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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Goethe (Johann Wolfgang von)

wuchs durch den häufigen Besuch des franz. Theaters. Im Mittelpunkt seiner ungleichmäßigen Schulbildung, die ihm namentlich tüchtige, in einem vielsprachigen Roman kindlich ausgenutzte Sprachkenntnisse brachte, stand maßgebend die Bibel, die er auch hebräisch las. Ihr entnahm er mit Vorliebe die Stoffe zu seinen ersten poet. Versuchen (dem Prosagedicht von Joseph, dem Drama "Belsazar" u. a.), von denen nur ein steif schwülstiges Gedicht auf Christi Höllenfahrt vollständig erhalten ist. Mehr als alle Jugendfreunde bedeutete ihm seine einzige Schwester Cornelia (geb. 7. Dez. 1750, gest. 8. Juni 1777 als Gattin Johann Georg Schlossers, s. d.), ein kluges, aber unschönes Mädchen, das sein ganzes unbefriedigtes Liebebedürfnis dem Bruder zuwandte. Im Kreise ihrer Freundinnen regen sich G.s erste Herzensneigungen; tiefern Schmerz bereitet ihm seine Erfahrung mit dem einfachen Bürgermädchen Gretchen, die noch im "Faust" nachklingt.

Im Herbst 1765 geht G. nach Leipzig, nach des Vaters Wunsch um Jura, nach eigener Absicht um schöne Wissenschaften zu studieren. Die Vorlesungen bieten ihm bald wenig Reiz; er sammelt Eindrücke, wie er sie in der Schülerscene im "Faust" niederlegte; auch Gellert, der auf schlichte Einfachheit der Schreibart nützlich hinwirkte, wirkte mehr durch seine schriftstellerische Persönlichkeit als durch sein Kolleg auf ihn ein. Dagegen schleift diese galanteste deutsche Universität ihm den Dialekt und die provinzielle Naivetät ab und giebt ihm Sicherheit im Gebrauch der anerkannten Schriftsprache. An seiner poet. Begabung wird er durch Gellerts Zurückhaltung und durch harte Kritik des Professors Clodius vorübergehend irre; zu ernsthaft poet. Anregungen war Leipzig, wo Christ. Felix Weiße den Ton angab und nüchterne Zierlichkeit, anakreontische Tändelei als Ideal galt, wenig geeignet. So glaubte G. zeitweilig mehr zur bildenden Kunst berufen zu sein; sein Zeichenlehrer, der treffliche Professor Öser, wies ihn auf Wieland und Winckelmann, dazu auf die Alten hin. Während Wielands "Musarion" G. entzückt, verhält er sich gegen Lessing noch immer spröde, sein dichterisches Schaffen wird neu belebt durch die gesunde Kritik seines gescheiten, etwas mephistophelischen Freundes Behrisch (s. d.) und durch seine Liebe zu Annette Schönkopf, der Tochter eines Weinwirts auf dem Brühl. Daß diese Neigung, die er sich durch selbstquälerische Eifersucht zur Qual machte, ihn tief erregte, lehren seine Briefe. Jetzt zuerst lernt er, die eigensten Herzensgefühle in seine Verse auszuströmen, und er betritt damit die Bahn, die ihn schnell über alle unwahre Konvention in die reine Höhe echter Menschlichkeit hinaufführt. Freilich, diese Leipziger Dichtungen, das nach Gellertschen Motiven angelegte Schäferspiel in Alexandrinern "Die Laune des Verliebten", und die Liebeslieder an Annette (zum Teil in den "Neuen Liedern", Lpz. 1769) zeigen G. formell noch ganz von der anakreontischen oder französierenden Modepoesie abhängig, die sie an wahrem Gefühl und poet. Gehalt doch schon weit überholen. Noch stärkere Fortschritte zeigen die merkwürdig reifen und klangvollen "Oden an Behrisch". Aber die volle Befreiung vom poet. Herkommen konnte ihm Leipzig, dessen litterar. Leben volkstümlicher Elemente entbehrte, nicht wohl bringen. (Vgl. W. von Biedermann, G. und Leipzig, 2 Bde., Lpz. 1865.)

