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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Griechische Mythologie

und Naturerscheinungen vorstellen, so sind sie nichtsdestoweniger menschenähnliche Persönlichkeiten, in denen auch die ethischen, geistigen Mächte, die das Menschenleben beherrschen, sich verkörpern. Und diese sind es, welche, je konkreter, individueller die göttlichen Persönlichkeiten werden, immer mehr deren Natur erfüllen, ihr wahres Wesen ausmachen. Nun ward vor allem aus dem Gott des allumspannenden, bald in milder Klarheit leuchtenden, bald in furchtbarer Majestät unter Donner und Blitz erscheinenden Himmels (Zeus) der ebenso milde als erhabene höchste König und Vater der Götter und der Menschen, der das Recht beschützt, das Unrecht straft, dem eine rechtmäßige Gemahlin in Hera zur Seite steht, der Beschützerin der rechtmäßigen Ehen und Ehefrauen. Aus Athena, der Göttin der Gewitterwolke und des Blitzes, die im Gewittersturm aus dem Wolkenhaupt des Himmelsgottes entsprungen ist, wurde eine Tochter seines Gedankens, welche alles lichte, klare Denken, Wollen und Schaffen freudig fördert. Aus dem alles erleuchtenden Gotte der Sonne (Apollon) ward ein alles sehender Beschützer und Verleiher der Reinheit der Seele wie des Leibes, und heller, hoher Einsicht und Weisheit, und damit auch der Kunst des Dichters und Sehers wie des Arztes. Aus Dionysos, dem Gott des üppigen Wachstums, der Vegetation und vor allem des Weins, wurde ein Gott, der ebenfalls seine Verehrer mit Begeisterung erfüllt, nur eben nicht mit der klaren, bewußten, lichten, apollinischen, sondern mit einem mehr leidenschaftlich erregten Enthusiasmus, wie er sich in der dramat. Kunst zeigt. Aus der Göttin der Erdfruchtbarkeit Demeter wurde eine Lehrerin und Beschützerin des Ackerbaues und der an den Ackerbau geknüpften Kultur und festen Ordnungen des socialen und bürgerlichen Lebens, aus dem fruchtbaren Regen spendenden Windgott Hermes der windschnelle Bote der Götter und ein Beschützer und Förderer jedweden menschlichen Verkehrs und Handels und gewandter, gewinnender Rede. Aus dem Blitzgott Hephaistos ward der Beschützer der mit dem Feuer arbeitenden Gewerbe und Künste, aus der Herdgöttin Hestia die Göttin, welche den Verband der um das heilige Herdfeuer wohnenden Familien und der gleich den einzelnen Häusern ein gemeinsames heiliges Herd- und Opferfeuer unterhaltenden Städte und Staaten heiligte und festigte, aus dem Beherrscher der Wogenrosse, Poseidon, nicht nur ein Beschützer der Schiffahrt, sondern auch alles ritterlichen Wesens. Da wurden aus Nymphen der rauschenden Quellen in den Musen die sangfrohen Lehrerinnen aller Künste, wurden die Chariten, die Göttinnen der in wunderbarem Reize blühenden Natur, zu Spenderinnen holder Anmut u. s. w. Und während so die alten Naturgötter mehr und mehr Vertreter ethisch-religiöser Ideen wurden, traten an ihre Seite auch Gottheiten, die von Haus aus Personifikationen ethischer Ideen sind, wie Themis, Dike, Nike, Eirene u. dgl., oder solche Götter, in denen sich gewissermaßen das Leben und die Erfahrungswelt ganzer Stände verkörperte, wie z. B. in Pan das Leben und Treiben der Hirten, in Asklepios das der Ärzte u. s. w.

