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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Goßmann - Goßnersche Mission
1861 Referendar, 1864 Gerich tsassessor zu Instcr-
burg und 1865 Landrat im Kreise Darkehmen. Seit
1874 als Hilfsarbeiter im Ministerium des Innern
insbesondere mit der Ausführung der Kreisordnung
von 1872 beschäftigt, schied er 1878 aus dieser
Stellung, trat zunächst als Rat in das Ober-
verwaltungsgericht ein und wurde 1879 als Unter-
staatssekretär in das Kultusministerium berufen.
Zugleich war G. seit 1878 Reichstagsabgeordneter
für den Wahlkreis Darkehmen-Goldap-Stallupönen.
Er schloß sich hier der konservativen Partei an, ge-
wann bald Einfluß in ihr und wurde zum ersten
Präsidenten des Reichstags gewählt. Am 17. Juni
1881 wurde G. an Puttkamers Stelle zum Kultus-
minister ernannt und nahm nunmehr die schon von
seinem Vorgänger verfolgten Bestrebungen zur Her-
beiführung eines Ausgleichs des kirchenpolit. Kon-
flikts mit Eifer auf, indem er von dem Standpunkt
ausging, principiellen Verhandlungen über die
Grenzen von Staat und Kirche möglichst auszu-
weichen und durch rein praktische Behandlung der
Fragen eine Reihe thatsächlich bestehender Härten
zu beseitigen, und zwar nicht durch ein Konkordat
oder unmittelbares Abkommen mit der Kurie, son-
dern durch einseitige staatliche Gesetzgebung, die aber
möglichste Fühlung mit der Kurie suchen sollte. Es
gelang ihm zunächst, mehrere wichtige Bestimmungen
der Maigesetze, insbesondere die Staatsprüfung der
Geistlichen und die Einsetzung von Staatspfarrern,
im wesentlichen zu beseitigen und der Regierung
die Vollmacht auszuwirken, von einer Reihe an-
derer Vorschriften (Bischofseid, Temporalicnsperre
u. a.) Dispens zu erteilen. Von den gleichen Ge-
sichtspunkten, dem Notstand in der Seelsorge mög-
lichst bald abzuhelfen, ging die 11. Juli 1883 Gesetz
gewordene Vorlage aus, die eine anderweitige Re-
gelung der Anzeigepflicht betraf. Den Abschluß bil-
deten die kirchcnpolit. Novellen von 1886 und 1887,
die den kirchlichen Gerichtshof aufhoben, den kath.
Priesterseminaren größere Rechte wieder einräum-
ten, die Orden wieder zuließen und auch die An-
zeigepflicht , welche der Papst endlich 4. April 1886
dauernd zugestanden hatte, endgültig regelten.
Gegenüber den Bestrebungen des Centrums hielt
G. fest an dem Princip des staatlichen Einflusses
auf die Volksschule, aber auch zugleich an der Er-
haltung der religiösen Grundlage derselben. Dem
wachsenden Rufe nach Reform des höhern Unter-
richtswesens und Zurückdrängung der klassischen
Sprachen gegenüber machte G. nur sehr vorsichtige
Konzessionen. Mit Wärme drang G. namentlich
ldurch den Erlaß vom 27. Okt. 1882) auf größere
Pflege körperlicher Übungen der Jugend. Der poln.
Bewegung in Posen trat er energisch entgegen; die
einschneidendste Vtaftrcgel war die Aufhebung des
poln. Sprachunterrichts in den Volksschulen 27.Scpt.
1887. Gegen Ende 1890 brachte er den Entwurf
eines Volksschulgesetzes ein, der in der Kommission
des Abgeordnetenhauses schließlich die Zustimmung
aller Mitglieder, mit Ausnahme der Vertreter des
Centrums und der Polen fand. Als nun aber G.
erkannte, daß einerseits die Durchberatung des Ent-
wurfs auf Grund der Kommissionsbeschlüsse im
Plenum während der laufenden Session nicht mög-
lich sei, auch die Vertagung derselben nicht zu er-
reichen war, andererseits aber die Regierung für die
Annahme der Handelsverträge im Reichstage auf
die Unterstützung des Centrums und der Polen nicht
verzichten konnte, erbat er seine Entlassung, die ihm
auch 12. März 1891 ehrenvoll gewährt wurde. Be-
reits 7. Juli wurde er dann zum Oberpräsidenten
der Provinz Westprcußen ernannt. - Vgl. An-
sprachen und Reden des königlich preuß. Staats-
ministers G. von G. (Berl. 1890).
