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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Griechenland (Geschichte 1503–1832)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Griechenland (Geschichte)'

in der Nähe von Arta eine Niederlage. Doch konnten die Türken nicht gegen Mesolongion vordringen, und 20. Aug. 1822 wurde ihre Vorhut durch den Überfall bei Karpenisiou vernichtet. Botzaris fand hier den Heldentod. Siegreich war dagegen 1822 und 1823 die griech. Seemacht unter Miaulis. Die türk. Flotte vermochte, in mehrern Gefechten von Miaulis geschlagen, durchaus nicht das offene Meer gegen ihn zu behaupten, und wenn es auch dem Kapudan Pascha Kara-Ali im April 1822 gelang, sich Chios’ zu bemächtigen,das er auf die grausamste Weise verwüstete, so wurde dieser Sieg doch aufs glänzendste in der Nacht vom 18. zum 19. Juni 1822 durch die Vernichtung der türk. Flotte in der Meerenge von Chios von Kanaris gerächt.

Zu Ende 1823 war es zwischen den beiden Parteien, an deren Spitze Kolokotronis mit den meisten Heerführern und Maurokordatos mit der Mehrzahl der Primaten und der Mitglieder des Gesetzgebenden Körpers einander gegenüberstanden, zum völligen Bruche gekommen. Es bildeten sich zwei Regierungen, wovon die eine, die militärische, auf die Klephten sich stützte, die andere, die konstitutionelle, die Flotte für sich hatte. Die letztere, an deren Spitze der Präsident der Regierung in Nauplia, Kunduriotis, stand, siegte zuletzt. Zu dieser innern Zerrüttung kam die schlimme Stellung G.s zu den europ. Großmächten; die Gesandtschaft, welche die Griechen an den Kongreß von Verona schickten, fand infolge des Einflusses Metternichs weder bei Österreich noch bei Rußland Gehör; Frankreich verhielt sich neutral, England geradezu feindselig. Doch erhob sich um diese Zeit die öffentliche Meinung um so energischer zu Gunsten der Griechen. In Deutschland, England, Frankreich, Amerika u. s. w. bildeten sich Vereine zur Unterstützung der Griechen, deren Mittelpunkt durch die unermüdliche Thätigkeit des Bankiers Eynard (s. d.) seit Herbst 1825 Genf wurde. Philhellenische Freischarenzüge wurden organisiert, denen sich auch angesehene Männer, vor allen Lord Byron, anschlossen. Eine erste Folge dieser günstigen Stimmung war der 21. Febr. 1824 in London zu stande gekommene Abschluß einer griech. Anleihe von 800000 Pfd. St., deren wirklicher Ertrag sich freilich, unter Abzug von 51 Proz. und zweijährigen Zinsen und Spesen, nur auf etwa 302000 Pfd. St. belief. Allein alle diese Unterstützungen verschwanden vor der Gefahr, die von einer andern Seite her drohte. Ibrahim Pascha, Stiefsohn des Vicekönigs von Ägypten, Mehemed Ali, war nämlich auf das Hilfegesuch des Sultans im Juli 1824 von Alexandria mit einer Flotte von 54 Kriegs- und über 300 Transportschiffen nebst ungefähr 17 000 Mann Landungstruppen gegen die Griechen ausgelaufen. Zwar gelang es Miaulis, sowohl den Kapudan Pascha, der Juli 1824 Psara mit Feuer und Schwert verheert hatte, als auch Ibrahim Pascha nach mehrern Gefechten zum Rückzüge zu zwingen, jenen nach den Dardanellen, diesen nach Kreta, das sich nach mehrern Jahren des Kampfes größtenteils wieder den Türken unterworfen hatte. Allein im nächsten Jahre (1825) war es den Griechen trotz der größern Einigkeit, die durch das energische Auftreten der Regierung hergestellt wurde, und den größern Mitteln, die ihnen aus dem Abschlusse einer neuen Anleihe in London entsprangen, nicht mehr möglich, die ägypt. Übermacht von G. abzuhalten. Ibrahim landete 24. Febr. 1825 bei Modon, nahm bald Navarino und war am Ende des Jahres Herr von fast ganz Morea, das er nun furchtbar ↔ verheerte. Hierauf wendete er sich gegen Mesolongion, das er im Verein mit dem von Norden her operierenden Redschid Pascha (Kiutagi) trotz der heldenmütigsten Verteidigung 22. April 1826 einnahm. Der Krieg begann jetzt einen immer fürchterlichern Charakter anzunehmen. Ibrahim Pascha schickte die Griechen als Sklaven in ganzen Schiffsladungen nach Ägypten, verwüstete alles, wohin er dringen konnte, und im Herbst war Morea eine Einöde. Redschid Pascha wendete sich darauf nach Ostgriechenland, das er fast ganz unterwarf; 15. Aug. 1826 nahm er ungeachtet der größten Anstrengungen der Griechen Athen mit Sturm und belagerte die Akropolis. Die innere Zerrüttung unter den Griechen war damals auf den höchsten Punkt gestiegen. Der Sitz der Regierung wurde von Nauplia nach Ägina verlegt.

