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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Europa (Litteratur)
führte, gelang es durch den Deutsch-Dänischen Krieg 1864 den vereinten Streitkräften Österreichs und Preußens, die Herzogtümer Lauenburg, Holstein und Schleswig von Dänemark zu trennen und damit dessen Staatskraft wesentlich zu schwächen. Das Verhältnis Schleswig-Holsteins blieb vorläufig in der Schwebe, während 1865 das Herzogtum Lauenburg definitiv Preußen zufiel. Die im stillen gesammelte Kraft des preuß. Staates riß im Deutschen Kriege von 1866 allen Widerstand nieder, und das Centrum E.s erhielt nun eine andere Gestalt. Zunächst wurde Österreich aus dem Deutschen Bunde verdrängt und verlor Venetien an das Königreich Italien; dann erfolgte die Vereinigung von Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurts. M., Hessen-Homburg, Schleswig-Holstein und einigen bayr. und hessendarmstädtischen Gebietsteilen mit Preußen und die Gründung eines Norddeutschen Bundes, der mit den süddeutschen Staaten durch Allianz- und Zollverträge in Verbindung blieb. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 und 1871 vereinigte sofort bei seinem Ausbruche ganz Deutschland unter der Führung Preußens. Der Kapitulation von Sedan (2. Sept. 1870) folgte 4. Sept. der Sturz des franz. Kaiserthrons und die Umgestaltung Frankreichs zur Republik. Die Versailler Verträge des Norddeutschen Bundes mit Bayern, Württemberg, Baden und Hessen (im Nov. 1870 abgeschlossen) begründeten das Deutsche Reich; 18. Jan. 1871 erfolgte in Versailles die Proklamierung des Königs Wilhelm von Preußen zum Deutschen Kaiser und im Versailler Präliminarfrieden vom 26. Febr. und im Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871 die Abtretung Elsaß-Lothringens an das Deutsche Reich. Gleichzeitig benutzte auch Rußland die Gelegenheit, um sich auf der Londoner Konferenz 1871 von den Beschränkungen seiner Seemacht aus dem Schwarzen Meere zu befreien.
Das Deutsche Reich galt jetzt vermöge seiner militär. Kraft und der meisterhaften Leitung seiner auswärtigen Politik für die erste Kontinentalmacht, zumal nach der Dreikaiserzusammenkunft in Berlin 1872, welcher, als später die Freundschaft mit Rußland sich zu trüben begann, das deutsch-österr. Defensivbündnis von 1879 folgte. Die Auflehnung der christl. Provinzen auf der Balkanhalbinsel gegen die Pforte und der Russisch-Türkische Krieg von 1877 und 1878 hatten große Veränderungen im Osten E.s zur Folge. Gemäß den Beschlüssen des Berliner Kongresses vom 13. Juli 1878 erhielt Rußland den 1856 abgetretenen Teil von Bessarabien zurück und in Armenien die Gebiete von Kars, Ardaban und Batum; Österreich-Ungarn wurde das Mandat erteilt, die türk. Provinzen Bosnien und Herzegowina in Besitz und Verwaltung zu nehmen; Rumänien, Serbien und Montenegro wurden unabhängige Staaten, und ersteres erhielt als Ersatz für Bessarabien die Dobrudscha, Serbien einen Gebietszuwachs von 11560 qkm, darunter die Festung Nisch mit 280000 E., Montenegro einen Gebietszuwachs von 5009 qkm mit etwa 116000 E.; das nördl. Bulgarien wurde ein selbständiges und tributpflichtiges Fürstentum; das südl. Bulgarien erhielt unter dem Namen "Ostrumelien" eine selbständige Verwaltung, blieb aber unter der unmittelbaren Botmäßigkeit des Sultans; Griechenland erhielt, jedoch erst 1881, das südlich vom Salambriafluß gelegene Gebiet von