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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Geschütz
Puddelstahl und Schmiedeeisen von gleichfalls genau
ermitteltem Kohlenstoffgehalt hergestellt. Das ge-
womiene Material wird in Staugen ausgewalzt
und in kleiue Stücke zerschnitten. Nachdem jedes
der letztern bezüglich seines Koblenstoffgebalts uuter-
slicht ist, kommeu Puddelstahl und Schmiedeeisen,
in bestimmtem Verhältnis abgewogen, in die
Sckmelztiegel, dereu jeder etwa 40 ii,^ Material
aufuimmt. Die luftdicht verschlossenen Tiegel kom-
men zu 1^ Stück iu Stahlfchinelzöfeu, wo der Stahl
vollkommen gar eingeschmolzen wird, und der Guß
erfolgt uach geschehener Prüfuug jedes einzelnen
Tiegels iu eisernen eylindrischen formen. Aus den
zylindrischen Güssen werden die verschiedenen Teile
zu Kauoueu geschmiedet; das Schmieden verbessert
das Material uoch und verleiht den: ^tück zugleich
die Gestalt. Die Fernrohre lverden massiv geschmie-
der, die Ringe hohl. Die Tarstellungoweise, die eine
sorgfältige Vorprüfung des Materials und strenge
Überwachung aller Vorgänge bis ins kleinste ge-
stattet, ergiebt ein sebr gleichmäßiges und wider-
standsfähigem, daher durchaus zuverlässiges Ma-
terial. Weniger schon trifft das beim M artinstabl
zu. Bei diesen: wird Robeisen im Gasofen entkohlt
zu flüssigem Schmiedeeisen und dann durch Zusatz
vou Spiegeleisen oder von Manganeisen in Stahl
übergeführt. Die Form des Martinofens gestattet
den Vorgang zu verfolgen und Proben zu nehmen;
die Arbeit erfolgt noch immer verhältnismäßig lang-
sam und giebt der metallenen Masfe eine bedeuteudc
Reiubeit und Gleichförmigkeit, die aber uicht ganz
diejenige des Ticgelstahls, uoch auch dessen Zähig-
keit besondere gegen den ^toß erreicht. Neuerdings
sind in der Darstellung des Martinstahls wesent-
liche Fortschritte gemacht worden, sodaß derselbe sich
auch bei der Kanonenfabritalion erfolgreich neben
dem Tiegelstabl zu bebaupten scheint. In Frankreich
bat nian schon die schwersten Rohre aus Martin-
stabl aufgebaut, der sich hierbei sehr gut bewäbrt
haben soll. Am wenigsten geeignet als Geschütz-
material ist der B e s s e nl e r st a h l. Beiin '^esseiner-
verfahren wird Robeisen durch eiueu Lilftstrom in
Stabeisen verwandelt und dieses durch Zusatz vou
maugauhaltigem Roheisen in ^tabl übergeführt,
oder es wird auch unmittelbar Robeifeu iu Stahl
umgewandelt. Die Umwandlung gebt sehr rasch
und mit wenig dosten vor sieb, da^ Fabrikat erreicht
aber an Reinheit und Gleichförmigkeit längst uicht
deu Martiustabl. Die Ungleichförmigkeit berrscht
uickt uur von Guß zu Guß, sondern auch iu den
Teilen eines und desselben Gusses. Der Bessemer-
stahl ist infolgedessen das wenigst zuverlässige (wenn
auch billigste) Material uuter den verwendbaren
Stahlarten, uugeachtet das Verfabreu in neuerer
Zeit Verbesserungen erfabren bat.
Bezüglich dev Aufbaues der Stahlrohre ist viel-
fach die Ringtonstruktion üblich, bei der das
durchgehende Kernrohr in eiuer oder iu mehreru
schichten mit Reifen umlegt und so gegeu seitlichen
Druck verstärkt wird. Eine Verbesserung derselben
glaubte Te Bauge durch die Anordnuug der dop-
peltkonischen Ringe gefunden zu habeu, durch
welche die Bereifung gleichzeitig an dem Widcrstaud
gegeu Längszug Auteil uehmeu soll. Auch die Man-
tel- und M autelriugkanoueu ls.Mautclrohruud
^.Itantelringrohr) habeu die Aufgabe gelöst, das Kern-
rohr von der Teilnahme an dein Widerstand gegen
Längszug zu eutbinden. Der die hintere Hälfte des-
selben umgebende und dasselbe nach rückwärts über-
ragende Mautel nimmt den Verschluß auf und der
ganze Widerstand überträgt sich somit in der Längen-
richtung des Rohrs auf den erstem. Bei den Mautel-
ringkanonen liegen um den Mantel weitere Ring-
lagen herum, die den Seitendruck auf sich nehmen und
die Spannung in den Teilen des Mantels erhöhen.
