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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Erfurt

Bauten aus der Renaissancezeit. Von den zahlreichen Brücken ist nur die Krämerbrücke bemerkenswert, 1266 in Holz, später in Stein erbaut; sie trägt zwei Reihen zwei- bis dreistöckiger Häuser mit Kramläden und an den Enden je eine jetzt weltlichen Zwecken dienende Kirche, unter denen der Fahrweg hindurchführt. Mittelpunkt des Verkehrs ist der Anger, eine schöne Straße mit Baumreihen, ferner die Johannes-, Bahnhofs-und Löberstraße; schöne neue Straßen sind die Wilhelms- und Steigerstraße sowie der Dalbergsweg. Am Nordende des Angers, gegenüber der Post, das Lutherdenkmal von F. Schaper, 1890 enthüllt; auf dem großen Friedrich-Wilhelmsplatz ein Obelisk, 1770 zum Andenken an den Mainzer Kurfürsten Friedrich Karl errichtet; auf dem Hirschgarten genannten schönen Platze ein Denkmal für 1866 und 1870/71.

Gebäude. E. hat 9 evang. und 9 kath. Kirchen. Von den erstern sind bemerkenswert die got. Predigerkirche (1228) mit einem schönen Schnitzaltar von Wohlgemuth (1460-70), Kunstwerken und Denkmälern; die got. Barfüßerkirche, nach dem Einsturz 1838 auf Staatskosten wiederhergestellt; die Reglerkirche, ehemals dem um 1135 gegründeten Kloster der Regulierten Chorherren gehörig, seit 1850 wiederhergestellt und in Benutzung, mit einem Altar von Wohlgemuth; von den katholischen: der Dom St. Marien, auf einer Anhöhe südwestlich am Friedrich-Wilhelmsplatz, mit breiter Freitreppe (die Graden), an Stelle eines 1153 gegründeten Baues in der zweiten Hälfte des 13.Jahrh. errichtet, der Chor, 1349-72 im edelsten got. Stil vollendet, ruht auf einem gewaltigen Unterbau (den sog. Kavaten, cavatae), das Langhaus wurde 1456-72 als spätgot. dreischiffige Hallenkirche umgebaut; am Nordportal eine reichgeschmückte Vorhalle (1358); im Innern ein Relief von P. Vischer, Krönung der heiligen Jungfrau, ein Ölbild (1499), den großen Christoph darstellend, darunter der Grabstein (13. Jahrh.) eines Grafen von Gleichen mit seinen beiden Frauen, Kanzel und Orgelbühne nach Schinkels Entwurf, geschnitzte Chorstühle (15.Jahrh.), ein metallener Leuchter (11. bis 12. Jahrh.), die Figur eines Betenden darstellend, Glasmalereien (14. Jahrh.) und schöner got. Kreuzgang. Die Domtürme, im Übergangsstil des 13. Jahrh., enthalten 10 Glocken, darunter die große Maria gloriosa, das Wahrzeichen der Stadt, 275 Ctr. schwer. Der Dom wurde 1845 - 70 durchweg restauriert und durch ein großes Madonnenbild in Mosaik auf Goldgrund am östl. Giebel geziert. Im NW., dicht neben dem Dom, gleichfalls auf der Höhe, steht die kath. Severikirche (14. Jahrh.) mit drei spitzen Türmen, 1878 restauriert, mit Altarreliefs (14. Jahrh.), einer heil. Michael- (1472) und einer Madonnastatue über dem Taufstein (15. Jahrh.). Die älteste Kirche ist die Schottenkirche, eine Pfeilerbasilila (12. Jahrh.) mit got. Veränderungen. Von den zahlreichen Klöstern besteht nur noch das Ursulinerkloster, jetzt Erziehungsanstalt für Mädchen. Das Augustinerkloster, in welches Luther 17. Juni 1505 als Mönch eintrat, dient jetzt teils als Waisenhaus, teils als Rettungshaus zur Erziehung verwahrloster Kinder (Martinsstift); Erinnerungen an Luther wurden größtenteils durch Feuer (1872) zerstört. Die Kirche, 1273 begonnen, mit Schiff (1432) ist in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt und war 1850 Sitz des Unionsparlaments. Von weltlichen Gebäuden sind zu nennen das Rathaus am Fischmarkt, an Stelle eines ältern Baues nach dem Entwurf von Baurat Tiede 1869-75 von Sommer erbaut, mit Wandgemälden aus der Erfurter Geschichte von Janssen-Düsseldorf im Festsaal, auf dem untern Flur die Gleichensage in Wandgemälden von Kämpfer-Düsseldorf, auf dem obern Gemälde betreffend Luthers Aufenthalt in E. von demselben; gegenüber das Walthersche Privathaus "Zum breiten Heerd" (16. Jahrh.) und die "Hohe Lilie" am Friedrich-Wilhemsplatz; das Regierungsgebäude am Hirschgarten, früher Palast des Mainzer Statthalters, zuletzt Karl von Dalbergs (s. d.) und 1808 Napoleons Wohnung, als er hier die Fürsten um sich versammelte, und der 1894 eröffnete Centralbahnhof; an die Universität (1392 gegründet, 1816 aufgelöst) erinnert das Große Kolleg in der Michaelisstraße, mit prächtigem spätgot. Portal, jetzt Realschule.

Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Oberbürgermeister (Schneider, seit 1890, 11000 M.), Bürgermeister (Lange, seit 1892, 7000 M.), 17 Magistratsmitgliedern (8 besoldet), 48 Stadtverordneten und hat Freiwillige Feuerwehr (80 Mann) und Pflichtfeuerwehr (200 Mann) mit 18 Spritzen, 484 Hydranten und 38 Feuermeldern, ein bedeutendes städtisches Wasserwerk (87065 m Rohrnetz), welches das Wasser der Apfelstädt vom Dorfe Wechmar (21 km) und vom Gerathal bei Möbisburg nach dem Reservoir an der Cyriaksburg leitet. Die Ausdehnung der Kanäle beträgt 58738 m. Die 2 Gasanstalten gaben (1893) 3,015 Mill. cbm Gas ab, davon 493700 cbm zur öffentlichen Beleuchtung (1255 Flammen) und 564200 cbm zu technischen Zwecken (105 Gasmotoren). Auf dem städtischen Schlachthofe wurden (1893) geschlachtet: 8334 Rinder, 2226 Schweine, 10845 Kälber und 14420 Hammel.

Finanzen. Am 1. April 1894 betrug das Vermögen der Stadt 13,5 Mill. M., die Schulden 6760000 M. Nach dem Etat (1894/95) betrugen die Einnahmen 2456400 M., darunter 1010000 M. direkte, 106300 M. indirekte Abgaben; die Ausgaben 2456400 M. Für Unterrichtszwecke wurden aufgewendet 404960 M., für öffentliche Beleuchtung 62000 M., für Straßenreinigung 34100 M., für Armenwesen 134450 M., für Krankenanstalten 21600 M.

Behörden. E. ist Sitz der königl. Bezirksregierung, des Landratsamtes für den Landkreis E., eines Landgerichts (Oberlandesgericht Naumburg) mit 7 preuß. Amtsgerichten (E., Langensalza, Mühlhausen, Sömmerda, Tennstedt, Treffurt, Weißensee) und 5 Schwarzburg-Sondershausener Amtsgerichten (Arnstadt, Ebeleben, Gehren, Greußen, Sondershausen), eines Schwurgerichts, Amtsgerichts, einer Oberpostdirektion für den Reg.-Bez. E., den Kreis Schmalkalden, das Großherzogtum Sachsen, die Herzogtümer Sachsen-Meiningen, Sachsen-Coburg-Gotha und die Fürstentümer Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Reuß älterer und jüngerer Linie, mit 451 Verkehrsanstalten, 3242,87 km oberirdischen Telegraphenlinien (11909 km Leitungen, einschließlich 1201,4 km Stadtfernsprechanlagen), einer königlich preuß. Eisenbahndirektion (1952,27 km Bahnlinien) mit 6 Vetriebsämtern (Berlin, Cassel, Dessau, E., Halle, Weißenfels), eines Eisenbahnbetriebsamtes (329,06 km Bahnlinien), einer Generalsteuer-, Forst- und Berginspektion, eines Hauptsteueramtes, einer Reichsbankstelle, einer Handelskammer für die Städte E. und Sömmerda und den Kreis Schmal-^[folgende Seite]