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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Deutsche Philologie

kanntestes germanistisches Werk die "Alten hoch- und niederdeutschen Volkslieder" (Stuttg. 1844; 2. Aufl. 1881) sind, eine ganz vorzügliche Charakteristik Walthers von der Vogelweide veröffentlicht (ebd. 1822) und 1830-31 Vorlesungen über "Geschichte der altdeutschen Poesie" gehalten hatte ("Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage", 8 Bde., ebd. 1865-73), nahm die deutsche Litteraturgeschichte einen gewaltigen Aufschwung durch G. G. Gervinus (s. d.), der es zum erstenmal wagte, die ganze deutsche Litteraturgeschichte von Anfang an darzustellen, dem Mittelalter freilich nicht gerecht werdend. Der Schlosserschen Schule angehörend, daher stark subjektiv, suchte er jede litterar. Erscheinung aus ihrer Zeit, im Zusammenhange mit der ganzen übrigen Kultur zu verstehen, indem er die Erscheinungen allerdings nicht an und für sich begründete, sondern sie voneinander ableitete. Seine geniale Darstellung gipfelt in Lessing, Goethe und Schiller.

Die Wissenschaft der D. P. war nunmehr nach allen Richtungen hin fest begründet und wurde allmählich als eine der klassischen Philologie gleichberechtigte Wissenschaft anerkannt. Nach und nach sind an allen deutschen Universitäten besondere germanistische Lehrstühle errichtet worden. Die Zahl der Forscher ist fortwährend gewachsen. Es galt für dieselben, den ausgeführten Bau nach allen Seiten hin auszubauen. Wir leben seit den letzten Jahrzehnten in der Zeit der Spaltung der D. P. in eine Reihe von selbständigen Wissenschaften. Hatte schon J. Grimms universale Thätigkeit sich weniger auf das Gebiet der Litteraturgeschichte erstreckt und galten Lachmanns Arbeiten wesentlich der Textkritik, so macht heutzutage die wachsende Ausdehnung der Wissenschaft es dem Einzelnen fast nicht mehr möglich, alle Seiten derselben zu pflegen, auch abgesehen von der persönlichen Veranlagung des Forschers. Vielleicht der einzige, dessen Genialität seit J. Grimm wiederum fast das ganze Gebiet der D. P. umspannt hat, ist Wilhelm Scherer (1841-86) gewesen, seit 1877 Professor in Berlin. Der Lachmannschen Berliner Schule angehörend, hat er sich in kritischen Arbeiten auf dem Felde der ältern und neuern Litteratur versucht. Es sei hier namentlich der erschöpfenden Behandlung der "Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrh." (Berl. 1864; 3. Aufl., 2 Bde., 1892) gedacht, die er zusammen mit K. Müllenhoff herausgab. Seine Bedeutung liegt auf denjenigen Gebieten, auf denen er von Lachmann ganz unabhängig war, der Sprach- und Litteraturgeschichte. Sein Buch "Zur Geschichte der deutschen Sprache" (Berl. 1868; 2. Ausg., neuer Abdruck 1889) ist von epochemachender Bedeutung gewesen durch die Fülle von neuen Gedanken für die Auffassung und Erklärung der sprachgeschichtlichen Thatsachen. Am meisten entsprach seiner Begabung die Charakterisierung litterar. Schöpfungen und Persönlichkeiten. Er ist mehr und mehr zu der Beschäftigung mit der neuern Litteratur, besonders dem 16. Jahrh. und Goethe, übergegangen. Seine künstlerisch angelegte "Geschichte der deutschen Litteratur" (Berl. 1883; 6. Aufl., hg. von Edw. Schröder, 1891) ist die neueste selbständige wissenschaftliche Darstellung unserer Litteraturgeschichte, deren Glanzpunkt die Charakterisierung im einzelnen ist. Der Sprung von J. Grimm zu W. Scherer ist ein weiter. Allein es läßt sich zur Zeit noch