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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Englische Kunst
mannen, unter denen das Bauwesen zuerst höhere '
Ziele anstrebte, bei den Formen des nordfranz.- !
roman. Stils basilikaler Anlasse, zeigen aber an ^
Pfeilern und Halbsäulen eine Vorliebe sür runde
Formen, die sich im Aufrisse durch eine gewisse
Schwerfälligkeit äußert. Da nun der Holzbau nock
in der Vorliebe für flache Balkendecken sich derart
bemerklich macht, daß aus normann. Zeit sich keine
gewölbte Kirche erhielt, so erscheinen vielfach die
wuchtigen, ernsten und massigen Formen, die mehr !
ritterlich trotzigen als kirchlichen Systeme des Auf- !
baues in einem Mißverhältnis zu der leichten Ab- !
deckung. Die Kathedralen zu Winchester, Worcester, !
Canterbury (f. Taf. I, Fig. 5 u. 3), Gloucester,
Durhain (s. Taf. I, Fig. 2), Norwich wurden in
dieser Zeit, meist an der Krypta und am Chor, ^
begonnen und entwickeln sich gleich jener zu Peter-
borough (s. Taf. I, Fig. 1) zu lang gestreckten drei- ^
schnsigen Bauten mit stark betontem Querfchiff, !
reicker Ornamentik, kräftig horizontal gegliedertem !
Aufbau. Die neuen Anregungen, welche seit der !
Mitte des 12. Jahrh, der abermals über den Kanal
kommende gotische Stil bot, äußerten sich zu-
nächst in der Detailbehandlung, welche früh den
- 1377) bezeichnen sie als vkooratsä Lt^is
(dekorierten Stil), da nun das Detail immer
größern, den Bau bestimmenden Einfluß gewann.
Kathedralen, wie die zu Ereter (1327-69), zu Jort,
Melrose, Winchester, geben bei immer reicher sich
entfaltender Grundrißgestaltung, großartiger Be-
handlung der Facaden und Vierungstürme einen
außerordentlichen'Prunk in der Behandlung der
Einzelheiten, der sich auch noch in die Folgezeit, die
des?6i'p6näieu1ö.i' 8t^i6, hinüberzieht. Na-
mentlich die Auflösung der Wandflächen durch lot-
recht teilende Blendarkaden, die Anwendung des
Tudorbogens und der tropssteinartig sich entwickeln-
den Gewölbkonstruktionen, wie sie in der Kapelle
Heinrichs VII. zu Westminster und besonders in
den Kirchen von Somersetshire ihre höchste Durch-
bildung erlangen, sind für diese Zeit besonders be-
zeichnend (Tudorstil). Auch jetzt spielten die
Holzdecken selbst im Kirchenbau eine hervorragende
Rolle, die auf den Steinbau nicht ohne Rückwir-
kung blieb. Dazu kam ein hoch entwickelter Profan-
bau, der sich schon im frühern Mittelalter in mächti-
gen, planmäßig durchdachten Burgenanlagen, spä-
ter in Schlössern mit großen Hallen sowie in großen
Schloß Howard in Vortshirc.
Spitzbogen mit allen Konsequenzen aufnahm, ohne
alsbald zu jener Höhensteigerung des Baues zu
gelangen, welche der festländischen Gotik eigen ist.
Die Kathedralen von Westminster zu London (s.
Tafel: Londoner Bauten, Flg. 1, beim Artikel'
London), von Salisbury, Veverley, Worcester,
Rochester (s. Tafel: Englische Kunst I, Fig. 7),
Wells, Ely, Lincoln, Lichfield, Kirkwall in Schott-
land (sämtlich aus dem Anfang des 13. Jahrh., doch
stammt fast jeder einzelne Teil aus einem andern
Jahrhundert) zeigen die Horizontalteilung der ältern
Bauten mit gotischer überwölbung. Die Längen-
ausdehnung der Kirchen ersetzt auch jetzt, was ihnen
an Höhe fehlt. Salisbury erhielt eine folche von
131 in, Lincoln von 160 m. Es wird vielfach sogar
ein zweites Querschiff angelegt und dem Chor eine
Länge gegeben, welche der des Langhauses gleich-
kommt. Eine östlich angebaute Maricnkapelle (I^ä^
ebapel) erweitert noch diese Abmessungen. Im De-
tail bildet sich in diesen Bauten ein großer deko-
rativer Reichtum aus, dessen Grundwefen aber ein
minder dekoratives war als das der franz. Gotik.
Die Engländer bezeichnen den^Stil dieser Bauten
als den Beginn nationalen Schaffens (N^ri^
LuFliäii). "Den folgenden Abschnitt (etwa 1274
Stiftern und Colleges, namentlich in den Universi-
tätsstädten (Tiug'Z O0II6F6 in Cambridge; s. Taf. 1,
Fig. 4), geltend machte und dem gefamten Bau-
wesen einen minder kirchlichen, dafür aber um so
heiter prächtigern Charakter gab als auf dem Fest-
lande. Durch das Eingreifen in das bürgerliche
Leben verschmolzen sich diese Formen so eng mit
der Nation, daß sie niemals ganz aus der Übung
kamen. Die Renaissance bemächtigte sich an-
fangs nur des Details, indem sie, teilweise durch ital.
Künstler, mehr noch durch deutsche (vor allem durch
Holbein), die Gliederungen zuerst des landesüblichen
Holzstils, später auch des Steinbaues in unbe-
fangener Weise nach antikem Muster umformte.
Erst während der langen und glücklichen Regierung
der Königin Elisabeth entstanden Bauten, welche in
ihrer ganzen Anlage in Renaissanceformen gehalten
sind und zu prunkreicher Darstellung des wachsenden
Reichtums des Landes sich erheben (Hu66n Ali-
22.d6t1i 8t7i6). LongleatHouse(1567-79),Wolla-
ton House (1580), Holland House bei London (1607),
Hatsield Houfe (1611) mögen als Beispiele dieser
Richtung genannt sein. Nebenher ging aber immer
noch, namentlich bei öffentlichen Bauten, die natio-
nale Gotik, die selbst der große Meister der Renais-