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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Embryonisch; Embryosack; Embryotomie; Emden

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Embryonisch - Emden

Embryonisch, in der Art eines Embryo, keimhaft, noch unausgebildet.

Embryosack, in der Botanik diejenige Zelle der Samenknospe bei den Phanerogamen, in der die Eizelle liegt und die Entwicklung des Embryos vor sich geht. (S. Befruchtung, Bd. 2, S. 631 b.)

Embryotomie (grch.), in der Geburtshilfe diejenige Operation, durch welche bei erschwerten Geburten der Körper der vorher abgestorbenen Frucht innerhalb der mütterlichen Geburtswege zerstückelt wird, indem entweder Brust- und Bauchhöhle der Frucht behufs Entfernung der Eingeweide eröffnet werden (Exenteration, Evisceration), oder durch hakenförmige Instrumente der Kopf vom Rumpfe getrennt (Dekapitation), oder durch zangenförmige Instrumente der Schädel zerdrückt und zerkleinert wird (Cephalo- oder Kephalothrypsie). Auf diese Weise gelingt es selbst bei hochgradigen Beckenverengerungen häufig, das Leben der Mutter zu erhalten, während in solchen Fällen vor Anwendung der E. Mutter und Kind zugleich verloren waren.

Emden. 1) Landkreis, ohne Stadt E., im preuß. Reg.-Bez. Aurich, hat 353,43 qkm, (1890) 18459 (8948 männl., 9511 weibl.) E. in 47 Landgemeinden. - 2) E., früher Embden, Stadt und Stadtkreis (11,91 qkm), 2,2 km vom Dollart, an der Mündung des Ems-JIade-Kanals (s. d.) und mit der Ems (3 km) und der Nordsee durch einen Fahrwasserkanal verbunden, liegt an den Linien E.-Soest (237,4 km) und E.-Jever (81,5 km) der Preuß. Staatsbahnen in sehr fruchtbarer Marsch, hat Hafenbahn nach Nesserland und in der Umgebung fette Gemüse- und Weideländereien. Die innere Stadt, von Wällen mit schönen Promenaden umgeben und gegen die Nordsee durch hohe Deiche geschützt, hat massive Giebelhäuser holländ. Charakters, besteht aus sechs Hauptteilen, der Altstadt, Nord-, Süd- und Mittel-Faldern, der Boltenthors- und der Neuenthorsvorstadt, ist Sitz des Landratsamtes für den Landkreis, eines Amtsgerichts (Landgericht Aurich), einer Schiffsregisterbehörde, eines königl. Seeamtes für den Bezirk der ostfries. Küste (einschließlich Papenburg und Wilhelmshaven), einer Agentur der Deutschen Seewarte mit Signalstelle und meteorolog. Station, eines Strandamtes, Seemannsamtes, Hauptzollamtes erster Klasse, zugleich Schiffsvermessungsbehörde, zweier Nebenzollämter, einer königl. Steuerkasse, eines Deich- und Sielamtes des Landkreises E., königl. Hafenamtes, Katasteramtes, einer königl. Prüfungskommission für Seesteuerleute und Schiffer in kleiner Fahrt, mehrerer Konsulate sowie einer Reichsbankstelle und Handelskammer und hat (1890) 13695 (6357 männl., 7338 weibl.) E., darunter 12011 Evangelische, 808 Katholiken, 174 andere Christen und 702 Israeliten. E. wird von einer Anzahl schiffbarer Wasserstraßen durchschnitten, die neben dem Seehafen mehrere Binnenhäfen bilden und von mehr als 30 Brücken überschritten werden; unter letztern zeichnen sich die Rathausbrücke über den Rathausdelft, die Kettenbrücke über den Falderndelft, die neue eiserne (Eisenbahn-)Drehbrücke über das Fahrwasser und die neue eiserne Rote-Sieldrehbrücke aus. Der im Bau begriffene Schiffahrtskanal von Dortmund nach den Emshäfen wird von Oldersum an der Ems aus (11 km oberhalb E.) fortgesetzt durch einen Seitenkanal nach dem Hafen von E., der, seit 1888 in Staatsverwaltung, bedeutend erweitert und mit den neuesten Einrichtungen für direkte Umladung aus den Kanal- in die Seeschiffe und umgekehrt und mit Schienenverbindung, Dampfkranen u. s. w. versehen wird.

