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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gagern (Haus Christoph Ernst, Frhr. v.) - Gagern (Heinr. Wilh. Aug., Frhr. v.)
sich dann der Landwirtschaft auf seinem Gute Neuen-
bürg bei Erlangen. Er war 1876-82 Mitglied
der Landratsversammlung von Oberfranken, ver-
trat 1881-93 den Wahlkreis Kronach im Deutschen
Reichstage und war 1884-93 Vtitglied der bavr.
Zweiten Kammer. Als Mitglied der Centrums-
partci nahm er lebhaften Anteil an den tirchen-
polit. Kämpfen, gilt jedoch als maßvoller und ver-
söhnlich denkender Politiker. Auch ist er Mitglied
der Kommission für die zweite Lesung des Entwurfs
cines Deutschen Bürgerl. Gesetzbuchs.
Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiberr von,
polit. Schriftsteller und Staatsmann, geb. 25. Jan.
1766 zu Kleinniedesheim bei Worms, studierte in
Leipzig und Göttingen die Rechte, kam frühzeitig
in nassau-weilburgiscke Dienste und war seit 179 l
Gesandter beim Reichstage, dann nassau-weil-
burgischer Gesandter in Paris und Präsident der
Regierung, bis Napoleons Dekret, daß kein auf
dem linken Rheinufer Geborener in einem außer-
franz. Staate Dienst leisten dürfe, ihn 1811 nötigte,
den Abfchied zu nehmen. Er wendete sich nach
Wien, wo er mit Hormavr und dem Erzherzog Io-
bann in Verbindung stand und 1812 einen vorzüg-
lichen Anteil an dem Plan einer abermaligen Er-
hebung Tirols nahm. Als derselbe jedoch scheiterte,
mußte G. 1813 Osterreich verlassen. Er begab sich
zunächst in das russ.-preuß. Hauptquartier, wurde
Mitglied des von den verbündeten Mächten ein-
gesetzten Verwaltungsrats für Norddeutfchland und
ging dann nach England. 1814 wurde ihm die Ver-
waltung der oranischen Fürstentümer übertragen,
und 1815 beteiligte er sich als Gesandter des Kö-
nigs der Niederlande an den Geschäften des Wiener
Kongresses. Hier gelang es ihm, für das neue
Königreich der Niederlande eine Vergrößerung aus-
zuwirken. Er war hierauf bis 1818 Gesandter für
Luxemburg bei dem Deutschen Bunde. Wie er
schon vorher gegenüber dem Fürsten Metternich auf
patriotische und gemeinnützige Maßregeln gedrnn-
gcn batte, so erhoffte er auch von dem Bundestage
eine 'Ära des Segens und Fortschritts für Deutsch-
land. Aber sein freimütiges Eintreten für die Ein-
führung landständischer Verfassungen machte ihn
in Wien mißliebig, und Metternich bewirkte beim
Könige der Niederlande G.s Abberufung. Nach
seiner 1820 erfolgten Pensionierung lebte er auf
seinem Gute Hornau bei Höchst im Hessen-Darm-
städtischen und ward Zum Mitgliede der Ersten
Kannner des Großherzogtums ernannt, wo er
eine einflußreiche Thätigkeit entwickelte. Seit 1848,
namentlich seit idn der Verlust seines Sohnes
Friedrich schwer getroffen hatte, trat er vom öffent-
lichen Leben ganz zurück und starb 22. Okt. 1852 zu
Hornau. Nntcr G.s Schriften sind hervorzuheben:
"Die Resultate der Sittengeschichte" (7 Bde.; Bd. 1:
"Die Fürsten", Franks. 1808; Bd.2: "Aristokratie",
Wien 1812; Bd. 3: "Demokratie", Frankf. 1816;
Bd. 4: "Politik", Stuttg. 1818; Bd. 5 u. 6:
"Freundschaft und Liebe", ebd. 1822; Bd. 7:
"Civilisation", Tl. 1, Lpz. 1847; 2. Aufl., 1. bis
4. Bd., Stuttg. 1835-37), "Die Nationalgeschichte
der Deutschen" (2. Aufl., 2 Bde., Fraukf. 1825-
26), die u. d. T. "Mein Anteil an der Politik" (l.
vis 4. Bd., Stuttg. 1823-33; 5. Bd., Lpz. 1844)
erschienenen Memoiren und die "Kritik des Völker-
rechts" (Lpz. 1840).
