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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften
schaftlichen Geschäftsbetriebes bezwecken. Häusig
nennt man sie auch Genossenschaften schlechtweg,
obzwar diese Bezeichnung richtig verstanden auch
noch eine Reihe anderer Verbände und Vereinigun-
gen umfaßt (s. Genossenschaft). Im Unterschiede
von vielen solchen andern genossenschaftlichen Ge-
meinschaften ist der Charakterzug der modernen ge-
nossenschaftlichen Bewegung die Freiwilligkeit der
Mitgliedschaft unter Ausschluß von Vor- oder
Zwangsrechten nach Art der Befugnisse der alten
Zünfte oder ähnlicher Verbände; ihre social- und
wirtschaftspolit. Bedeutung hingegen beruht na-
mentlich darauf, daß die schwächern Elemente der
heutigen Gesellschaft durch den wechselseitigen An-
schluß an Kraft und .halt gewinnen und an die ge-
meinsame Lösung von Aufgaben schreiten können,
deren Bewältigung ihnen bei der Beschränktheit
ihrer Mittel im Zustande der Vereinzelung nicht
möglich wäre. In diesem Sinne stellen sich die E. u. W.
als ein wichtiges Mittel dar, um den Arbeiterstand
zu heben und die Stände der kleinern Landwirte
und Gewerbtreibenden konkurrenzfähig zu erhalten
gegenüber dem neuzeitlichen Großbetrieb oder son-
stigen Bedrängnissen. Zu verkennen ist freilich mcht,
daß das Genossenschaftswesen, namentlich in Form
der Konsumvereine, in wachsendem Maße auch den
Angehörigen wohlhabenderer Kreise dient und den
Mittelstand durch Untergrabung des Detailhandels-
standes von einer andern Seite her schädigt.
Die moderne Genossenschaftsbewegung nahm
ihren Ausgangspunkt in England, woselbst schon
im Anfang unsers Jahrhunderts Vereine zur ge-
meinsamen Beschaffung von Lebensmitteln ent-
standen. Eine besondere Förderung fanden derartige
Bestrebungen durch das Auftreten von R. Owen
(s. d.), der die genossenschaftliche Bewegung mit
der socialistischen Propaganda verband, indem
die neuen Genossenschaften gewissermaßen als Vor-
stufen und Vorschulen für die Umgestaltung der
Gesellschaft angesehen wurden. Epochemachend war
sodann die Gründung des Konsumvereins der
Pioniere von Rochoale (s.d.), welcher zuerst den
Grundsatz einführte, den erzielten Reingewinn nicht
nach Geschäftsanteilen, sondern nach Maßgabe der
Einkäufe an die einzelnen Mitglieder zu verteilen,
und damit nicht nur einen gercchtern Maßstab für
diese Verteilung schuf, sondern auch das Interesse
der Mitglieder an der Benutzung und Erhaltung der
aenossenschaftlichen Institution wesentlich erhöhte.
In Frankreich entwickelte zuerst Buchez (s.d.) den
Plan einer Produktivgenossenschaft, durch welche die
Arbeiter in den Stand gesetzt werden sollten, selbst
Unternehmer zu werden. Der Associationsgedanke
wurde übrigens in Frankreich von mehrern socia-
listischen Schulen, insbesondere auch von der Louis
Blancs (s. d.), gepflegt, und zum Teil diesem Einfluß
ist es zuzuschreiben, daß zur Zeit der Februar-
republik (1848) der Staat zur Unterstützung von Ge-
nossenschaften zwischen Arbeitern oder zwischen Ar-
beitern und Unternehmern einen Kredit von 3 Mill.
Frs. bestimmte. Durch den Staatsstreich wurden
übrigens den meisten Genossenschaften ihre Führer
entzogen und damit die Entwicklung des Genossen-
schaftswesens zunächst unterbunden, welches erst
später wieder zu neuem Aufschwung kam.
Später als in England und Frankreich tritt in
Deutschland die Genoffenschaftsbeweguny auf;
doch betrifft sie nicht wie dort in erster Lime den
Arbeiterstand, sondern die Handwerker. Maß-
gebend wurde hier die Wirksamkeit von Schulze-
Delitzsch (s. d.), welche mit der Gründung eines Roh-
stoffvereins für Tischler in Delitzsch 1849 begann.