Der Engländer Longridge schlug vor längerer
Zeit vor, das Kernrohr mit Stahldraht oder mit
Stahlbändern in spiralförmigen Winduugen zu
umlegen; ähnliche Vorschläge rühren vom Kapitän
Blakely und vom frauz. Artilleriehauptmann Schultz
ber. Späterhin hat Armstrong den Gedanken auf-
genommen. Man ging davon aus, daß der Stahl
in Form von Draht oder Bändern viel zäher und
elastischer als in jeder andern Gestalt ist, wodurch
bei einem derartig aufgebauten Rohr eine viel bessere
Ausuutzuug des Metalls gegen Seitendruck möglich
sei als bei der Bereifuug. Dagegen wirft man diesen
sog. Drahtkauonen (f. Metallkonstruktion, künst-
liche) den Nachteil eines geringen Widerstandes der
Robrwände gegen Längszug vor. Man hat daher,
trotzdem sich Longridge von Anfang an dagegen
erklärt hat, zwifchen die Schichten von Querdraht
auch solche, von Längsdraht gefügt, doch hat dies
keinen Beifall gefunden. Soweit Drahtkanonen bis
jetzt zur Ausführung gelaugt sind, findet man eine
Umwicklung des Kernrohrs mit Stahldraht und
darum wieder eiueu Mautel gelegt. Longridge läßt
zwischen Drahtumwickluug und Mantel einen Zwi-
schenraum, sodaß die Längsspannung von der Quer-
spauuung getrennt ist, erstere von der Ummante-
luug, letztere von dem Kernrohr und der Drabt-
umwickluug aufgeuommeu wird. Wilson, Sample
in New-(5astle und Maddison Ward in Vlyth (Eng-
land) haben einen Ersatz der doppeltkonischen Ringe
durch spiralförmige Umwickluugen von gezogenen:
Draht verschiedenen Querschnitts bewirkt, was gleich-
falls eine Verbindung des Widerstandes gegen Druck
und gegen Zug darstellen soll.
Die Fü hruug derGcsch o ss e ist jetzt allgemein
mittels Kupferringes am hintern Teil derselben,
wogegen die vordere Anlehnung des Geschosses im
Rohr durch eine ringförmige Ausbauchuug des Eisen-
kerns, die sog. Centrierwulst, bewirkt wird. Blei-
fnbrnug ist nur noch bei alten Konstruktionen in
Gebrauch. Die verläugerten Geschosse bedürfen eines
vergrößerten Drehbestrebens, um sich in der günsti-
gen Lage zur Flugrichtuug zu erhalten. Dazu ist eiu
stärkerer Drall der Züge notwendig. Man wendet
demzufolge allgemein den zunehmenden oder Pro-
gressiv-Drall an, der beim Eintritt des Geschosses
in die Züge einen nur genügen Widerstand, beim
Austritt aber dennoch ein großes Drehbestreben
zur Folge hat. Die Zahl der Züge wächst mit dem
Kaliber. Der centralc Eintritt des Geschosses in die
Züge wirH durch deu gezogenen Gesckoftraum, der
neuerdings konisch gestaltet wird, befördert. Die
Ladungsverhältnisse gehen bis zu ^4 des Geschoß-
gewichts und es ergeben sich Geschoßgeschwindigkeiten
bis WO m, mehr als das Doppelte dessen, was man
anfänglich bei gezogenen Rohren erreichen konnte.
Bei den neuern rauchschwachen Pulversorten
werden trotz Verringerung der Laduugsverhältnisse
Aufaugsgeschwindigkeiten bis 800 in, vereinzelt
sogar bis 1000 in erreicht. Allerdings gehören zu
letztern unverhältnismäßig lange Rohre (50-80
Kaliber), die wieder manche übelstände mit sich brin-
gen und daher nur in besondern Ausuabmefällen
Verwendung finden.