Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

126
Englische Kunst
sance, Inigo Iones (s. d.), noch gelegentlich anwen-
dete. Dieser brachte aus Italien die lebhafteste Be-
geisterung für Palladio und seine Kunst mit und
teilte diese den Engländern für die Dauer mit, so
daß sie zu den eigentlichen Trägern des Palla-
dianismus wurden. Sein Schloß Whitehall in
London ist die Mufterleistung dieser Richtung.
Durch Christopher Wren, den Erbauer zahlreicher
kleinerer protestantischer Kirchen ls. Taf. I, Fig. 6)
und der auf Wunsch des zum Katholicismus hin-
neigenden Hofs der Stuarts nach Art der Peters-
kirche zu Rom errichteten Paulstirche zu London
ls. Tafel: LondonerBauten, Fig. 3), ferner durch
den im Schloßbau thätigen John Vanbrough ls. um-
stehende Figur) u. a. kam ein mächtiger, vielfach
derber Barockstil ltzu66n ^nno Lt^is) in Auf-
nahme, neben dem aber noch got. Formen hergingen.
Durch die tlassicistische und romantische Strömung
am Ende des 18. Jahrh, wurde England zum führen-
den Lande in der Baukunst. Der Gartenbau lenkte
auf die Nachahmung fremder Stile, fo des chine-
sischen, des maurischen und des gotischen, die bald,
in monumentaler Weise ausgebildet, den Profanbau
zu beherrfchen begannen, so daß man auch auf dem
Kontinent bis in die jüngste Zeit vorzugsweise engl.
Gotik für Schloß- und Gartenbauten anwendete.
Ebenso wurden die Engländer durch die Architekten
Kent, Chambers, Adams, Soane, Wyatt, Smirke,
Wilkins u. a. von der begeisterten Wiederaufnahme
des Palladianismus auf die Antike hingewiesen und
die eigentlichen Schöpfer des in Frankreich Empire-
Stil (s. d.) genannten Klassicismus ls. d.). Sie
waren die ersten, die durch Stuart und Newett
sowie durch eine Gesellschaft von für die Baukunst
begeisterten Dilettanten die antiken Baureste syste-
matisch aufmessen und sogar, soweit möglich, Teile
derselben nach England übertragen ließen. In
der ersten Hälfte des 19. Jahrh, hat außerdem
durch zahlreiche Aufmessungen und Veröffentlichun-
gen die Kenntnis fremder Kunstwcisen großen
Aortschritt gemacht; doch je mehr der Klassicismus
zurückgedrängt wurde, und die Gotik sich dieser
Richtung gegenüber frei im modernen Sinne ent-
faltete, desto leichter und müheloser wurde das
Fremde in einen eigenartigen nationalen Stil
verarbeitet (Hu66ii Victoria. 8t)'i6), so daß die-
ser eine beneidenswerte Einheitlichkeit auf Grund
der vielseitigsten Anregungen und Vorbilder er-
langte. Die Gotik bildet, nachdem in den vierziger
Jahren durch Barry die Parlamentshäuser in
London in diesem Stil errichtet worden waren,
immer noch die Grundlage, von der aus die E. K.
fortschreitet; Meister wie Varry, Pugin, Scott,
Street, Waterhouse haben sich in diesem Stil bewegt,
während Digby Wyatt, Owen Iones, Fergusson
u. a. für die Erforschung der Kunstschöpftingen
aller Länder eintraten. Als bedeutendste Denk-
mäler moderner Gotik lassen sich das Parlaments-
gedäude in Westminster, das naturhistor. Museum
und der Iuftizpalast ls. Tafel: LondonerBauten,
Fig. 5) in London sowie die Universität in Glasgow
nennen. Neben der Gotik und ital. Renaissance,deren
erste Proben Barry an Londoner Klubhäusern lie-
ferte, ist wieder die Frührenaissance in den Formen
des Stils Königin Elisabeth, doch untermischt mit
japan. Einflüssen, lebhast in meist höchst malerischen
Entwürfen hervorgetreten. An innerm Wert steht
die engl. Baukunst keiner andern nach; an Umfang
bat sie bei der regen Kirchen bauthätigkeit, den zahl-
reichen Schulen und Stiftungen, dem Wachstum
der Städte und des Britischen Reichs, dem Reich-
tum seiner Bewohner die erste Stelle in der Welt
eingenommen. Großartig entwickelte sie sich nament-
lich an den Werken des Ingenieurs und an jenen
Nutzbauten, zu deren Herstellung dieser sich mit dem
Architekten in einer Person verbindet. Die Eisen-
bauten z. V. für den Krystallpalast der Aufstellung
von 1851 ls. Tafeln: Ausstellungsgebäude I,
Fig. 1 und II, Fig. 1), die Bahnhöfe (s. Tafel:
Bahnhöfe IV, Fig. 2) Englands haben den
Ton für die Gestaltung solcher Werke angegeben.
