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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cholera

heimischen C. meistens rasch vorüber und führen nur sehr selten zum Tode. Die europäische C. tritt immer sporadisch auf und steckt nicht an.

Die asiatische C. ergreift als verheerende Seuche gleichzeitig oft viele Menschen in einem Orte, von denen in der Regel über die Hälfte stirbt.

Entstehung und Verbreitungsweise. Die C. ist seit alter Zeit in gewissen Teilen Ostindiens (Niederbengalen, Malabarküste) heimisch, doch erst seit 1817 zeigt sie eine auffallende Neigung zur Ausbreitung und Wanderung. Nachdem sich bereits 1816 an den Gangesmündungen zerstreute kleinere Choleraherde gebildet hatten, dehnte sich die Krankheit im folgenden Jahre über die ganze Halbinsel aus, hatte am Schluß des J. 1818 bereits ganz Ostindien durchwandert, richtete dann auf den Inseln des ind.-chines. Archipels große Verheerungen an, verbreitete sich 1820-21 über ganz China und drang über Persien bis nach Astrachan. Ausgehend von einer neuen Epidemie, die 1826 in Bengalen ausgebrochen war, erreichte die C. 1829 von neuem die Ufer der Wolga, trat 1830 in Astrachan und zwei Monate später in Moskau auf und hielt nun ihren ersten großen Seuchenzug über Europa, indem sie sich über das ganze europ. Rußland ausbreitete, 1831 als verheerende Seuche Deutschland zum erstenmal überzog und 1832 nach England und Frankreich drang. In demselben Jahre wurde die C. durch Auswandererschiffe nach Amerika gebracht. Bis 1838 folgten dann in Europa viele kleinere Epidemien, dann trat eine vollständige Pause bis 1846 ein, in welchem Jahre wiederum von Indien aus über Persien und Syrien ein neuer Seuchenzug sich bildete, welcher 1848 die deutschen Grenzen erreichte, sich von hier aus über den größten Teil Europas und Nordamerikas ausdehnte und bis 1859 verschiedene größere Epidemien auf der ganzen nördl. Hemisphäre der Erde verursachte. Eine vierte Cholera-Pandemie, 1865-75, unterschied sich von allen frühern durch ihren eigentümlichen Verlauf und die Schnelligkeit, mit der sie von Asien nach Europa gelangte. Während nämlich sonst die Krankheit stets von Indien über Afghanistan, Persien und das asiat. Rußland nach Europa vordrang und mehr als ein Jahr gebrauchte, ehe sie die europ. Grenzen erreichte, gelangte sie diesmal in nur wenigen Tagen auf dem Seewege von der Küste Arabiens aus nach Südeuropa und überzog innerhalb weniger Wochen einen großen Teil Europas. Eine weitere Cholera-Epidemie brach, durch franz. Schiffe von Indien eingeschleppt, 1884 in Toulon und Marseille aus, dehnte sich von da nach Italien, besonders Neapel, aus und suchte 1885 Spanien heim. In Spanien trat sie auch 1890 auf. Im Sommer 1892 drang die C. von Persien aus nach Baku und Astrachan, überzog von hier aus fast ganz Rußland und wurde im Aug. 1892 nach Hamburg (s. d.) verschleppt; gleichzeitig erschien sie in Frankreich (Paris, Havre, Rouen) und in Belgien (Antwerpen); 1893 traten in Europa nur noch vereinzelte Fälle auf. Diese Epidemie gab die Veranlassung zur Vereinbarung internationaler Maßregeln gegen die Verbreitung der C. auf dem 1893 in Dresden abgehaltenen Hygieinekongreß (s. Hygieine) und Ausarbeitung eines deutschen Seuchengesetzes, das im Herbst 1893 an den Reichstag gelangte.

