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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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China (Geschichte)

der, zur Religionsschwärmerei neigend, sich zu der Stiftung einer neuen Sekte berufen glaubte. Sein erstes Auftreten bestand in der Zerstörung von Tempeln und Götzenbildern. Seine Lehre war ein phantastisches Gemisch christlicher, buddhistischer und ihm selbst angehörender Religionsbegriffe. Er nannte sich Thien-wang, Himmelkönig, und den jüngern Bruder Jesu, sein Reich Thien-kuo, Himmelreich, und die Zeit seiner Herrschaft Tai-ping (großer Friede). Die Zahl der Tai-ping wuchs so schnell an, daß sie die gegen sie ausgesandten kaiserl. Truppen zurückwarfen und schon Aug. 1851 die Stadt Jung-ngan in Kwang-si erobern konnten. Im September desselben Jahres ließ sich Hung-tsin-tsüan zum Kaiser ausrufen und umgab sich mit vier nach den Himmelsgegenden genannten Königen. Im Frühjahr 1852 unternahm er einen Eroberungszug gegen Norden zum Jang-tse-kiang, infolgedessen ein großer Teil dieses Flusses in seine Macht kam. Auf dem Wege waren der Nan-wang oder König des Südens und der Si-wang oder König des Westens (letzterer vor dem von Tsöng-kwo-fan behaupteten Tschang-scha) gefallen. Die Tai-ping zogen 19. März 1853 in das eroberte Nan-king ein, erschlugen die ganze tatar. Garnison mit Frauen und Kindern, über 20000 Personen, und machten die Stadt unter dem Namen Thien-ting (Residenz des Himmels) zum Hauptort ihrer Theokratie, nachdem sie alles, was an die andern Religionen und die herrschende Dynastie erinnern konnte, zerstört hatten. Der Thien-wang lebte fortan unter den Weibern seiner neuen Hofburg, während seine Feldherren auszogen, erst die Städte im Osten zu erobern, dann aber einen Streifzug nach Norden unternahmen, um die Macht der Mandschu in Peking selber zu vernichten. Ihre erste Niederlage erlitten die Tai-ping vor Kai-föng. Hierauf belagerten sie, nach einem Zuge durch Schan-si und Pe-tschi-li, 30. Okt. 1853 Tien-tsin, mußten sich aber zurückziehen und wurden von dem aus der Mongolei herbeigeeilten San ko-lin-sin eingeschlossen. Verstärkt durch ein von Süden gekommenes Hilfsheer errangen sie im April 1854 am Großen Kanal wieder einen Sieg, wurden aber später bei Tung-tschang vollständig geschlagen und mußten sich über den Hoang-ho zurückziehen. 1856 war Nan-king der Schauplatz innerer Zwiste unter den Führern der Tai-ping. Der Tung-wang oder König des Ostens, welcher durch seine angeblichen himmlischen Eingebungen dem Thien-wang lästig geworden war, wurde durch den Pei-wang oder König des Nordens getötet, was zu einem allgemeinen Gemetzel Anlaß gab und auch zur Zerstörung des berühmten Porzellanturmes führte. Der verhaßte Pei-wang fiel bald selber einem gewaltsamen Tode anheim, nachdem sein früherer Mitverschwörer, der I-wang Schi-ka-lai, sich den Folgen seiner Feindschaft entzogen und den Schauplatz seiner Thaten nach Sze-tschwan verlegt hatte. 1858 wurde das von den Kaiserlichen bedrängte Nan-king vom Tschung-wang oder "treuen König" zum ersten, 1860 zum zweitenmal entsetzt, nachdem derselbe durch die Belagerung von Hang-tschou einen Teil der vor Nan-king liegenden Kaiserlichen dorthin gelockt hatte. Im Mai nahmen die Tai-ping Su-tschou, 9. Dez. 1861 Ning-po ein und begannen Anfang Jan. 1862 die Belagerung von Shang-hai. Die Belagerung Nan-kings durch die Kaiserlichen war noch immer erfolglos geblieben. Durch die Einnahme von Ning-po und den Angriff auf Shang-hai, den Mittelpunkt des chines.-europ. Handels, wurden die Interessen der Engländer und Franzosen, mit denen die chines. Regierung Okt. 1860 nach einem mehrjährigen Kriege (s. unten) neue Verträge geschlossen hatte, unmittelbar bedroht. Beide Mächte leisteten deshalb der chines. Regierung Hilfe, und ein franz.-engl. Truppenkorps vertrieb im April und Mai 1862 die Tai-ping aus der Umgegend von Ning-po und Shang-hai. Zugleich wurden chines. Truppenabteilungen unter engl. und franz. Offiziere gestellt, während der engl. Kapitän Osborne ein chines. Kriegsgeschwader für den Dienst auf den Flüssen organisierte. Das franz.-chines. Korps eroberte von Ning-po aus Febr. 1863 Schao-hing und 31. März 1864 Hang-tschou, die Hauptstadt der Provinz Tsche-tiang, während die kaiserl. Truppen die letzte Position der Tai-ping daselbst, Hu-tschou, einnahmen. Der Befehlshaber der engl.-chines. Legion, Major Gordon (s. d.), hatte währenddessen von Shang-hai aus in der Provinz Kiang-su nach dem Jang-tse-kiang hin operiert und 2. Mai 1863 Tai-tsang, und 3. Dez. Su-tschou eingenommen. Im Mai 1864 fiel Tschang-tschou in seine Gewalt, sodaß die Tai-ping jetzt auf Nan-king beschränkt waren, das sich nach tapferer Gegenwehr 19. Juli dem kaiserl. Feldherrn Tsöng-kwo-fan ergeben mußte. Am 30. Juni schon hatte sich Thien-wang mit seinen Weibern und Schätzen selbst verbrannt. Zwar wurde sein Sohn als Thien-wang ausgerufen, und Tschung-wang suchte ihn bei der Erstürmung zu retten. Einige Tage später wurde Tschung-wang gefangen und 7. Aug. hingerichtet, welches Schicksal schon 1863 den I-wang Schi-ta-kai in Sze-tschwan betroffen hatte. Mit dem Falle von Nan-king war die Sache der Tai-ping verloren, obschon ihre Überreste, zerstreute, im Lande umherziehende Räuberbanden, sich gegen Ende 1864 wieder vereinigten und 1865 deren endliche Unterdrückung in den Provinzen Fu-kien, Tsche-kiang und Kiang-fu der Regierung noch viele Mühe kostete.