Zwar schien die Ankunft der engl. Philhellenen, Lord Cochrane und General Richard Church, eine Ausgleichung der Parteien auf der im Frühjahr 1827 in Trözene wieder zusammengetretenen Nationalversammlung bewirken zu wollen. Man ernannte den Lord einstimmig zum Oberbefehlshaber der griech. Seemacht und General Church zu dem des Landheers, endlich den Grafen Joh. Ant. Kapodistrias (s. d.) 11. April auf sieben Jahre zum Regenten des griech. Freistaates; bis zu dessen Ankunft sollte eine Regierungskommission die Leitung der Geschäfte führen. Allein diese Übereinstimmung dauerte nicht lange, und bald trat die alte Zwietracht und Eifersucht der griech. Häuptlinge gegen die angestellten Ausländer wieder hervor. Diese Eifersucht vereitelte auch alle Anstrengungen, die zum Entsatz der Akropolis von Athen gemacht wurden, und führte noch zuletzt das Mißglücken der großen, vom General Church zu diesem Zwecke unternommenen Operation herbei: 5. Juni 1827 mußte die Akropolis kapitulieren, nachdem Karaiskakis sich vergeblich um ihre Rettung bemüht und 4. Mai am Phaleron den Heldentod gefunden hatte. So schien denn G., das bis auf die Inseln und einige Punkte in Morea wieder in der Gewalt der Türken lag, ganz verloren, als auf einmal sein Schicksal eine Wendung zum Bessern nahm. Die Verlängerung des Kampfes mußte nämlich die europ. Großmächte am Ende wider Willen zur Einmischung bewegen, zumal da England ein einseitiges Vorgehen Rußlands fürchtete, wo der von Metternich abhängige Kaiser Alexander 1. Dez. 1825 gestorben und sein thatkräftiger Bruder Nikolaus an seine Stelle getreten war. Daher eröffnete England Unterhandlungen in Petersburg, die bereits 4. April 1826 zur Unterzeichnung eines Protokolls führten, in dem die beiden Mächte über eine gemeinsame, der Pforte anzubietende Vermittelung zur Pacifikation G.s übereinkamen auf der Basis, daß G. zu einem, völlige Gewissens- und Handelsfreiheit genießenden, aber der Pforte tributpflichtigen und unter ihrer Oberhoheit stehenden Vasallenstaate mit selbstgewählten Obrigkeiten gemacht werden sollte. Dieses Protokoll blieb anfangs ohne weitere Ergebnisse. Allein das ablehnende Verhalten der Pforte, insbesondere ihr Ultimatum vom 9. Juni 1827, das jede Einmischung der auswärtigen Mächte aufs bestimmteste zurückwies, veranlaßte die Unterzeichnung des Londoner Vertrags vom 6. Juli 1827 zwischen Rußland, England und Frankreich, der in seinem ersten Artikel bestimmte, daß die drei Mächte gemeinschaftlich der Pforte ihre Vermittelung zur Versöhnung mit G.

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 336.