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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Erfindungen und Entdeckungen
von .Hypothesen und Theorien und demgemäß plan-
mähig angestellte Experimente gemacht.
Eine Erfindung betrifft allerdings auch immer
eine Sache, die vorher dem Menfchen nicht bekannt
war. Aber dieselbe steht mit schon bekannten Din-
gen in engem Zusammenhang; sie tritt uicht als
etwas völlig Neues in die Erscheinung. Es wer-
den an bekannten Dingen Änderungen vorgenom-
men, sodaß man mit dem veränderten Dinge quali-
tativ oder quantitativ bessere Wirkungen" hervor-
bringen kann, als mit dem bekannten. Gewisse
Teile an einem materiellen Dinge oder in der Ope-
rationsfolge (dem Verfahren) zur Herstellung eines
solchen werden durch andere ersetzt zur Erzielung
einer neuen oder vollkommcncrn Wirkung.
Die Entdeckungen betreffen jedoch nicht nur die
materielle Körperwelt, sondern auch abstrakte Dinge,
allgemeine Gesetze, wissenschaftliche Wahrheiten, die
als solche einen rein geistigen Besitz darstellen;
auch die Erfindungen können auf dem rein intellek-
tuellen, dem künstlerischen, dem philosophischen,
dem moralischen Gebiete liegen. Die Rechenkunst
mit Hilfe von Logarithmen ist als eine Erfindung
zu bezeichnen, die Logarithmen felbst stellen eine
Entdeckung dar. Man kann von der Erfinduug
eines Versmaßes, eines philos. Systems, einer
Staatsform u. dgl. sprechen. Indessen neigt der
Sprachgebrauch dazu, als Erfindungen nur Neue-
rungen auf materiellem Gebiete zu bezeichnen
und speciell solche, welche, zur Vesriedigung mate-
rieller Bedürfnisse bestimmt, eine gewerbliche Ver-
wertbarkeit gestatten. Diese Erfindungen können
einen Körper betreffen, z. B. ein Werkzeug, eine Ma-
schine, oder ein Verfahren zur Herstellung eines Kör-
pers. Die Substitutionen, durch welche die Erfin-
dungen auseinander hervorgehen, können aus einer
Formveränderung oder einer Etoffveränderung
oder einer Veränderung in den Operationen, welche
das Herstellungsverfahren ausmachen, oder aus
mchrern dieser Elemente bestehen. Diesen Entwick-
lungen gemäß kann man die Erfindung im engern
Sinn, d.h. die gewerblich verwertbare Erfin-
dung, definieren als eine durch Substitution her-
vorgebrachte Neuerung an einen: Mittel zur Befrie-
digung der materiellen Bedürfnisse des Menschen,
welche Neuerung dieses Ziel in einer vollkommenern
Weise erreicht, als es bisher möglich war.
Die ersten Erfindungen, die der Naturmensch
machte, waren einfache Wertzeuge, die den Zweck
hatten, die Wirksamkeit seiner Organe, namentlich
des Arms und der Hand, zu verstärken. So ent-
stand beispielsweise, nachdem der Mensch die Ent-
deckung gemacht hatte, daß die Wucht seines Arms
durch die Benutzung eines in die Hand genommenen
Steins vergrößert würde, durch besondere die Wir-
kung dieses Steins erhöhende Formgebung das
primitive Werkzeug der Steinaxt.
Erfinden ist weder als eine Kunst, noch als eine
Wissenschaft zu bezeichnen; es ist eine eigentümliche
geistige Fähigkeit, welche bei dem einen stärker ent-
wickelt ist als bei andern, bei verhältnismäßig we-
nigen überhaupt in beträchtlichem Maße vorkommt.
Wissenschaftliche Kenntnisse, besondere Vertrautheit
mit den Grundlagen, auf welchen die Erfindung er-