In Rücksicht auf alle diese Gottheiten macht sich nun aber ganz besonders das poet. und künstlerische Genie der Griechen geltend; die Gestalten der Götter wie die Sagen von ihnen gelangen bei den Griechen, zuerst durch die Dichter, zur vollendeten, ebenso individuellen als idealschönen Gestaltung. In diesem Sinne ist es wahr, daß Homer und Hesiod den Griechen ihre Göttersage gedichtet hätten. Und nachdem die Dichter vorausgegangen waren, stellte die bildende Kunst diese Idealgestalten in Statuen aus Holz, Marmor, Erz, Elfenbein und Gold, wie in Gemälden und andern Kunstwerken leibhaftig dar. Diese schöpferische Gestaltungskraft der Griechen erwies sich endlich auch besonders mächtig gegenüber ursprünglich fremden, in ihre Götterwelt aufgenommenen Gottheiten und Sagen. Wenn nämlich die Griechen einige Grundanschauungen und Elemente von Göttern und Sagen aus der gemeinsamen Urheimat des indogerman. Völkerstammes mitbrachten, vor allem den Himmelsgott Zeus, und Sagen von den Kämpfen lichter Götter mit bösen Dämonen der Finsternis im Gewittersturm, vom Raub und der Wiederbefreiung der als Rinderherden angeschauten lichten Wolken; wenn sie andere mit den nächstverwandten Völkern gemein hatten, speciell mit Italikern, wie namentlich Hestia-Vesta, Hera-Juno; wenn sie dann aber vor allem selbst in zahllose Stämme und Völkerschaften gegliedert, wie sie waren, eine unendliche Fülle von göttlichen und halbgöttlichen Wesen und Sagen von diesen hervorbrachten und in immer neuen Wendungen fort- und umbildeten, so gewährten sie doch auch noch fremdländischen Göttern, Mythen und religiösen Ideen und Kulten Aufnahme in ihren Olymp, eigneten sich aber eben auch diese dann vollkommen an und verliehen ihnen hellenische schöne plastische Form und Gestaltung. Vor allem gilt dies von der Göttin der Schönheit und Liebe selbst, von Aphrodite, die aus der orient. großen Naturgöttin, der Personifikation der Fruchtbarkeit der Natur, in die schönste Göttin des Olymps umgebildet worden ist, wenn zugleich auch einige Züge ihres Wesens auf einer Verschmelzung mit echt griech. Göttinnen, wie Hebe und Charis, beruhen mögen.

Freilich war auch diese poet. und künstlerische Gestaltung der Mythologie nicht bloß Fortschritt. Wenn die Götter und ihre Mythen Gegenstand der poet. und künstlerischen Phantasie werden, tritt die Gefahr ein, daß mit der Zeit der religiöse Charakter der Mythologie vom ästhetischen überwuchert und daß die ursprüngliche Bedeutung der Götter als Urheber der auf den Menschen einwirkenden Naturkräfte, welcher Bedeutung sie Ansehen und Verehrung verdankte, unterdrückt werde. Und dies ist denn auch geschehen. Wenn aber unter dem Einfluß der Dichtung und der bildenden Kunst eine Gottheit soweit menschlich individualisiert war, daß ihre Grundbedeutung im Bewußtsein ihrer Verehrer schwand, so suchte man für die nunmehr nicht durch eine Gottheit vertretene Naturkraft nach einem neuen Vertreter. Dabei konnte man neu schaffend vorgehen, oder man griff zur Entlehnung von einem andern Stamm, in dessen Vorstellung sich die Urbedeutung der betreffenden Gottheit klar erhalten hatte. So bilden sich Reihen wie Zeus, Apollon, Helios und Hera, Artemis, Hekate, Selene. Zuweilen wird der einmal eingeschlagene Weg der Vermenschlichung so weit verfolgt, daß aus Göttern allmählich Heroen werden, wie dies bei Herakles, Theseus, Amphiaraos, Trophonios der Fall sein dürfte, während andererseits ebenfalls unter dem Einfluß der individualisierenden und charakterisierenden Kunst sich einzelne Seiten des Wesens einer Gottheit, welche durch besondere Beinamen bezeichnet werden, von der Gottheit ablösen und neu ausgestaltet zu einer zweiten Art göttlicher Heroen ent-^[folgende Seite]