Der Verlauf der asiatischen, epidemischen oder indischen C. ist in der Regel folgender: Meist gehen tagelang Abgeschlagenheit, Verdauungsstörungen, namentlich schmerzlose wässerige Durchfälle (Cholerine) voraus; oft fehlen aber auch solche Vorboten, sodaß das Übel gleichsam blitzschnell auftritt. Plötzlich, meist in der Nacht, treten stürmische und zahlreiche Ausleerungen ein, welche nur im Anfange noch aus gefärbtem Darminhalt, bald aber aus einer eigentümlichen reiswasserähnlichen, alkalischen, zahllose Epithelzellen des Dünndarms sowie Fetttröpfchen, Blutkörperchen, Tripelphosphatkrystalle und verschiedene Pilzformen enthaltenden Flüssigkeit bestehen. Dazu gesellt sich reichliches Erbrechen, durch welches zuerst Mageninhalt und Galle, später aber gleichfalls eine reiswasserähnliche Flüssigkeit entleert wird. Bei der sog. trocknen C. (Cholera sicca), einer besonders gefährlichen Form, die aber selten auftritt, fehlen die reiswasserähnlichen Ausleerungen gänzlich, weil der zeitig gelähmte Darmkanal die in ihm ausgeschwitzten Stoffe nicht auszutreiben vermag. Mit dem Eintritt der wässerigen Ausleerungen stellt sich ein quälender Durst sowie ein beträchtliches Sinken der Eigenwärme und des Pulses ein, der Herzschlag wird matt, die Glieder, Nase und Ohren werden blau und leichenkalt, das Gesicht ist verfallen, die Augen tiefliegend, die Stimme wird heiser und klanglos, die Harnentleerung hört auf, es stellen sich schmerzhafte Krämpfe in den Waden und Füßen ein u. s. w. Man pflegt dieses Stadium als das Kältestadium (Stadium algidum) zu bezeichnen. Endlich verschwinden, zuweilen unter Nachlaß der Ausleerungen, der Puls, der Herzstoß, sogar die Herztöne gänzlich und der Tod erfolgt gewöhnlich unter dem Zeichen eines allgemeinen Blutstillstandes und einer Nervenlähmung (Asphyktische C.). Im glücklichen Falle aber kommen nach und nach die Körperwärme, der Puls und Herzschlag sowie die Harnentleerungen wieder, Schlaf und Kräfte kehren zurück, die Stuhlgänge werden wieder gallenhaltig und fäkulent u.s.w. Oft aber tritt in diesem Zeitabschnitt (der Reaktionsperiode) eine eigentümliche Fieberkrankheit ein, welche dem Typhus ähnlich verläuft, das sog. Choleratyphoid, das bisweilen wochenlang dauert und die Befallenen oft noch hinwegrafft.

Die Leichenöffnung der an der C. Gestorbenen zeigt zwei Haupterscheinungen: einen heftigen, mit massenhafter Ausschwitzung verbundenen Darmkatarrh und eine beträchtliche Eindickung der gesamten Blutmasse mit ihren beiderseitigen Folgen. Im Darmrohr, zum Teil auch im Magen, findet man eine reichliche reiswasserähnliche Flüssigkeit, welche aus massenhaft ausgeschwitztem Blutwasser und zahllosen abgestoßenen Darmepithelien besteht. Die Darmschleimhaut selbst ist entzündet, zum Teil blutig unterlaufen und stellenweise ihrer schützenden Decke beraubt; ihre Zotten und Drüschen, oft auch die Gekrösdrüsen, sind angeschwollen und hervorragend. Das Blut ist dunkelblaurot, mehr oder weniger eingedickt, in den höhern Graden fast teer- oder pechartig zähe. Es zeigt sich im Herzen angehäuft, fehlt hingegen in den Haargefäßen, sodaß das Zellgewebe, die Muskeln und andere Teile blutarm, trocken, zähe und unelastisch, die Haut grau und runzelig, die serösen Häute klebrig gefunden werden. Fast konstant sind die Nieren verändert und zeigen bei schweren Fällen die eigentümliche, unter dem Namen Eiweißniere bekannte Entartung, welche sich auch bei Lebzeiten durch Eiweißgehalt des Harns und Zurückhaltung des Harnstoffs im Blute kundgiebt. Nach alledem scheint somit der wesentlichste Teil der Krankheit die übermäßige Aus- ^[folgende Seite]

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