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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Görlitz
zum Heiligen Kreuz nordwestlich vor der Stadt, 1476 von dem Patricier Georg Emmerich erbaut, der ausgedehnte Nikolaifriedhof mit vielen Grabmälern und endlich die Eisenbahnbrücke (500 in lang, 40 in hoch) auf 32 Bogen. An Denkmälern besitzt G. das Standbild des Oberbürgermeisters Demiani (gest. 1846) von Schilling auf dem Marienplatz, die Denkmäler Al. von Humboldts und des Afrikareisenden Steudner im Stadtpark, das Kriegerdenkmal für 1870/71, neben dem Kaisertrutz die Denkmäler Schillers und des Prinzen Friedrich Karl und das im Mai 1893 enthüllte Denkmal Kaiser Wilhelms I. mit Moltke und Bismarck von Pfuhl.
Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Oberbürgermeister (Reichert, seit 1881, 11000 M.), Bürgermeister (Heyne, 7660 M.), 15 Magistratsmitgliedern (6 besoldet), 60 Stadtverordneten und hat freiwillige Feuerwehr mit 7 Feuermeldestellen; ein vorzügliches Wasserwerk und zahlreiche fließende Brunnen von ehemaligen Wasserleitungen, Kanalisation, die Gasanstalt gab (1891/92) 2,336 Mill. cbm Gas ab, davon 575754 cbm zur öffentlichen Beleuchtung (1062 Flammen) und 160741 cbm zu technischen Zwecken. Auf dem städtischen Schlachthofe wurden (1892/93) geschlachtet: 4640 Rinder, 16674 Schweine, 18265 Kälber und 7168 Hammel. Das Vermögen der Stadt wird auf 15 Mill. M. geschätzt. Die Gesamteinnahmen betrugen (1892/93) 2,801 Mill. M., darunter 330816 M. direkte Abgaben; die Ausgaben 2,801 Mill. M. Für Unterrichtszwecke wurden aufgewendet 539320 M., für öffentliche Beleuchtung 64397 M., für Straßenreinigung 32820 M., für Armenwesen 128158 M., für Krankenanstalten 32000 M.
Unterrichts- und Bildungswesen. Städtisches Gymnasium und Realgymnasium, 1865 miteinander verbunden (Direktor Dr. Eitner, 32 Lehrer, 15 Gymnasial- und 5 Realklassen, 480 Schüler), städtische Realschule, höhere Knaben- und 2 höhere Mädchenschulen, Lehrerinnenseminar, Militärvorbereitungsanstalten, Handfertigkeits-, landwirtschaftliche Winter-, Postfach-, Handelsschule. Außer dem Ratsarchiv mit zahlreichen Urkunden und Stadtbüchern bestehen die städtische Bibliothek mit 60000 Bänden und vielen kostbaren Handschriften (Properz, Sallust, Freidanks Bescheidenheit, Stücke des Parcival, Sachsenspiegel u. a.), die Milichsche Bibliothek (2000 Handschriften u. a. sowie eine Kupferstich- und Mineraliensammlung) und die Bibliothek der Oberlausitzer Gesellschaft; das städtische Museum lausitzischer Altertümer und Kunstgegenstände und ein Stadttheater (900 Zuschauerplätze).
Vereinswesen, Wohlthätigkeitsanstalten. Die Naturforschende Gesellschaft besitzt reiche Sammlungen, die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, 1779 gegründet, bezweckt die Pflege aller Wissenschaften, besonders die Erforschung der Geschichte der Lausitz, stellt Preisaufgaben und giebt seit 1822 das "Neue Lausitzische Magazin" heraus; ferner bestehen der Gewerbeverein mit eigenem Versammlungshaus, Kaufmännische Verein mit Handelsschule, Handwerkerverein, Volksbildungsverein, eine Freimaurerloge "Zur gekrönten Schlange" sowie zahlreiche Musik- und Gesangvereine. In G. werden meist die großen schles. Musikfeste abgehalten. An Wohlthätigkeitsanstalten bestehen ein Centralhospital, 2 Kranken-, ein Diakonissenhaus, mehrere Privatkliniken, eine Anstalt für Nerven- und Gemütskranke (Dr. Kahlbaum) und eine Wasserheilanstalt (Dr. Freise). Die Stadt hatte (Ende 1890) 16 Ortskrankenkassen (8404 Mitglieder, 148710 M. Einnahmen, 143941 M. Ausgaben, 110249 M. Gesamtvermögen) und 21 Betriebs-(Fabrik-)krankenkassen (4290, 98858 M., 94428 M., 108307 M.).