Goßmann, Friederike, Schauspielerin, geb.
23. März 1838 in Würzburg, die Tochter des auch
als Dichter bekannten Gymnasialprofessors Joh.
Baptist G. und der als Konzertsängerin geschätzten
Joh. Konstantia, geborenen Weinzierl (1807-40),
erhielt bei der bayr. Hofschauspielerin Konstanze
Dahn Unterricht in der Deklamation, debütierte
25. Juni 1853 in München als Leonie in Scribes
"Damenkrieg", spielte 1854 in Königsberg und in
prcusi. Provinzialstädten. 1855 ging sie an das
Thaliatheater nach Hamburg, wo sich ihr Talent,
während eines anderthalbjährigen Engagements
voll entwickelte. Hier schuf sie ihre unnachahmliche
"Grille", welche Frau Virch-Pfciffer für sie geschrie-
ben hatte. Dieser Rolle verdankt sie vor allem ihren
Ruhm. 1857 folgte sie einem Rufe an das Hof-
burgthcater nach Wien, vermählte sich 10. März
1861 mit Anton Freiherrn (späterm Grafen) von
Prokesch-Osten und verlebte mit diesem die nächste
Zeit in Konstantinopel. Seit 1862 betrat sie jedoch
die Bühne von neuem und feierte mit ihren Gast-
spielen zu Berlin, München, Stuttgart, Petersburg,
Amsterdam und andern Orten Triumphe. In
neuester Zeit tritt sie nur noch zuweilen in Wohl-
thätigkeitsvorstellungen auf.
Goßner, Johannes Evangelista, kath., später
evang. Theolog und Begründer der Gosznerscken
Mission (s. d.), geb. 14. Dez. 1773 zu Hausen (Diö-
cese Augsburg), studierte zu Dillingen und Ingol-
stadt, erhielt 1796 die Priesterweihe und wurde 1801
Domkaplan in Augsburg. Der Hinneigung zum
Protestantismus verdächtig, wurde er 1802 in
Untersuchung gezogen und in das Priestcrtorrek-
tionshaus Göppingen geschickt. Als das Bistum
Augsburg 1803 an Bayern fiel, wurde G. Pfarrer
in Dirlcwang; 1811 kam er als Veneficiat an der
Dompfarrlirche nach München, nahm 1819 seine
Entlassung und wurde kath. Neligionslehrer amGym-
nasium zu Düsseldorf. 1820 folgte er einem Rufe des
Kaisers von Rußland als Prediger an der Malteser-
tirche nachPetersburg, muhte aber 1824 den vereinten
Anstrengungen der griech.-orthodoxen und röm.-
kath. Hierarchie weichen. Er ging nach Leipzig, wo
mehrere seiner besten Schriften entstanden. Am
23. Juli 1826 trat G. in Königshayn zur evang.
Kirche über; 1829 wurde er Prediger der Vethlehems-
tirche in Berlin, wo er vor allem durch die von ihm
mit großem Eifer geleitete Heidenmission, durch die
Begründung des Elisabethkrankenhauses, mehrerer
Kleinkinderschulen u. dgl. großen Einfluß aus-
übte. 1846 legte er sein Predigtamt nieder. Er starb
20. März 1858. Von seinen Schriften sind hervor-
zuheben: "Geist des Lebens und der Lehre Jesu"
(2 Bde., 3. Aufl., Tüb. 1823), "Schatzkästlein"
(2 Bde., Lpz. 1825 u. ö.), "M. Boos, der Prediger
der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt" (ebd. 1826),
"Goldkörner" (6. Aufl., Berl. 1893). - Vgl. die Bio-
graphien von Prochnow (Berl. 1859) und Talton
(2. Aufl., ebd. 1878).
Gotznersche Mission, seit 1836 von I. E. Goß-
ner (s. d.) unternommen, sollte eine "Glaubens-
mission" sein ohne organisierte Hilfsvcreine, nur
durch freiwillige Gaben unterstützt und auf Aussen-
dung sich selbst ernährender Handwerker begründet.