Nicht minder hat sich seit 1850 das engl. Kunst-
gewerbe, schon früher beliebt durch die Dauerhaftig-
keit seiner Erzeugnisse, auch in den Kunstformen
eine hervorragende Stelle erobert.
II. Bildnerei. In der Bildhauerkunst ist eine
Einwirkung der Schule von Niccolö Pisano, dem
Wiedererwecker der mittelalterlichen Skulptur, auf
die Plastik der Normandie und Englands unleug-
bar. Im allgemeinen erweist sich die mittelalter-
liche Bildnerei wie Baukunst von Frankreich ab-
hangig. Doch ist so reicher bildnerischer Schmuck
wie an den franz. Domen in England selten. Eine
glänzende Ausnahme machen die Kathedralen von
Wells und Lincoln, in denen sich ein sreier, an-
mutiger Stil äußert. Nicht minder beachtenswert
ist die große Zahl von Grabstatuen, in der sich die
Eigenart der E. K. früh Geltung verschafft. Bis
zum Anfange des 14. Jahrh, dauerte diese ergie-
bige Zeit. Im Laufediefes Jahrhunderts gewinnen
die Skulpturen nicht selten eine zarte Anmut und
einen reichen architektonischen Stil. Bis gegen
Ende des 18. Jahrh, wurde weniges und unter
diesem fast alles Bedeutende von fremden, meist
ital. und niederländ. Künstlern ausgeführt. Dann
trat nach einigen Vorläufern John Flarman (1755
-1826) auf, zuerst ein genaueres Studium der
Antike in England einführend. Früh machte sich
ein als "Realismus" verschrieener Zug zum ein-
schmeichelnd Schönbildnerischen in der engl. Bild-
nerei geltend: Nolletens, Chantrey, Westmacott,
Watson waren talentvolle, meist an Canova sich
anlehnende Künstler dieser Richtung. Einen grö-
ßern Ernst zeigte die folgende, Thorwaldsen ver-
wandte Schule, an deren Spitze der in Rom lebende
Gibfon (s. Taf. III, Fig. 8 u. 9) stand. Ferner sind
zu nennen: Wyatt, Baily ls. Taf. III, Fig. 1),
^pence,Slater und der jüngere Richard Westmacott;
im Porträtfach I.H. Foley (s.Taf. III, Fig. 5), Wool-
ner und Moßman, im Genre James Westmacott
<s. Taf. III, Fig. 10) und Munro. In neuerer Zeit
hat sich, dank der prärasfaelitischen Malerfchule,
die Bildnerei zu einem kräftig realistischen Stil
durchgearbeitet und leistet namentlich im Porträt-
fache sehr Bedeutendes. Ursprünglich durch die
Plastik der ital. Frührenaissance zu unbefangenem
Naturstudium sich aufrichtend, führte diese Rich-
tung zu einem eigenartigen Stil, der von Arm-
stead, W. C. Marfhall ls. Taf. III, Fig. 3), Stecll,
MacDowell ls. Taf. III, Fig. 4), Theed <s. Taf. III,
Fig. 2), John Bell vorbereitet, durch Böhm ls.
Taf. III, Fig. 7), Stevens (1818-75) und den
Schotten D. W. Stevenson ls. Taf. III, Fig. 6) zu
hoher Monumentalität geführt, durch den Maler
Leighton bereichert wurde und jetzt durch Thornycroft,
Onslow, Lawson Ford u. a. vertreten wird.
III. Malerei. Die Malerei wurde in England
während des Mittelalters kaum in geringerm Maße