Epochemachend war auch die 1850 im gleichen
Orte erfolgte Errichtung eines Vorschußvereins.
Zuerst bei den Rohstoffvereinen und dann auch bei
den Vorschußvereinen wurde das Princip der unbe-
schränkten solidarischen Haftbarkeit der Mitglieder
angewendet und die Genossenschaften als streng ge-
schäftliche Unternehmungen unter Verzichtleistung
auf anderweitige Beihilfe durchgeführt, beides
zum großen Vorteile für die Einrichtung. In der
Folge vervielfältigten sich die Zwecke der Genossen-
schaften, insbesondere kam es zur Gründung zahl-
reicher Konsumvereine; auch traten der Arbeiter-
stand und die Landwirtschaft in die Genossenschafts-
bewegung ein. Um eine engere Verbindung unter
sich herzustellen, fand 1859 zu Weimar eine Ver-
sammlung der deutschen Vorschußvereine statt, wo-
selbst die Errichtung eines Centralbureaus be-
schlossen wurde, dessen Leitung Schulze übernahm.
1864 ging daraus der Allgemeine Verband
deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenos-
sen schaften hervor. Schulze selbst wirkte bis zu
seinem Tode (1883) als Generalanwalt der Ge-
nossenschaften und veröffentlichte in dieser Eigen-
schaft jährlich Berichte über den Stand des Ge-
nossenschaftswesens, welche auch jetzt durch seinen
Nachfolger, Reichstagsabgeordneten F. Schenck, nock
fortgesetzt werden. 1883 kam eine dem Allgemeinen
Verbände angepaßte Vereinigung der land-
wirtschaftlichen Genossenschaften zu stände.
Ahnliche Verbände von Genossenschaften finden sich
übrigens auch in andern Ländern. Die größte
Verbreitung und Ausdehnung haben die Kredit-
vereine gefunden, und zwar sowohl die von Schulze-
Delitzsch begründeten Vorschuß- und Kreditvereine
(s. d.) wie die Raiffeisenschen Spar- und Darlehns-
kassen (s. Darlehnskassenvereine). Über die Stati-
stik der E. u. W. s. Deutschland und Deutsches Reich
(Handel, Bd. 5, S. 140).
Eine eigene Genossenschaftsgesetzgebung,
dazu bestimmt, den Genossenschaften eine ihrem
Wesen entsprechende Rechtsgrundlage zu verleihen,
beginnt in Deutschland mit dem preuß. Gesetz vom
27. März 1867; abgesehen von den Gesetzen in
andern deutschen Staaten ist dann noch das später
auf das ganze Reich ausgedehnte norddeutsche
Vundesgesetz vom 4. Juli 1868 zu nennen. Zur Ab-
hilfe der mannigfachen Mängel dieses Gesetzes und
zur Durchführung einer bestimmten Einheitlichkeit
in dem deutschen Genossenschaftswesen ging dem
Reichstage im Herbst 1887 der Entwurf eines neuen
Genossenschaftsgesetzes zu, welches dann 1. Mai
1889 erlassen wurde und 1. Okt. 1889 in Kraft trat.
Als Hauptarten der Genossenschaften zählt das
Gesetz auf: 1) Vorschuß- und Kreditvereine
(s.d.); 2)Rohstoffvereine(s.d.); 3) Vereine zum
gemeinschaftlichen Verkauf landwirtschaftlicher oder
gewerblicher Erzeugnisse (Absatzgenossenschaf -
ten, Magazingenossenschaften,s.o.); 4) Ver-
eine zur Herstellung von Gegenständen und zum
Verkauf derselben auf gemeinschaftliche Rechnung
(Produktivgenossenschaften, s. d.); 5) Ver-
eine zum gemeinschaftlichen Einkauf von Lebens-
oder Wirtschaftsbedürfnissen im großen und Absatz
im kleinen (Konsumvereine, s.d.); 6) Vereine
zur Beschaffung von Gegenständen des landwirt-
schaftlichen oder gewerblichen Betriebes und zur