Industrie und Handel. Die Hauptindustrie ist die Tuchfabrikation (10 Fabriken mit über 2000 Arbeitern und bedeutender überseeischer Ausfuhr), ferner die Fabrikation von Gloriastoff (zum Teil in der Umgegend), Eisenbahnmaterial (etwa 1000 Arbeiter), Maschinenbauanstalten und Eisengießereien (Aktiengesellschaft Görlitzer Maschinenbauanstalt und Eisengießerei), Gold-, Silber-, Draht-, Spielwaren, Cigarren, Chemikalien und Erbswurst (die älteste Fabrik). Das Geschäft in Kolonial- und Materialwaren liegt fast ausschließlich in den Händen des Waren-Einkaufsvereins (Aktiengesellschaft, Umsatz 1892: 4,984 Mill. M., Reingewinn 164808 M.) und des Neuen Konsumvereins (Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht, 1892: 9922 Mitglieder, Umsatz 2,677 Mill. M., Reingewinn 158 787 M.). Der Handel wird unterstützt durch eine Handelskammer, Reichsbankstelle (Umsatz 1892: 351 Mill. M.) und 12 andere Banken, einen Vorschußverein, eine städtische Sparkasse und die Oberlausitzer Provinzialsparkasse.
Verkehrswesen. G. liegt an den Linien Berlin-G. (210 km), G.-Lauban (25,6 km), G.-Zittau (33,1 km), Kohlfurt-G. (28,4 km), G.-Seidenberg (16,9 km der Preuß. und G.-Löbau (24,2 km) der Sächs. Staatsbahnen. Der Gesamt-Fluß- und Eisenbahngüterverkehr betrug (1889) 6,11 Mill. t; davon kamen 3,028 Mill. t Güter (70045 t im Ausgang) auf die Eisenbahnen. G. hat ein Postamt erster Klasse mit 2 Zweigstellen, ein Telegraphenamt erster Klasse und Fernsprecheinrichtung innerhalb der Stadt und mit Berlin. G. gehört wegen seines Besitzes von 27 558 da Forst und vielen Gütern und Vorwerken zu den reichsten Städten Schlesiens. In der Nähe liegt die Landeskrone, ein kegelförmiger Granit- und Basaltberg (429 m), der bis 1402 eine Raubburg trug und eine schöne Aussicht gewährt.
Geschichte. G., 1238 zuerst erwähnt, wurde um 1200 neben dem slaw. Dorfe Gorelitz (1071) als deutsche Stadt gegründet und 1250 erweitert; sie gehörte zu Meißen, Böhmen (bis etwa 1250), dann zu Brandenburg (bis 1319), dann zum Herzogtum Jauer (bis 1329), zu Böhmen (bis 1467), zu Ungarn (bis 1490) und zu Böhmen (bis 1635). 1303 erhielt die Stadt durch die Markgrafen von Brandenburg magdeburgisches Recht. Ihre Blüte entfaltete sie unter König Johann von Böhmen und Kaiser Karl IV., die sie mit kostbaren Privilegien (Münzrecht, Straßenrecht, Brau-, Salzgerechtigkeit u. a.) begabten. 1346 schloß G. den Bund der Sechsstädte (s. d.). Kaiser Karl IV. bildete 1378 aus G. und einem ansehnlichen Gebiete ein eigenes Herzogtum dieses Namens und gab es feinem Sohne Johann, den aber die Görlitzer 1396 verjagten. 1429 wurde G. von den Hussiten belagert, blieb aber unbezwungen und erlangte eine solche Macht, daß es beinahe den Rang einer Freien Reichsstadt erhielt; namentlich behauptete es als Sitz des königl. Erbgerichts die Gerichtsbarkeit über sein gesamtes Weichbild. 1547 hielt Ferdinand I. ein furchtbares Strafgericht (Pönfall), weil die Sechsstädte ihre Truppen im Schmalkaldischen Kriege zu früh zurückzogen, die Rechte der Stadt wurden vernichtet; sie