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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Galizien
In Bezug auf Landesautonomie wurden dem
Lande größere Concessionen gewährt als irgend
einem andern Kronlande der österr. Neichshälfte.
In den österr. Reichsrat sendet G. 63 Abgeordnete.
Der Landtag besteht aus 3 Erzbischöfen, 5> Bischöfen,
2 Universitätsrektoren, 44 Abgeordneten des (Groß-
grundbesitzes, 20 der Städte, Märkte und Induftrie-
orte, 3 der Handels- und Gewerbekammern und 74
der Landgemeinden, zusammen 15>1 Mitglieder.
Sitz der Stattbalterei ist Lemberg (s. d.>, welckc^
gleick Krakau eigenes Statut hat. Die Finanz-
verwaltung stebt unter der Finanzlande^direktion in
Lemberg, der für die direkten Steuern die Steuer-
infpektorate niit den Steuerämtern, für die iudirekten
Abgaben die 12 Finanzbezirkvdirektionell mit den
36 Zollämtern sowie die Finanzproturatur, das
Gebührenbemessnngvamt, die Landcsbauptkasse, das
Lottoamt, 5) Tabakfadriten und 12 Salinenverwal-
tungen untersteben. Die Rechtspflege wird in dritter
Instanz von dem obersten Gerichtshöfe in Wien, in
zweiter von den beiden Oberlaudesgerickten in Lem-
berg lfür Ostgalizien und die Bukowina) und Krakau
('^>estgalizien), in erster Instanz von 2 Landes-,
13 Kreis- und 178 Bezirksgerichten gehandhabt. In
Lemberg und Krakau befinden sich Staatseisenbabn-
Betriebsdirektionen mit 19 nntergeordneten Bahn-
betricbsämtern; in Lemberg 1 Post- und 3 elcgraphen-
direttion, 1 Gewerbe-Inspektor, Aickinspeltor mit
34 Aichämtern und 5" Handeln- und Gewerdekam-
mcrn in Lemberg, Kralau und Brody.
Als oberste Militärbehörden besteben die3Korps-
kommanden in Lemberg, Przemysl und Krakau.
Für das Bergwesen besteht die Berghauptmannsckaft
in Krakau mit Revierbergämtern in Krakau, Iaslo,
Drohobvez und ^tanislau, feruer die Berg- uud
Hüttenverwaltung in Swoszowiee; für das Forst-
wesen die Forst- und Tomänendirektion in Boleckow
mit49 Forstverwaltnngen sowie das Staatsbengsten-
depot in Drohowyze für Galizien und die Bukowina.
Das Wappen von G. bestebt aus einem blanen
Sckilde, worin ein roter Querbalken; darüber eine
schwarze Dohle, darunter drei goldene Kroueu. Auf
dem Schilde eine Bügelkrone. (S. Tafel: W appen
d er Österreichisch - Ung arisch en Krön länder,
Fig. 15 beim Artikel Osterrcichisch-Ungarische Rton-
archie.) Das Wappen sür Lodomerien zeigt zwei
von Silber und Rot geschachte Querbalken in blauein
Felde. Die Farben sind Blau-Rot.
Unterrichts- und Kirchenwcsen. Das Schulwesen,
mit Ausuabme der Dochschulen, leitet der Laudes-
sckulrat in Lemberg. Eine taiserl. Atadeinie der
Wissenschaften bestebt in Krakau, Uuiversitäten zu
Leniberg lobne mediz. Fakultät; 1891M: 1ii83 iui-
nlatrikulierte Hörer) und Krakau sgegründet 13<)4,
1^8:> innnatritnlierte Hörer), und in Leinberg auck
eine t. k. Technische Hochschule (170 Studenten), sämt-
lich mit poln. Unterrichtssprache. Das Land zädlte
(1892) anfterdem 3 theol. Lehranstalten, 1 Kunst-
schule in Krakau, 2 Hebammenschulen, 28 Gymnasien,
2 Realgymnasien, 4 Realschulen, 7 Bildnngsanstalten
für Lehrer, 3 für Lehrerinnen, 3 Handels-, 20 Ge-
werbefckulcn, 1 Kunstgewerbeschule (in Lembcrg),
8 schulen für Mnsik, 13 für Land- und Forstwissen-
schaft, 1 Bergbaufckule, 7 Bürger- und 3446 allge-
meine Volt^fchnlen. Im ganzen unterrichteten (I.^lx >)
5l4l vollbesckäftigte Lehrkräfte. Die Zahl der schul-
pflichtigen Kinder betrug (1890) 930201, die der
schulbesuchenden 409 624. Der röm.-katb. Klerus
des Lcmdes unter dem Erchischof zu Lemberg uud
Brockhaus' Kouvcrsations Lexikon. 14. Aufl.. VII.
drei Bischöfen zu Krakau, Przemvsl und Tarnow be-
greift 3935> Weltgeistliche und in 162 Klöstern 895
Möncke und N74 Nonnen. Sitz des griech./kath.