Der mit dem Aufstande der Tai-ping gleichzeitige Krieg C.s mit England und Frankreich wurde hauptsächlich durch folgende Umstände veranlaßt. Die mit beiden Staaten abgeschlossenen Verträge C.s widerstritten sowohl dem Gefühl der Bevölkerung im allgemeinen als auch dem persönlichen des Kaisers. Anlässe zum Bruche boten die Ermordung eines kath. Missionars (Juni 1856) und die Beschlagnahme eines chines. Fahrzeugs, das früher engl. Schiffspapiere und die engl. Flagge geführt hatte (8. Okt. 1856) und die Gefangensetzung von 12 angeblich der Piraterei verdächtigen Matrosen. Als die geforderte Genugthuung ausblieb, besetzte der engl. Konteradmiral Seymour die Forts an der Bocca-Tigris und beschoß 28. und 29. Okt. sowie 1., 3. und 14. Nov. Kanton. Da die vorhandenen Streitkräfte jedoch nicht ausreichten, sandte die engl. Regierung eine bedeutende Seemacht und Landarmee nach C., die Lord Elgin als Regierungskommissar mit unbeschränkter Vollmacht befehligte. Frankreich schloß sich England an, ernannte Baron Gros zu seinem Bevollmächtigten in C. und sandte unter Admiral Rigault de Genouilly eine bedeutende Schiffsmacht ab, der später ungefähr 1500 Mann Infanterie folgten. Nordamerika und Rußland beteiligten sich durch Bevollmächtigte. Infolge des ind. Aufstandes standen die engl. Streitkräfte aber erst Okt. 1857 völlig zur Verfügung.

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