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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Deutsche Mundarten

überhaupt das Hochdeutsch im norddeutschen Munde angehört. Dieses Berliner Norddeutsch verdrängt immer mehr das benachbarte Platt, dessen Tage wenigstens südlich einer bereits von hochdeutschen Elementen durchsetzten Linie Stendal-Neu-Ruppin-Angermünde-Landsberg gezählt sind.

B. Hinterpommersche, Pomerellische und Netze-Mundarten. Diese, die nordöstl. Neumark und die Gegend um Bromberg und Thorn mit einschließenden Mundarten tragen einen wesentlich engrischen Charakter. 1) Mittelpommersch (Stettiner Gegend). Ob diese zwischen vorpommerschem Niedersächsisch und dem Uckermärkischen vermittelnde Mundart hierher gehört, ist zweifelhaft. 2) Westhinterpommersche Küstenmundart, nördlich einer Linie Naugard-Regenwalde-Schivelbein-Ratzebuhr, ostwärts bis über Köslin, Belgard und Neustettin hinaus. 3) Bublitzer Mundart, um Bublitz. Altes î, û und ü̂ diphthongiert. 4) Osthinterpommersche Küstenmundart, nach Osten bis Leba und Lauenburg, nach Süden soweit die Provinz Pommern reicht. 5) Südhinterpommersch, östlich von Gollnow, Greifenhagen, Königsberg in der Neumark, nördlich von Soldin, Friedeberg und Schloppe. 6) Netze-Mundart zwischen Landsberg und Schneidemühl. 7) Pomerellisch, nach Norden bis Berent reichend. 8) Nakel-Bromberg-Thorner Mundart.

C. Westpreußisch. 1) Nordpomerellisch, nordwestlich von Danzig. 2) Danziger Mundart. 3) Werdersch, im Weichseldelta, a. Großwerdersch. b. Kleinwerdersch. c. Niederungisch, rein niederfränkisch. 4) Weichselmundart.

D. Ostpreußisch. 1) Die Mundart um Tolkemit, Frauenberg und Braunsberg. 2) Mehlsacker Mundart. 3) Bartisch. 4) Natangisch. 5) Samländisch. 6) Niederungisch. 7) Litauisches Ostpreußisch, einst litauisches Sprachgebiet. 8) Die hochdeutsche norddeutsche Mundart in den russ. Ostseeprovinzen.

Die in vorstehendem gegebene Einteilung der Mundarten beruht in erster Reihe auf dem Gesamtcharakter derselben in Aussprache, Betonung und Ausdrucksweise. Nicht alle lautlichen Eigentümlichkeiten einer Mundart fallen genau mit der Grenzlinie der Mundart zusammen. Vielmehr greifen solche Eigentümlichkeiten oft über jene Grenze hinaus, oft auch erreichen sie dieselbe nicht ganz. Mit Unrecht hat man daraus schließen wollen, daß es überhaupt keine festen Mundartengrenzen gebe. Dieselben werden nur heute bei der namentlich durch die Eisenbahnen erschlossenen großen deutschen Verkehrseinheit immer mehr verwischt, sind aber besonders an der Betonung und an gewissen individuellen Zügen der Aussprache meist noch deutlich zu erkennen. Es besteht heute die Tendenz einer mundartlichen Ausgleichung innerhalb eines deutschen Staates oder eines Verwaltungsgebietes.