Gagern, Heinr. Wilh. Aug., Freiherr von, der
dritte Sobn des vorigen, geb. 20. Aug. 1799 zu
Bayreuth, besuchte 181.2-14 die Militärschule zu
München, trat, als Napoleon I. von Elba zurück-
kehrte, in nassauische Dienste und nabm als Lieute-
nant an der Schlackt bei Waterloo teil. Nach dem
Frieden studierte er in Heidelberg, Göttingen und
Jena die Rechte, nabm auch lebhaften Anteil an
den ersten burschenschaftlichen Verbindungen und
ging 1819 zu weiterer wissenschaftlicher Ausbildung
nach Genf. 1821 ward G. Assessor bei dem Land-
gericht zu Lorsch, dann vorübergehend Ministerial-
sekretär, 1824 Negierungsassessor und 1829 groß-
herzoglich Hess. Regierungsrat; 1827 verfaßte er
eine Broschüre "über die Verlängerung der Finanz-
perioden und Gesetzgebungslandtage", worin er
den Antrag auf Verwandlung der dreijährigen
Finanzperioden in sechsjährige bekämpfte. Die
Wahlen von 1832 beriefen ihn in die Zweite
Kammer. Der Thätigkeit, die er auf diefem be-
wegten Landtage für eine freisinnige Ausbildung
des staatlichen Lebens entfaltete, folgte im Nov.
1833 feine Entlassung aus dem Staatsdienste. Er
verzichtete auf die ihm bewilligte Pension, beschäf-
tigte sich auf dem von feinem Vater erpachteten
Gute Monsheim mit Landwirtschaft und fetzte nack
seiner Wiedererwählung auch auf den beiden fol-
genden Landtagen den Kampf gegen das herrschende
System fort. Als die Regierung 1846 den Verfuch
machte, durch eine neue Civilgesetzgebung die rhein-
hess. Institutionen zu beseitigen, wies er in einer
umfänglichen Schrift das Verfassungswidrige dieses
Vorgehens und die Unwahrheit der scheinkonstitutio-
nellen Zustände schonungslos nach.
Die Ereignisse vom Febr. 1848 waren für seine
weitere Laufbahn cntfcheidend. Der Erbgroßherzog
wurde 5. März zum Mitregenten ernannt und G.
an die Spitze der Verwaltung berufen, von der er
iedoch bald wieder zurücktrat. G.s schwungvolle
Frische und das Imponierende seines Wesens ließen
ihn als zur polit. Laufbahn besonders geeignet er-
scheinen. Überdies stimmte der von ihm in ent-
sprechende Form gebrachte Plan, den bisherigen
l^taatenbund unter wahrhaft konstitutionellen Re-
gierungen zu erbalten, dem Deutfchen Reiche aber
die gebührende Weltstellung durch ein Parlament
und durch die Oberherrlichkeit eines mächtigen Erb-
fürsten zu sichern, so vollkommen mit den Ideendes
gemäßigten Liberalismus übcrein, daß G. nicht nur
auf die Heidelberger Verfammlung vom 5. März
und auf das 31. März in Frankfurt a. M. zusam-
mentretende Vorparlament großen Einfluß gewann,
sondern auch zum Präsidenten der 18. Mai eröff-
neten Deutschen Nationalversammlung gewählt
wurde. Während der ersten enthusiastischen Phase
des Bewegungsjahres war G. der unbestrittene
Führer der bundcsstaatlichen Partei. Auch bei der
Linken gewann er Beifall durch seine Betonung der
Souveränität der Nation und des Parlaments.
Als die Schaffimg einer provisorischen Central-
gewalt Zur Beratung kam, beantragte er, mit einem
"kühnen Griff", dieselbe von der Nationalversamm-
lung einsetzen zu lassen, und brachte es dahin, daß
die Wahl zum Neichsverweser auf den Erzherzog
Johann siel. G. selbst erhielt bei der Wahl 52 Stim-
men. Die Verwicklungen, welche die deutsche Ver-
fassungsfrage, insbesondere das Verhältnis zu
Osterreich, brachte, änderte indessen alsbald auch
G.s Stellung. Es trat die Spaltung zwischen Groß-
deutschen und Kleindeutschen ein; der Asterreicher
Schmerling und seine Landsleute schieden aus dem