stehen kann, Konzentriernng des Verstandes ans ein
zu erreichendes Ziel können für sich obne Mithilfe
der angeborenen Fähigkeit kaum zu Erfindungen
sühren. Große Gelehrte, Forscher und Entdecker
sind nur selten große Erfinder. Die erfinderische
Kraft besteht eher in einer besondern Kombinations-
gabe; sie ist deshalb auch nicht im ausschließlichen
Besitz besonderer Stände oder Verufsklassen.
Wenn die durch Substitution an Bekanntem er-
zielte Wirkung im nützlichen Sinne sehr verschieden ist
von dem, was früher erreichbar war,so haven wir eine
Erfindung, welche der gewerblichen Thätigkeit neue
Wege öffnet. Eine große Erfindung kann Hunderte
und taufende kleiner Erfindungen nach sich ziehen,
welche Verbesserungen an der erstern darstellen, ohne
ihren ursprünglichen Charakter wesentlich zu ver-
ändern. Diese Veränderungen, Kombinationen mit
bekannten Stoffen und Formen, die nach dem Vor-
bilde analoger Fälle hervorgebracht werden, erfor-
dern oft nur eine sehr geringe erfinderische Thätig-
keit, sie sind ein Ergebnis der gewerblichen Routine.
Dennoch können solche anscheinend unbedeutende
Abänderungen die Hanptcrfindung praktifch nützlich
machen und ihr einen technifchen Wert verleihen,
die diese ursprünglich nicht besaß. Die Dampf-
maschine in ihrer ursprünglichen Form blieb 7 Jahre
lang als einziges Exemplar ohne Wiederholung, und
es dauerte 30 Jahre, bis sie, mit Verbesserungen
versehen, fabrikmäßig gebaut wurde.
In den meisten Staaten sind Maßregeln ge-
trofsen worden, welche dem Erfinder gestatten, den
ihm gebührenden Lohn an Geld und Anerkennung
zu ernten, und trotzdem den Segen seiner Erfindung
der Allgemeinheit zukommen lassen. Dies wird er-
reicht durch Patente (s. d.), welche der Staat gegen
eine mäßige Abgabe erteilt. In allen Ländern mit
guter Patcntgesetzgebung hat seit deren Einsührung
die Menge der Erfindungen uugemein zugenommen.
Wenn auch viele derselben von geringem Wert sind,
so kann man doch behaupten, daß die Kultur, soweit
sie von Industrien und Gewerben getragen wird,
niemals raschere und erstaunlichere Fortschritte ge-
mackt bat, als unter dem Schutze der Patentgesetze.
Dies wird auch aus der folgenden Tabelle ersichtlich,
welche in chronol. Ordnung wichtige Erfindungen
und Entdeckungen aufzählt, letztere infofcrn, als sie
zu bedeutenden gewerblichen Erfindungen geführt
haben. Manche aus dem grauen Altertum stam-
mende Erfindungen von großer Bedeutung fehlen in
der Aufzählung, wie die Darstellung des Schmiede-
eisens, der Bronze, des Quecksilbers, die Erfindung'
des Spinnens und Webens, der Brotgärung, der
Wein- und Vierbereitung.
Die folgende Tabelle reicht bis 1880; die Bedeu-
tung der später gemachten Erfindungen ist mit Aus-
nahme einiger, z. B. des MannesmannschenRöhren-
walzverfahrens, des Gasglühlichts u. a. (s. die be-
treffenden Artikel), noch in der Entwicklung begriffen,
über die geogr. Entdeckungen f. Reisen.
Zeit
Gegenstand
Urheber
um


600 V
Chr.
Wasseruhr
Assyrer.
UM
560
Sonnenuhr
Anaximander.
um
250
Flaschenzuq, Schraube, Hydrostatik Heber, Druckpumpe, Neak-
Archimedeo.
um
100
Hcron von Alexandria
400 n
Chr.
Nräometer
Hypatia.
um
750
Scheidewasser (Salpeter-
Geber.

säure), Königswasser,


Höllenstein, Sublimat;


Destillation, Kupclla-

um
950
Vitriolöl (Schwefelsäure),
Nhases.

Alkohol