Von mundartlichen Schriftwerken kann man, da im Mittelalter eine allgemeingültige Litteratursprache fehlte und jeder Schriftsteller daher mehr oder weniger in seiner Mundart schrieb, erst für die neuere Zeit sprechen, wo einzelne Schriftsteller im bewußten Gegensatz zu der allgemeinen Schriftsprache sich ihrer Mundart bedienen. Naturgemäß muß der Leserkreis in diesem Falle ein räumlich beschränkter sein. Nur wenigen, hervorragenden Dichtern, wie Hebel, Klaus Groth und besonders Fritz Reuter ist es gelungen, sich über die Grenzen ihrer heimatlichen Mundart hinaus bei dem deutschen Publikum Geltung zu schaffen. Seit dem 17. Jahrh. bedienen sich Schriftsteller der Mundart mit bestimmtem Bewußtsein und in der Absicht, bestimmte Wirkungen zu erreichen. Als eins der frühesten Beispiele mag Andreas Gryphius gelten, der (1660) sein Lustspiel «Das verliebte Gespenst» mit einer dramatisierten Idylle, «Die geliebte Dornrose», in schles. Mundart durchwebte, nachdem schon 1593‒94 Herzog Heinrich Julius von Braunschweig in seinen Stücken Bauern und Lustigmacher sich der schwäb., thüring., niederrhein. und niedersächs. Mundart hatte bedienen lassen. Häufiger wurden die Versuche in den verschiedenen Mundarten seit in der letzten Hälfte des 18. Jahrh. alle Dichtungsarten in der hochdeutschen Litteratur sich entfaltet hatten. Das Höchste gelang Hebel in seinen «Alamann. Gedichten» (Karlsr. 1803). Nächst ihm zeichnen sich aus Franz Kobell, der sich in der bayr. wie der Pfalz. Mundart mit gleicher Gewandtheit bewegt, und Franz Stelzhamer, der mehrere Gedichtsammlungen in oberösterr. Mundart veröffentlicht hat. Unter den Dichtern, die sich des Niederdeutschen bedienten, haben sich besonders Fritz Reuter, Klaus Groth und John Brinkmann einen gefeierten Namen erworben. Von andern Versuchen in deutschen Mundarten sind noch besonders hervorzuheben: die bayr. Stücke in Buchers «Werken» (6 Bde., Münch. 1819‒22), Grübels «Gedichte in Nürnberger Mundart» (3. Aufl., 5 Bde., Nürnb. 1823‒24), Adolf Stöbers «Elsässer Schatzkästel» (Straßb. 1877), G. Dan. Arnolds Lustspiel «Der Pfingstmontag» in Straßburger Mundart (ebd. 1816); die Frankfurter Lokalpossen von K. Malß und W. Sauerwein; die Gedichte Nadlers in Pfälzer Mundart; die Dichtungen Castellis und Seidls in niederösterr., die Kaltenbrunners und Schlossers in oberösterr. Mundart; Holteis «Schles. Gedichte»; die Schriften und Poesien von Sebastian Sailer und C. Weitzmann in schwäb. Dialekt; Usteris «Gedichte in zürcherischer Mundart»; Sommers «Bilder und Klänge aus Rudolstadt» (Gesamtausg. 2 Bde., 11. Aufl., Rudolst. 1886) in Rudolstädter, endlich die Gedichte Bornemanns in märkischer und die Predigten Sackmanns in calenbergischer (hannoverscher) Mundart. Mit Erfolg hat G. Hauptmann die schles. Mundart im Drama angewandt. Ein Verzeichnis niederdeutscher Werke lieferte Scheller in der «Bücherkunde der sassisch-niederdeutschen Sprache» (Braunschw. 1826); eine Auswahl von Dichtungen der verschiedensten deutschen Dialekte giebt H. Welcker, «Dialektgedichte» (Lpz. 1889). Die wichtigsten Anthologien sind: J. M. Firmenich, Germaniens Völkerstimmen (3 Bde., Berl. 1846‒66); für das Niederdeutsche: J. Winkler, Algemeen Nederduitsch en Vriesch dialecticon (2 Bde., ’sGravenhage 1874); J. A. u. L. Leopold, Van de Schelde tot de Weichsel (3 Bde., Groningen 1882). Näheres über neuere Poesie und Prosa in plattdeutscher Sprache s. Niederdeutsche Litteratur.

Litteratur. Die gesamte Litteratur über die der Erforschung der Mundarten gewidmeten wissenschaftlichen Arbeiten ist jetzt zusammengestellt von F. Mentz, Bibliographie der deutschen Mundartenforschung für die Zeit vom Beginn des 18. Jahrh. bis zum Ende des J. 1889 (Lpz. 1892). Das Werk ist der 2. Band der von O. Bremer herausgegebenen Sammlung kurzer Grammatiken deutscher Mundarten (ebd. 1892 fg.). Die frühern bibliogr. Arbeiten von Adelung (1782‒1809), Schmidt (1822), Hoffmann (1836), Trömel (1854), Frommann (1854‒59), Bartsch (1862‒84), von Bahder (1883)