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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Goethe (Johann Wolfgang von)

wohl verständlich, wenn die ältern Romantiker, vor allem die Schlegel und Tieck, den "Wilhelm Meister" als das Kunstwerk an sich feierten und um seinetwegen den Roman für die einzige moderne Kunstform erklärten.

Schillers Tod riß in G.s Leben eine Lücke, die seine Beziehungen zu Heinr. Meyer, Zelter, selbst zu den Brüdern Humboldt nicht zu füllen vermochten. Die Kriegsgefahren von 1806, die die Existenz des Herzogtums schwer gefährdeten, bedrückten ihn tief: jetzt besiegelt er seinen Bund mit Christiana durch die Ehe (19. Okt. 1806). Aber seine Produktivität leidet nicht unter dem Druck der Zeit. 1808 erschien der erste Teil des "Faust"; so eindruckslos das Fragment geblieben war, so begeistert nahm das Publikum das fertige Werk auf, in polit. Ohnmacht sich der geistigen Macht des größten Deutschen erfreuend. Durch das "Vorspiel im Himmel" ist jetzt die Rettung Fausts nach Lessings Vorgang gesichert. Sonst sind es vorzugsweise Prosaarbeiten, die mehr und mehr in den umständlichen, zuweilen manierierten, aber stets bedeutenden und anschaulichen Altersstil G.s überlenken. Auf Biographien Winckelmanns (1805) und Hackerts (1807) folgen die "Wahlverwandtschaften" (1809), die ein wichtiges, sittliches und sociales Problem behandeln, den Bestand der liebelosen Ehe als unsittlicher hinstellen als ihre Lösung, ja als ehelose Liebe. Der gewaltige Ernst der Darstellung schließt jeden frivolen Beigeschmack trotz des gewagten Stoffs aus. Eine Anzahl der Novellen, die den schönsten Inhalt der "Wanderjahre" bilden, entstanden 1807-10, und in dem Werke "Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit" (1811-14; beste Ausg. von Loeper) macht G. an sich selbst den meisterhaften, wissenschaftlich epochemachenden Versuch, das Genie geschichtlich aus seiner Entwicklung zu verstehen; andere biogr. Arbeiten, wie die "Italienische Reise", bleiben weit dahinter zurück.

Die deutschtümelnde Richtung der jüngern Romantik, die sich mit Vorliebe ins Mittelalter zurückträumte, interessierte den Dichter des "Faust" und "Götz", ohne ihm Herzenssache zu werden. Auch die Befreiungskriege, die begeisterte Volkserhebung gegen Napoleon, dessen Genie ihn blendete, sah er nur zweifelnd und verwundert an; das antikisierende Festspiel, mit dem er 1814 den Sieg feiert, "Des Epimenides Erwachen", in dem symbolischen Stil seiner formell glänzendsten Dichtung "Pandora" (1807) gehalten, zeigt mindestens, daß er nicht das volle Verständnis für den Charakter der Bewegung hatte. Er war nicht unpatriotisch, aber die rechte Freude verkümmerte ihm schon die tiefe Erkenntnis, daß der äußere Sieg einen innern Fortschritt nicht bedeute, und er sah die wahre Größe eines Volks nicht in seiner polit. Macht. Dazu kam der kosmopolit. Gedanke einer Weltlitteratur, der ihn wachsend beherrschte und im "Westöstl. Diwan" (1819) produktiv zum Ausdruck gelangte. Die Weisheit und behagliche Lebensfreude des Greises fand in der Anlehnung an den pers. Dichter Hafis eine höchst angemessene Form; daß warmes Feuer unter der beschaulichen Ruhe lebt, zeigen die Lieder an Suleika (Marianne von Willemer) noch stärker als die erheblich ältern Sonette an Minna Herzlieb (1807). Orient. Kostüm wählt auch die unvollendete Oper "Feradedda und Kolaila" (1816), während der interessante Entwurf des "Löwenstuhls" (1814), die das Thema der "Ballade" dramatisierte, dem Gebiet der romantischen Oper angehört.

