiens herrschten die
ketzerischen Karmaten, die auch andere Teile des
Reichs bedrohten. Die Byzantiner nahmen den
Mohammedanernbedeutende Gebiete ab. A l-K ä h ir
Villähi (931-934), Mu'tadhids dritter Sohn,
schon bei Lebzeiten seines Bruders ein- und wieder
abgesetzt, wurde durch die türk. Söldner vom Throne
gestürzt und starb 940. Sein Nachfolger Al - Rädhi
Billahi (934-941), der Sohn Muktadirs, ent-
äußerte sich durch die Einführung der Würde des
Emir al-Umara, die er zuerst dem Türken Ibn
Raik verlieh und mit der die Ausübung einer
unumschränkten Gewalt im Namen des C. verbun-
den war, ähnlich der der frank. Hausmeier, aller
Selbständigkeit und lieferte das Chalifat den In-
triguen seiner türk. Würdenträger vollends aus.
meinem ihm nachfolgenden Bruder Al-Muttaki
Villähi (941-944) gelang es nicht, diefes Ein-
Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.