^[Abb.]

E. hat 9 Kirchen (1 luth., 3 reform., je 1 kath., franz.-reform., altreform., Baptisten-und Mennonitenkirche) und eine Synagoge. Die Große (reformierte) Kirche (12. Jahrh.) enthält ein Marmorgrabmal (1548) des Grafen Enno II. von Ostfriesland, einen 1455 erbauten Chor und viele andere Denkmäler.

Unter den weltlichen Gebäuden sind zu erwähnen: das Rathaus, 1574-76 nach dem Muster des Antwerpener im Renaissancestil erbaut, mit berühmter, 1568 infolge der Bedrohung der Stadt durch Herzog Alba entstandenen Rüstkammer (besonders reich an schönen alten Feuerwaffen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges) und kostbarem Silberschatz, die Klunderburg (15. Jahrh.), früher der Midlumer Häuptlingsfamilie gehörig, bis vor kurzem Kaserne, die Pollmannsburg (1701), jetzt Sitz des Landratsamtes, die alte Kaserne (1775), jetzt Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten enthaltend, das Museum der Naturforschenden Gesellschaft mit reichhaltigen naturhistor. Sammlungen und Bibliothek, die "Kunst", Gesellschaftshaus der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer mit neuem Gebäude für die Sammlungen (Gemälde, Glasmalereien, Kupferstiche, Altertümer, Urkunden, Schiffsmodelle, Seekarten, Stadtpläne, ostfries. Münzen), die Gebäude der Reichspost, des Gymnasiums der Friedrichsschule u. s. w.

E. hat ein Post- und Telegraphenamt erster Klasse und eine Station der Indo-Europäischen Telegraphencompagnie in London (Kabel nach England und Nordamerika), Fernsprechverbindungen, Kanalisation, eine Gasanstalt; ein königl. Wilhelmsgymnasium, früher latein. Schule, 1540 durch die Gräfin Anna erweitert, seit 1836 vollständiges Gymnasium, Real-(Kaiser Friedrichs-) Schule, höhere Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar, königl. Navigationsschule, Handels- und Gewerbeschule, weibl. Fortbildungsschule, Taubstummenanstalt; ferner eine Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer, eine Naturforschende Gesellschaft, einen Ärzteverein, Freimaurerloge und andere Vereine, neues städtisches Krankenhaus, Diakonissenstation, Diakonissenverein, "Gasthaus" (Waisenhaus, Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder und Pflegeanstalt für würdige alte Leute), Armenarbeitshaus, Volksküche, Speiseanstalt für arme Kinder,Schifferwitwen- und Waisenkasse "Eendragt", Handwerkerwitwenkasse.

Die Industrie erstreckt sich auf Schiffbau (2 Anstalten), Fabrikation von Papier, Backsteinen, Drahtseilen, Tabak (5 Fabriken), Senf, Seife (3), Sauerkraut, Konserven, Fässern, Körben und Häcksel; ferner bestehen Reedereien, 3 Sägewerke, 5 Mehl-, 1 Ölmühle, 5 Fischräuchereien, bedeutende Heringsfischerei (22 Logger, Ertrag 1893: 23 002 t für 515 809 M.), Schlächterei mit Fleischversand, Honigkuchenbäckerei, Gemüsebau sowie Handel mit Getreide, Fleisch, Butter, Käse, Rindvieh, Pferden, Kolonialwaren, Thee, frischen, gesalzenen und geräucherten Seefischen (namentlich Heringen und Bücklingen), Eisenwaren, Steinkohlen, Koks und