Thessalien und den östlich vom Artafluß liegenden Teil von Epirus. Rumänien wurde 1881, Serbien 1882 zum Königreich erhoben. Schon vor der Eröffnung des Berliner Kongresses besetzte England, auf Grund seiner gegen weitere russ. Eroberungspläne gerichteten Allianz mit der Pforte vom 4. Juni 1878, die Insel Cypern und ließ sie durch einen engl. Gouverneur verwalten; Frankreich rückte 1881 in Tunis ein, zwang den dortigen Bei 12. Mai zur Unterzeichnung des Vertrags von Bardo und übernahm das Protektorat von Tunis; England machte durch seinen ägypt. Feldzug von 1882 seinen Einfluß im Pharaonenland zum fast ausschließlichen, hielt ihn freilich bei dem Verlust des Sudan an den Mahdi 1883 nur mit schweren Opfern aufrecht und konnte auch mit den übrigen europ. Staaten zu keinem vollen Einverständnis über Ägypten kommen, überhaupt zeigte sich in diesen Jahren eine auffallende Tendenz der europ. Mächte nach Ausbreitung oder Gewinnung einer außereurop. Machtsphäre. Frankreich besetzte 1883 Tongking, Italien 1885 Massauah an der Küste des Roten Meers; 1884 begann Deutschlands Kolonialpolitik einzusetzen. Das blieb nicht ohne wichtige Rückwirkungen auf die europ. Politik. Italien, gegen Frankreich wegen Tunis verstimmt, schloß sich Deutschland und Österreich an, Frankreich erlangte durch Deutschlands Unterstützung auf der Kongokonferenz 1884-85 erheblichen Gewinn in Afrika. Da lenkte die Revolution in Ostrumelien und die Vereinigung dieser Provinz mit Bulgarien unter Fürst Alexander Aug. 1885 wieder die Augen der Mächte aus die Orientalische Frage. Dem Fürsten Alexander gelang es zwar, zu Anfang 1886 von der Pforte die Anerkennung als Generalgouverneur von Ostrumelien zu erlangen, er mußte aber der Feindschaft Rußlands weichen und 7. Sept. 1886 abdanken. Seitdem ist die bulgar. Frage die offene Wunde E.s, denn auch dem von den Bulgaren zum Fürsten gewählten Prinzen Ferdinand von Coburg versagt Rußland noch immer seine Anerkennung und verlangt die Wiedereinräumung des ihm durch den Berliner Vertrag zugebilligten Einflusses in Bulgarien. Schließlich beeinflußte der große Gegensatz zwischen Rußland und Frankreich aus der einen und Deutschland, Österreich und Italien auf der andern Seite auch wieder die außereurop. Politik mDeutschlands. Da Trübungen seines Verhältnisses zu England vielleicht verhängnisvoll werden konnten, schloß Deutschland 1. Juli 1890 mit England ein Abkommen, das für den Preis erheblicher Zugeständnisse an England in Ostafrika für Deutschland den Gewinn der Insel Helgoland brachte.
Litteratur. Ritter, E., Vorlesungen (hg. von Daniel, Berl. 1863); von Roon, Militär. Länderbeschreibung von E. (ebd. 1837); Kohl, Die Völker E.s (2. Aufl., Hamb. 1872); Leipoldt, Über die mittlere Höhe E.s (Plauen 1874); Brachelli, Statist. Skizze der europ. Staaten (3 Abteil., z. T. in 13. Aufl., Lpz. 1879-92); Kolb, Handbuch der vergleichenden Statistik (8. Aufl., ebd. 1879); Reclus, Nouvelle géographie universelle. Europe, Bd. 1-5 (Par. 1875 fg.); Brachelli, die Staaten E.s (4. Aufl., Brünn 1884); Rudler u. Chisholm, Europe (Lond. 1885); Bougier, Géographie qhysique, politique et économique de l’Europe (Par. 1885); Unser Wissen von der Erde, hg. von Kirchhoff, Bd. 2 u. 3: Länderkunde von E. (Prag und Lpz. 1887 fg.); Holwerda, E., Leerbook ten dienste van hogere borgerscholen (Tiel 1888); Dubois, Géographie économique de l’Europe (Par. 1889). - Karten: