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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Fettsucht
einem ^jährigen Mädchen mit 49^ Pfd., Kästner
von einem 4jährigen Mädchen mit 82 Pfd., Wein-
beraer von einem 5jährigen Knaben mit 189 Pfd.,
Eschenmayer von einem 10jährigen Mädchen mit
219 Pfd., Regneller soaar von einem 11jährigen
Mädchen mit 450 Pfd. Körpergewicht.
Die Ursachen der allgemeinen F. sind nicht
immer hinlänglich nachzuweisen. In vielen Fällen
besteht ohne Zweifel eine erbliche Anlage zur Fett-
leibigkeit , insofern in gewissen Familien alle Mit-
glieder, unbeeinflußt von ihrer Lebensweise und
ihrem Beruf, unter allen Umständen abnorm fett-
leibig werden, wahrscheinlich infolge einer eigen-
tümlichen erblichen Blutbeschafsenheit, welche eine
erhöhte Fettinsiltration der Gewebe zur Folge hat.
Auch gewisse Nationalitäten, wie die Orientalen,
Ungarn und Walachen, besitzen eine solche Neigung
zu übermäßiger Korpulenz; Personen von schlaffer
Konstitution und phlegmatischem Temperament, die
sich körperlich und geistig wenig anstrengen, lange
schlafen und eine reichliche, nahrhafte Kost genießen,
zeichnen sich besonders durch größere Neigung zu
frühzeitiger und übermäßiger Fettleibigkeit aus.
Eine der häufigsten Ursachen der F. liegt aber in
der übermäßigen Zufuhr von Nahrungsmitteln,
insbesondere sehr fetter, zuckerreicher und sehrstärke-
mehlhaltiger Nahrungsmittel und alkoholischer Ge-
tränke, namentlich wenn sie mit ungenügender kör-
perlicher Bewegung, mit einem ruhigen und be-
schaulichen Leben und vielem Schlasen verbunden
ist; Schlemmer, Feinschmecker und Gewohnheits-
trinker haben von jeher das größte Kontingent zur
allgemeinen F. gestellt. Das weibliche Geschlecht
scheint mehr als das männliche zu krankhafter Fett-
ansammlung geneigt zu sein, was zum Teil in der
Vorliebe der Frauen für sette und süße Speisen, in
ihrer Neigung Ruhe zu pflegen, in dem häusigern
anhaltenden Sitzen sowie ihrem langem Aufent-
halt in geschlossenen Räumen, zum Teil aber auch
in gewissen sexuellen Vorgängen begründet ist; so
ist es bekannt, daß bei vielen Frauen mit dem Auf-
hören der Geschlechtssunktionen eine größere Fett-
entwicklung eintritt, und daß auch jüngere Frauen
bei daniederliegender Geschlechtsthätigkeit oft außer-
ordentlich schnell fettleibig werden. In ähnlicher
Weise begünstigt die Kastration des Mannes bei
diesem die Entwicklung excessiver Fettanhäufung.
Bei Säuglingen ist die F. gewöhnlich die Folge
von unzweckmäßiger Ernährung, namentlich von
Überfütterung mit mehligen Substanzen und andern
ungeeigneten Milchsurrogaten.
Die Beschwerden, welche die F. verursacht,
können sehr verschiedener Art sein. Bei geringern
Graden von Fettleibigkeit, dem sog. Embonpoint,
ist meist vollständiges Wohlbefinden vorhanden, und
selbst bei erheblicherm Leibesumfang empfinden
manche Fettleibige, abgesehen von einer gewissen
Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit bei den Be-
wegungen, nur wenig subjektive Beschwerden. In
den höhern Graden jedoch, besonders wenn die F.
sich auffallend schnell entwickelte, stellt sich eine
Reihe von Störungen und Beschwerden ein, welche
nicht nur den Lebensgenuß in erheblichem Maß
verkümmern, sondern zum Teil auch das Leben
direkt gefährden können. Gewöhnlich klagen sehr
fettsüchtige Personen über große Muskelschwäche,
über quälende Kreuzschmerzen bei anhaltendem
Gehen, über Neigung zu übermäßigem Schwitzen,
zu Kurzatmigkeit, Beklemmung, Schwindel und
Anfällen von heftigem Herzklopfen. Letztere Sym-
ptome sowie das nicht seltene Aussetzen des Pulses
rühren meist davon ber, daß bei solchen Patienten
das Herz von Fett umwachsen oder selbst mehr oder
weniger fettig entartet ist (s. Herzverfettung). Auch
werden die Kranken häusig von mancherlei Ver-
dauungsbeschwerden (Appetitlosigkeit, Aufstoßen,
Verstopfung, Hämorrhoidalknoten u. dgl.) heim-
gesucht, die zum Teil in der fettigen Infiltration
der Leber und dadurch bedingten Verminderung
der Gallenabsonderung (s. Fettleber), zum Teil aber
auch in Blutstockungen im Pfortadergebiet ihren
Grund haben. Daß endlich bei länger bestehender
hochgradiger F. auch die psychischen Funktionen
mehr oder minder beeinträchtigt werden, indem sich
bei den meisten Kranken eine große Unlust zu gei-
stiger Arbeit, eine auffallende Trägheit im Denken,
Entschließen und Handeln bemerkbar macht, ist hin-
länglich bekannt und wohl hauptsächlich durch die
große Blutarmut bedingt, welche fast immer bei
hohen Graden von F. vorhanden ist. Auch begün-
stigt übermäßige Fettleibigkeit die Entwicklung ge-
wisser anderer Krankheiten, insbesondere der Gicht,
der Furunkulose und des Diabetes sowie der
atheromatösen Entartung der Arterien, welche leicht
zum Gehirnschlagfluß führt (s. Arterienentzündung).
Aus dem eben Angeführten echellt, daß jede
hochgradige F., namentlich wenn sie auf einer erb-
lichen Anlage beruht, als eine ernste Krankheit
aufzufassen ist, welche unter Umständen das Leben
direkt bedroht, und welche deshalb womöglich schon
in ihren frühern Stadien energisch bekämpft wer-
den muh. Freilich ist die Behandlung der F. in
der Regel mit großen Schwierigkeiten verknüpft,
da es gewöhnlich den Kranken an der hierzu durch-
aus erforderlichen Ausdauer und Willensstärke ge-
bricht. Wer zur F. neigt, muß jederzeit eine streng
geregelte Diät einhalten; er lebe nur mäßig, ge-
nieße möglichst wenig fette, zuckerhaltige und stärke-
mehlreiche Nahrungsmittel (Mehlspeisen, Gebäcke,
Kartoffeln) und vermeide soviel als möglich die
alkoholischen Getränke. Am strengsten in dieser
Beziehung ist das nach dem Engländer Vanting
benannte Kurverfahren gegen Korpulenz, welches
in einem nahezu ausschließlichen Fleischregime
mit vollständigem Vermeiden jeden Fettes besteht,
wobei ungefähr folgender Speisezettel maßgebend
ist: Zum Frühstück 120-150 3 Fleisch oder Fisch
(mit Ausnahme von Schweinefleisch und Lachs),
Thee ohne Milch und Zucker, 30 F geröstetes Weiß-
brot; zu Mittag 150 -180 F Fleisch, etwas Ge-
müse, 30 3 geröstetes Weißbrot, 2-3 Gläser leich-
ten Rotwein oder Sherry - keine Kartoffeln, keine
Mehlspeisen, kein Champagner, Portwein oder Bier;
zur Vesper 60 -100 3 Früchte, wenig Zwieback,
Thee; zum Abendbrot 100 - 120 3 Fleisch oder
Fisch, 1-2 Glas Rotwein. (S. Bantingkur.)
So wirksam auch die Vantingkur auf die Ver-
minderung einer übermäßigen FeUanhäu^mg im
Körper wirkt (Banting selbst verlor durch dieselbe
35 Pfd. seines Körpergewichts), so darf dieselbe
doch nie auf zu lange Zeit angewendet werden,
da sie leicht Htagen- und Darmkatarrhe, Schwäche-
gefühl und ernstere Ernährungsstörungen zur Folge
haben kann. Aus diesem Grunde hat Ebstein
eine neue diätetische Kunnethode gegen die F. an-
gegeben, welche die allmähliche Abnahme der über-
schüssigen Fettvorräte des Körpers dadurch zu er-
zwingen sucht, daß die an sich geringe tägliche