G.s Haus, dem seit Christianens Tode seine Schwiegertochter Ottilie, geborene von Pogwisch (s. Goethe, August von) vorstand, wurde mehr und mehr ein Mekka für die besten Geister Deutschlands. In Tagen trauriger polit. Zerrissenheit wird die Verehrung G.s für die in Staaten und Parteien getrennten Deutschen ein starkes Band, in dem freilich die unhistor. Radikalen des Jungen Deutschlands nur eine lästige Fessel sahen. Doch im engen Kreise wird es immer stiller und einsamer um den Greis. 1828 scheidet auch sein herzogl. Freund. Er selbst aber bleibt wunderbar frisch und schöpferisch bis ans Ende. Den Werken seines letzten Decenniums, "Wilhelm Meisters Wanderjahren" und dem zweiten Teil des "Faust", ist sogar ein besonders moderner Zug socialer Interessen gemein. (Vgl. Gregorovius, G.s Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen, Königsb. 1849.) Dort entwirft er in der "pädagogischen Provinz" das utopische Bild einer Zukunftserziehung, die geradezu Saint-Simonistische Momente enthält, und hier bietet die Entwicklung des "Faust" über die Antike hin zur Arbeit, zur That ein Programm, höchst würdig des 19. Jahrh. Der fünfte Akt des zweiten Teils enthält dichterische Schönheiten, die keinen Vergleich zu scheuen haben. Am 17. März 1832 berichtet G. an Wilh. von Humboldt von der Vollendung des "Faust", der in jeder Hinsicht das Werk seines Lebens, seine poet. Generalbeichte war; fünf Tage darauf, am 22. März, schließt der Gewaltige, da er sein Tagewerk vollbracht, ruhig entschlafend die Augen. "Es kann die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn."

G.s eigentümliche Größe liegt in der unbedingten Natürlichkeit seiner Entwicklung. Mit Schönheit, Kraft und Gesundheit reich ausgestattet, durch die Gunst des Schicksals vor der kleinlichen Not des Daseins bewahrt und an einen Platz gestellt, hoch genug zum Überblick und nahe genug zum Einblick in die Vielheit des Lebens, dabei beseelt vom stärksten Trieb der Selbstausbildung und der lautersten Menschenliebe, gewährt G. das Bild einer geradezu vorbildlichen Lebensführung. Erstaunliche Universalität der Bildung vereint sich in ihn: mit jener absoluten Naivetät der Anschauung und Empfindung, die ihn zum tiefsten Frauenschilderer werden läßt. Alles Forcierte, Gemachte ist ihm verhaßt: so liegt ihm der kategorische Imperativ ebenso fern wie moralisches und polit. Pathos; auch die Sittlichkeit ist ihm nur gesunde und schöne Natur. Die Poesie kommandiert er nicht, sondern er dichtet nur, weil, wann und wie er innerlich muß; seine Dichtung ist Gelegenheitsdichtung im höchsten Sinne. Aber dieser Aristokrat der freien, schönen und starken Persönlichkeit ist kein Dichter für die Menge. Nie hat er Schillers Popularität besessen; Prüderie, Pietismus (Pustkuchen), Rationalismus (Nicolai, Kotzebue, neuerdings Du Boys-Reymond) und Radikalismus (Börne, Menzel, Gutzkow, Ruge) haben ihm stets gegrollt und nur kleine Gemeinden sich zu ihm bekannt: so früh schon der Kreis Rahels in Berlin. (Vgl. Hehn, Gedanken über G., Berl. 1887; Braun, Schiller und G. im Urteile ihrer Zeitgenossen, Abteil. 2, 3 Bde., ebd. 1883-85.) Seit seinem Tode ist freilich das Interesse, wenn auch schwankend, doch im steten Aufsteigen gewesen: die Wissenschaft hat sich in hervorragenden Vertretern seiner bemächtigt (Scherer, Vischer, Loeper u. a.), es ist eine eigene Goethe-Philologie entstanden, und seit Eröffnung des Goethe-Archivs (s. d.) widmet sich