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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Englische Verfassung
in dem die erwähnten Grundsätze in Vergessenheit
gerieten. Unter den Tudors waren die Parlamente
zu knechtisch und unterwürfig, um sie wieder zur
Geltung zu bringen. Inzwischen war auch ein neues
System aufgekommen, durch das die Könige sich
Geld zu verschaffen wußten. Schon früher hatten
sie dies durch Zwangsanlcihen versucht, und ein
Gesetz Eduards III. richtet sich gegen diese; doch
kommen sie unter den Königen aus dem .hause Uork
unter dem Namen der L6N6V0i6ne68 wieder auf.
Obgleich auch die V6N6voi6nc68 durch ein Gesetz
Richards III. beseitigt wurden, wurden sie doch
wiederum von den Tudors angewandt und erst durch
die ?6tition 0k I^FiNg ff. d.) beseitigt. Der letzte
Versuch, eine nicht vom Parlament genehmigte
Steuer zu erheben, wurde von Karl I. auf Vorschlag
seines Kronanwalts Sir William Noy gemacht, der
einen alten Gebrauch ausfindig gemacht hatte, wo-
nach die Seestädte verpflichtet waren, auf Verlangen
des Königs eine Flotte auszurüsten oder eventuell
die dazu erforderlichen Gelder beizusteuern. Die
Opposition gegen die hierauf erfolgenden Mah-
regeln, die Weigerung Hampdens und anderer, das
sog. Hliip-ni0ii6x zu zahlen, das sophistische Urteil
der Majorität der Richter über die Gesetzlichkeit der
Steuer waren zum großen Teile die Ursache der dar-
auf folgenden Entthronung und Enthauptung des
Königs. Nach der Restauration der Stuarts 1660 be-
ginnt die Entwicklung, die dem engl. Staatshaushalt
seine noch jetzt bestehende Gestalt gegeben hat. Die
lehnsrechtlichen Abgaben werden beseitigt und an
ihre Stelle die Accise (^xci86), d. h. eine Abgabe auf
inländische Erzeugnisse, wie Malz, Branntwein
u. s. w., eingeführt. Das Recht des Parlaments,
über die Verwendung der Gelder zu bestimmen und
die Rechnungen zu kontrollieren, lebt wieder auf und
wird von da an stets anerkannt (s. ^ominonL, H01186
of). Der nächste Schritt war, auch über die Ver-
wendung der sog. erblichen Einkünfte, bestehend
aus den Erträgnissen der Kronländer und der statt
der lehnsrechtlichen Abgaben eingeführten Excise,
Bestimmungen zu trefsen. Es geschah dies bei Wil-
helms III. und Marias Regierungsantritt (1689).
Damit wurde bewirkt, daß in der Folge auch für
die persönlichen Aufgaben des Souveräns eine
Grenze bestimmt wurde. Bei dem Regierungsantritt
Georgs III. winden die erblichen Einkünfte an den
Staat abgetreten und dagegen eine bestimmte
Summe, die fog. Nvil Li8t (Civilliste, s. d.), für
den König ausgesetzt.
Bereits 1407 war es festgestellt worden, daß alle
Gesetze, die sich auf Geldbewilligungen beziehen, in
erster Linie dem II01186 ol ^0niinoii8 unterbreitet
werden müssen, 1671 wurde ferner bestimmt, daß
Gesetze, die die Staatsfinanzen betreffen, vom
II0U86 ok 1^01-63 nicht abgeändert werden dürfen.
1664 wurde bestimmt, daß die Geistlichen ebenso
wie die Laien die allgemeinen Steuern zu bezahlen
haben, und die getrennte Besteuerung der Geistlich-
keit hört von nun an auf.
