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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Eisenerzeugung
überholt haben und hcute in Bezug aus die Menge
an erster Stelle stehen. Deutschland nimmt die
dritte Stelle ein und dürfte dieselbe wohl auf ab-
sehbare Zeit behaupten. - Um in einem Lande die
Roheisenerzeugung einzuführen und lebensfähig zu
erhalten, bedarf es des Vorhandenseins nicht bloß
guter Erze, sondern auch dazu geeigneter, verkokungs-
fähiger Steinkohlen und damit nicht genug: Kohlen,
Erze und ebenso die zum Schmelzprozeß notwen-
digen Zuschläge an Kalkstein u. s. w. dürfen nickt
zu weit voneinander entfernt liegen, weil sich sonst
die Transportkosten zu hoch stellen. Diese Voraus-
setzungen treffen für viele Bezirke in England und
Nordamerika, weniger schon in Deutschland zu und
daraus erklärt sich zum Teil deren Übergewicht in
der Roheisenproduktion. Belgien besitzt zwar Koh-
len, aber wenig Eisenerze, ist jedoch in der günstigen
Lage, dieselben aus dem benachbarten Luxemburg
zu beziehen. In Österreich-Ungarn und in viel
höherm Grade in Ruhland liegen Erze und Kohlen
bis auf vereinzelte Ausnahmen so weit voneinander
entfernt, daß namentlich in Rußland von einer
lebenskräftigen Roheifenproduktion zunächst kaum
die Rede sein kann. Spanien, Italien, Schweden
haben sehr reiche Erzlager, aber nur wenig Stein-
kohlen. Da die letztern erst aus weiter Ferne herbei-
zuholen sind, arbeitet dort der Hochofenbetrieb zu
teuer, es fei denn, daß billige Holzpreise, wie sie
zur Zeit noch in Schweden vorhanden sind, erlauben,
das viel gesuchte vorzügliche Holzkohlcnroheisen zu
erblascn, dessen Herstellung in den holzärmern oder
holz teuerern Ländern (darunter auch in Deutsch-
land) mit jedem Jahre mehr zurückgeht. Frankreich
hat weder an den geeigneten Erzen noch an den für
die Verhüttung passenden Steinkohlen sonderlichen
Überfluß und wird daher für feine einheimische
Eisenindustrie nach wie vor auf einen starken Be-
zug ausländischen Roheisens angewiesen bleiben.
In Deutschland konzentriert sich der Hochofen-
betrieb in Rheinland-Westfalen (und zwar in den
Bezirken von Dortmund bis Düsseldorf, bei Aachen,
im Sicgerlande und im Saarbezirk), sodann in
Oberschlesien und in Deutsch-Lothringen. Verein-
zelte, wenn auch bedeutende Werke finden sich in
Hannover (Osnabrück, Ilsede), im Harz, im König-
reich Sachsen (Cainsdorf bei Zwickau), in Thüringen
(Unterwellenborn), in Bayern (Amberg und Rosen-
heim), in Württemberg (Wasseralsingen).
Seitdem der Stahl angefangen hat, das Eisen
zu ersetzen, hat die Erzeugung der für die Stahl-
gewinnung Vorzugsweife erforderlichen Roheisen-
sorten, des Bessemer- und des Thomasroh-
eisens, erheblich zugenommen, während die Pro-
duktion des Pud d e lr o h ei s en s zurückgeht.