keine abschließende Geschichte der D. P. seit J. Grimm geben. Überblicken läßt sich allein die Entwicklung der einzelnen Disciplinen. Für die sprachliche Seite s. Germanische Sprachwissenschaft, für die litterargeschichtliche s. Deutsche Litteratur. Es bleibt hier also nur übrig, die Fortschritte der philol. Forschung im engern Sinne des Wortes (Textkritik) und der kulturgeschichtlichen zu besprechen. Was die erstern anbetrifft, so haben sich um die Veröffentlichung und Erklärung alt-, mittel- und neuhochdeutscher Texte nach J. Grimm zunächst besonders verdient gemacht: E. G. Graff ("Diutiska", 3 Bde., Stuttg. und Tüb. 1826, 1827 u. 1829), Hoffmann von Fallersleben ("Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache und Litteratur", 2 Bde., Bresl. 1830-37; "Horae Belgicae", 12 Bde., Bresl. und Hannov. 1831-62; Bd. 1, 2 u. 7 in 2. Ausg., 1856-57), J. A.^[Johann Andreas] Schmeller, H. Hattemer ("Denkmale des Mittelalters", 3 Bde., St. Gallen 1842-49), H. Fr. Maßmann ("Deutsche Gedichte des 12. Jahrh.", 2 Tle., Quedlinb. 1837), Jos. Diemer ("Deutsche Gedichte des 11. und 12. Jahrh.", Wien 1849; "Kleinere Beiträge zur ältern deutschen Sprache und Litteratur", 6 Bde., Wien 1851-67), Moritz Haupt (durch seine vorzüglichen Ausgaben mittelhochdeutscher Dichtungen seit 1839, u. a. "Des Minnesangs Frühling", mit Lachmann, Lpz. 1857; 4. Ausg., ebd. 1888), Ed. von Kausler ("Denkmäler altniederländ. Sprache und Litteratur", 3 Bde., Tüb. und Lpz. 1840-66), Friedrich Zarncke (Musterausgabe von "Brants Narrenschiff", Lpz. 1854; "Das Nibelungenlied", ebd. 1856; 6. Aufl. 1887), Franz Pfeiffer, Karl Bartsch, letzterer der fruchtbarste ("Untersuchungen über das Nibelungenlied", Wien 1865) und K. Goedeke (kritische Ausgabe von "Schillers sämtlichen Schriften", 15 Tle. in 17 Bdn., Stuttg. 1867-76); ferner El. Steinmeyer, Ed. Sievers (von beiden herausgegeben die "Althochdeutschen Glossen", 2 Bde., Berl. 1879 u. 1882), A. Schönbach ("Altdeutsche Predigten", 3 Bde., Graz 1886-91), W. Wilmanns "Leben und Dichten Walthers von der Vogelweide", Bonn 1882; "Beiträge zur Geschichte der älteren deutschen Litteratur", Heft 1-4, ebd. 1885-88), H. Paul ("Zur Nibelungenfrage", Halle 1877), G. Roethe ("Die Gedichte Reinmars von Zweter", Lpz. 1887), K. Burdach, E. Schröder, Ph. Wackernagel ("Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des 17. Jahrh.", 5 Bde., ebd. 1864-77), R. von Liliencron ("Die histor. Volkslieder der Deutschen", 4 Bde., ebd. 1865-69), Joh. Bolte, B. Suphan ("Herders sämtliche Werke", 31 Bde., Berl. 1877-93; Bd. 14 ist noch nicht erschienen) und M. Bernays. Eine Musterausgabe ist die von "Goethes Werken" (Weim., seit 1887 erscheinend). Über größere Sammlungen von Textausgaben s. Deutsche Litteratur (Sammlungen, S. 26 b). Ferner gehören hierher: "Bibliotheck van Middelnederlandsche Letterkunde", hg. von H. E. Moltzer u. a. (seit 1868) und "Zwolsche Herdrukken" (Zwolle, seit 1891 erscheinend). - Die deutsche Metrik haben nach W. Grimm und Lachmann besonders W. Wackernagel, Vetter, Rieger, Bartsch, Wilmanns, Paul, Minor und am meisten Sievers gefördert. - Im Anfang unsers Jahrhunderts wurden die verstreuten handschriftlichen Schätze unserer ältern Litteratur gesammelt. So ist namentlich München ein wichtiger Centralpunkt geworden. Von großer Bedeutung war auch die Heimführung der altdeutschen Handschriften aus dem Vatikan nach Heidelberg 1816. Dazu kamen die Bemühungen einzelner eifri-^[folgende Seite]