IV. Die Verwaltung der Grafschaften und
der kleinern Verbände. Das Wachstum der
Centralgewalt und der Macht der Grundherren
macht sich zur Zeit der normann. Könige auch in
Bezug auf die Verwaltung auf dem Lande in viel-
facher Weise bemerklich und verändert die Gestalt
und die Funktionen der Gemeinde (^(nvi^liii),
Villa), des Bezirks (Ilunärsä) und der Graffchaft
(3kii-6). Das Gemeindegericht wird nun zum Ge-
richte des Grundherrn (Oourt Varon), wo üver
unwichtige Streitigkeiten verhandelt wird. Daneben
bleibt aber die Gemeindeversammlung s^mv^-Z^iuot)
für andere Zwecke bestehen. Sie wählt den Ge-
meindevorsteher (I566V6) und die vier Männer, die
als Vertreter der Gemeinde in den Bezirks- und
Grafschaftsversammlungen erscheinen (mit Aus-
nahme jedoch von den Fällen, wo die Gemeinde-
mitglieder in abhängigem Verhältnis zum I^orä
stehen, dort ernennt der letztere den liseve). Da-
neben fungiert die Gemeinde als Organ der grö-
hern Verbände und hat in deren Auftrage Steuern
einzutreiben, Verbrecher zu verfolgen und gestohlene
Sachen ausfindig zu machen. Mit der I'mviiZliip
identisch waren zur angelsächs. Zeit wahrscheinlich
die Zehnschaften, I"itkin^8, an die anknüpfend die
normann.Könige das Institut der Gesamtbürgschaft
einführen; jeder freie Mann soll demnach einer Zehn-
fchaft angehören, die für jedes ihrer Mitglieder
strafrechtlich haftet und infolgedessen auch Aufsicht
über sie ausübt. Der 8li6iiif hat auf seinen Rund-
reisen die Ausführung diefer Bestimmungen zu kon-
trollieren. Es geschieht dies einmal jährlich in der
Versammlung des Ilunäi-eä. Es ist dies die sog.
Vit^V l)t' il3.n1(pi6(lF6.
Größere Wichtigkeit als die Landgemeinden haben
die organisierten Städte, die sog. Loi-ou^l^ und
<Äti68,' meistens ursprünglich aus mehrern Imvn-
8iiii)8 zusammengesetzt sletztere bestehen für einzelne
Zwecke weiter und existieren teilweise heute noch als
Glieder im Gesamtorganismus). Diese Lorou^I^
und <Äti63 nehmen in der normann. Zeit sehr an
Bedeutung zu. Die Stadt London steht vereinzelt
da, da sie bereits frühzeitig aus dem Grafschafts-
verband herausgerissen und ähnlich wie eine selb-
ständige Grafschaft organisiert war. Die Verfassung
der andern Städte gleicht mehr der Verfassung eines
Huinii'Lä als derjenigen einer Gemeinde. Die mei-
sten Städte stehen in unmittelbarem Lehnsverhält-
nis zum König; wo dies der Fall ist, erhalten sie
ihr Korporationsrecht durch königl. Freibrief; wo
sie unter einem I^orä stehen, verteilt dieser die Pri-
vilegien. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen hat
der Äieriik in den Städten dieselhe Gewalt, wie in
den übrigen Teilen der Grasschaft; um aber nicht in
ungerechter Weise zu den Steuerlasten zugezogen zu
werden, setzen die Städte es vielfach durch, daß sie
als besondere Einheit besteuert werden und die Ver-
teilung der Steuern unter die Bürger selbständig
vornehmen. Die Entwicklung der Innungen spielt
eine wichtige Rolle in der Geschichte der Städte,
und sie haben jedenfalls in hohem Maße dazu bei-
getragen, die städtische Selbständigkeit zu befördern.
Eine besonders wichtige Rolle spielt die Zunft der
Kaufleute, infolge ihres großen Grundbesitzes und
der hervorragenden Stellung ihrer Mitglieder.
Häufig wird den Städten das Privileg eines Ooui-t
I^est erteilt, worin leichtere Strafsachen vor den
Freisassen verhandelt werden. Im übrigen sind in
den meisten Städten die Bürger zur Teilnahme an
dem Grafschaftsgericht verpflichtet. Das Uunäreä
hat in der normann. Zeit nicht mehr dieselbe Be-
deutung wie früher. DieHunäi-sä <Ü0ui-t8 waren zu-
ständig in kleinern Civilprozessen, doch ist ihre Ge-
richtsbarkeit vielfach durchbrochen durch die Gerichts-
barkeit der Grundherren mit ihrem Oourt Lai-on
für Civilsachen und Oourt I^eet für Straffachen.
Der (^oui-t I^set mußte stets befonders verliehen
' werden. Wo dies nicht der Fall war, wurden ^traf-