(5'rzbisckof5 ist Lemberg, der Bischöfe Przemysl und
Stanislau, dev armeuisch-tath. (5'rzbischofs Lemberg.
Geschichte. Nachdem zur Zeit der Völkerwan-
derung die urfprünglich dort ansässigen german.
Völker, Logier ilnd Gepiden, das bentige G. ver-
lassen batten, traten Slawen an ihre Stelle, die
sich in Angehörige des poln. und des russ. Stam-
mes schieden, jeue westlick, diese östlich des Flusses
San. Die Cbrobaten im Westen des Landes ver-
banden, nach Lösung ibres vorübergebenden Zu-
sammenhangs mit dem großmäbriscben <9. Iabrb.)
llnd böbni. Staate (1<). Jahrh.), ihre Geschicke
unter Boleslaw 1. Chrobry mit denen Polens, die
lscherwonisäx'n lrotrilssischen) Städte und die
Landschaften biv nach Przemysl hin gehorchten dem
(Großfürsten von Kiew. Nur vorübergehend be-
grüudete Boleslaw 1. poln. Herrschaft anck über
diese östl. Gebiete; nach seinen: Tode (1025" fielen
sie wieder an Ruftlaud zurück und wurdeu im letz-
ten Viertel de5 1l. Jahrh, in die Teilungen einbe-
zogen, die den russ. ^taat zerrissen. Darauf kon-
folidierten sich im 12. Jahrh, unter den Fürsten-
tümern im Karpatenlande zwei größere, Halicz und
Wladimir, deren (5'rinnerung noch in den heutigen
Landesnamen G. und Lodomerien fortlebt. Beide
Fürstentümer < besonders Haliez unter Iaroslaw
dem Scharfsinnigen N53-87) zeichneten sich durch
blühenden Handel und Reichtum aus. Allein die
steten Streitigkeiten der stammverwandten Fürsten-
häuser boten bald nickt nnr den Polen, sondern
auck den Ungarn Anlaß zu fortwährender Gn-
miscknng. Roman, Fürst von Wladimir (1196-
12<>5)), vereinigte auf knrze Zeit die Fürstentümer,
sie wnrden aber bald wieder Sckauplatz der Kämpfe
zwiscken Rnssen, Polen und Ungarn; mehrmals
mnsiten die Fiirsten poln. Oberhoheit anerkennen,
dreimal behaupteten uugar. Prinzen (Andreas
1187-89, Koloman 1214-21, Andreas 1226-
27) den Fürstenstuhl von .haliez. Letzterer nahm
1206 bleibend den Titel "(^1iciii6 6t I^odomei'iaL
rex)) an, der 1189 vorübergebend schon Bela 111.
beigelegt war.
Der Mongolensturm l 1241) riß .yaliez und Wla-
dimir vom rnss. Großsürstentume, das in Kiew
machtlos abstarb, bleibend los, nm so mehr, als
Romans Sohn, Daniel, die Notwendigkeit einer
schützenden Verbindung mit dem Abendlande er-
kennend, einer Union mit der rö'm. Kirche znneigte
nnd ans den Händen eines Legaten des Papstes
Innocenz IV. die Königskrone von G. annahm
<1253). Seine Söhne, Leo, der Lemberg crhante
nnd zur Resideuz erhob, und Mstislaw, teilten die
väterlicke (5'rbsckaft, die des crstern Sohn Georg
wieder vereinigte. Dock verfiel nnter den folgenden
Fürsten, ungeachtet sie ibre Herrschaft selbst über
Kiew ausdehnten, das Land immer mehr, sodaß es
nach dem Erlöschen des Romanschen Hauses (1340),
von Litauern und Tataren hart bedrängt, sich dem
poln. Könige Kasimir 11. unterwarf l 1349). Hier-
mit begann aber anch die Polonisierung des Lan-
des und die Hinüberziebnng desselben zur katb.
Kirche. Unter Ludwig d. Gr., der Uugarn und
! Polen vereint beherrschte, wurde 1375 die von
! Kasimir begonnene Organisation der kath. Hierar-
! ckie dauernd festgestellt. Ludwig betrachtete G. als
! ein mit seiner nngar. Krone vereinigtes Land, und
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