Deutschland liefert noch heute, einerseits infolge
seiner dazu besonders tauglichen Erze, andererseits
seiner vorzüglichen Technik, ein anerkannt gutes und
zur Herstellung von Stabeisen, Eisenblech, Eisen-
draht, Eiser^chvenen u. s. w. vorzügliches Puddel-
roheifen: die deutschen Hüttenwerke babcn jedocb
dem Zuge der Zeit folgend für die Stahlfabrikation
die Erzeugung des Stahlroheisens gleichfalls ener-
gisch aufgenommen, geben aber in der Mehrzabl
der Produktion des Thomasroheisens den Vorzug,
weil die deutschen Erze selten phosphorfrei sind
und in den Minette-Erzen in Deutsch-Lothringen
und Luxemburg ein dazu vorzüglich geeignetes
Rohmaterial vorhanden ist. Für Gießereiroh-
eisen, dessen Erzeugung mit jedem Jahre zunimmt,
haben die deutschen Werte noch immer unter der
Konkurrenz des zwar durchschnittlich geringern, aber
billiger herzustellenden engl. Gießerei-Eisens zu
leiden. Von den 1891 in Deutschland und dem da-
mit zollgeeinten Lnxemburg hergestellten 4641217 t
Robeisen im Werte von 232,5 Mill. M. entfielen auf
Vcssemer- und Thomasroheisen 2016121 t (Wert
100,9 Mill. M.), auf Puddelroheisen 1429 602 t
(68,4 Mill. M.), auf Gießereiroheisen 702984 t
(40,3 Mill. M.), der Nest auf Gußwaren erster
Schmelzung (direkt aus dem Hochofen), auf Bruch-
und Wasch eisen. Auf 109 Hüttenwerken standen
218 Hochöfen in Betrieb; beschäftigt waren über
24000 Arbeiter.
Die Preise für Roheisen sind je nach dem Ge-
schäftsgange der gefamten Industrie großen Schwan-
kungen unterworfen und in der Regel folgen auf
2 bis 3 gute 3 bis 4 schlechte Geschäftsjahre. Ge-
zahlt wurden in Deutschland (Westfalen) ab Werk
pro Tonne a 1000 KZ im Anfang der Jahre:
Roheisensorten
1880
1886
1890
1891
M.
M.
M.
M.
56
39
85
62
75
55
94
75
74
45
96
75
-
39
79
51
1892
M.
Für Puddelroheisen. . 56 39 85 62 44
" Giebereieisen Nr. I 75 55 94 75 68
" Bessemereisen. . . 74 45 96 75 59
" Thomascisen... - 39 79 51 49
In Bezug auf die Menge des erzeugten Roheisens
stehen seit 1891 die Vereinigten Staaten von Ame-
rika obenan; in diesem großen Gebiete wird aber
zur Zeit das gewonnene Eisen selbst verbraucht,
^'odah eine Ausfuhr nicht stattfindet, gewisse Posten
in Form von Ingots, Vloms Billets, auch Spiegel-
eisen sogar noch eingeführt werden. In der Aus-
fuhr von Roheisen fällt daher der Hauptteil noch
immer England zu. Mit Einschluß der Eisenhalb-
fabrikate (Ingots, Billets) stellt sich für die in der
Eisenindustrie bedeutendsten Länder Europas die
Ein- und Ausfuhr von Roheisen i. 1.1891 in fol-
gender Weise heraus:
Staaten
Einfuhr
t
Ausfuhr t
Deutschland........ Österreich-Ungarn..... Frankreich......... Großbritannien...... Belgien..........
249 966 59 655 197 894 169 724 101 982
212 745 10 335 224401 952 111 23 953
Die Einfuhr betrug ferner in der Schweiz für
3,5 Mill. Frs., in Italien 230476 t, in Rußland
etwa 310 000 t, die Aussuhr aus Schweden (1890)
59931t. - An und für sich ist selbst für ein in der
Roheisenprodnktion hervorragendes Land, z. B. für
Deutfchland und Belgien, eine stärkere Einsuhr
von Roheisen kein Anzeichen, das auf eine geringere
industrielle Entwicklung schließen läftt, sobald nur
dieser Einfuhr eine entfprechende Ausfuhr von Eisen-
waren, Maschinen u. s. w., also des bearbeiteten
Roheisens mit dem Aufschlag an Arbeitslohn und
Kapitalgewinn gegenübersteht.
Litteratur. Vc'ck, Geschichte des Eisens in tech-
nischer und kulturgeschichtlicher Beziehung (Abteil. 1
u. 2, Vraunschw. 1884 fg.); Wedding, Grundriß
der Eisenhüttenkunde (3. Aufl., Berl. 1890): ders.,
Die Darstellung des schmiedbaren Eisens (2 Bde.,
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