Im Herbst 1768 kehrte G. innerlich stark entwickelt, aber an den Folgen unregelmäßigen Lebens kränkelnd, ins Vaterhaus zurück. Die Ruhe, zu der ihn sein Leiden nötigte, machte ihn zugänglich für die pietistischen Einflüsse des edeln Fräulein von Klettenberg, der er später in den "Bekenntnissen einer schönen Seele" ein Denkmal setzte; er konstruierte sich eine eigene Art neuplatonischer Theosophie. Diese mystischen Neigungen führten ihn auch zu alchimistischen Versuchen, die noch im "Faust" nachwirken. Jetzt fand seinen Abschluß das Lustspiel in Alexandrinern "Die Mitschuldigen", das, anfangs in einem Aufzuge, später zu dreien erweitert und aus alten Frankfurter und Leipziger Eindrücken erwachsen, unerquickliche Sittenbilder mit steifer Lehrhaftigkeit und Altklugheit, aber mit sicherer Beobachtung und Charakteristik darstellt. Zugleich lernte G. an der Hand der Wielandschen Übersetzung allmählich Shakespeare schätzen.

Ein glücklicher Stern führte G. April 1770 nach Straßburg. Nicht daß er hier zum Licentiaten promoviert wurde und durch mediz. Studien guten Grund zu spätern Forschungen legte, machte diesen Aufenthalt so wertvoll: hier an der Grenze des alten Reichs, auf franz. Boden kam ihm zum Bewußtsein, daß, abgesehen von Rousseau, die franz. Litteratur bejahrt und vornehm sei; hier begeistert er sich mit gleichgesinnten Genossen an Erwins Münster für deutsche Kunst, an Shakespeare für die germanische engl. Poesie. Entscheidend war die Berührung mit Herder, den eine Augenopcration in Straßburg festhielt. In harter Zucht, mit schonungsloser Überlegenheit beugte dieser das Selbstgefühl des jungen Mannes; aber er öffnete ihm die Augen für die echte Natur in der Dichtung, für das Volkslied, für Ossian und für die Griechen, er lehrt ihn auch die Bibel als poet. Kunstwerk würdigen. Und die Folgen bleiben nickt aus. Als G. für Herder Volkslieder sammelt, schmuggelt er schon ein eigenes "Fabelliedlein", das "Heidenröslein", mit ein, und die Lieder, die er der Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion (s. d.) weihte, schlagen Töne an, wie sie bis dahin in deutscher Sprache nicht erklungen waren, zumal das leidenschaftliche Gedicht "Willkommen und Abschied". Sein Verhältnis zu dem lieblich bescheidenen Elsässer Mädchen hat G. selbst in "Dichtung und Wahrheit" ergreifend und ohne Verhüllung erzählt: schweren Mutes und mit dem Schuldgefühl, ein treues Herz vielleicht unheilbar verletzt zu haben, verließ er sie in Straßburg. Die seelische Erschütterung dieser Trennung zittert noch im "Faust", der gewiß schon in Straßburg geplant wurde, im "Götz" und "Clavigo" sehr fühlbar nach. (Vgl. Leyser, G. zu Straßburg, Neustadt a. d. H. 1871; Düntzer, Friederike von Sesenheim im Lichte der Wahrheit, Stuttg. 1893.)

Heimgekehrt fand G. einen ihm zusagenden Kreis zumal im nahen Darmstadt. Neben dem unproduktiven, aber ungemein urteilsfähigen kaustischen Kriegsrat Joh. Heinr. Merck (s. d.), der starken Einfluß auf G. gewann, gehörten zu den Darmstädter "Heiligen" einige empfindsame Hofdamen (Fräulein von Ziegler, von Roussillon) und Herders Braut, Karoline Flachsland. Klopstock war hier der bewunderte Dichter. Unter seinem und Pindars Einfluß gelingen G. mächtig wilde Dithyramben, wie "Wanderers Sturmlied", aber auch ruhig schöne Kunstgedichte, wie "Der Wanderer". Als Merck, Schlosser, auch Herder im Jahrgang 1772 der "Frankfurter Gelehrten Anzeigen" (Neudruck in "Deutsche Litteraturdenkmale des 18. Jahrh.",