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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Grimm (Ludw. Emil) - Grimm (Wilhelm)
die die Sprachforschung seitdem gemacht hat, sind in diesem zugleich genialen und gründlichen Buche schon beschlossen.
Seine "Deutschen Rechtsaltertümer" (Gött. 1828) verweilen mit Vorliebe auf der Rechtssprache und aus den symbolischen Handlungen, "der Poesie im Recht", das logisch Begriffliche und das Praktische zog G. nicht an; als Quellen bevorzugte er die Satzungen der Bauerngemeinden, die sog. "Weistümer", von denen er später eine Ausgabe begann (Bd. 1-4, Gött. 1840-63; Bd. 5-7, bearbeitet von Rich. Schröder, 1866-78). Auch in seiner "Deutschen Mythologie" (ebd. 1835; 4. Aufl., besorgt von E. H. Meyer, Berl. 1875-78) rückt er, da alte mytholog. Überlieferung auf deutschem Boden sehr sparsam fließt und die reichern nordischen Quellen nur wenig Rückschlüsse auf den deutschen Glauben gestatten, jüngere Volksüberlieferung maßgebend in den Vordergrund, wobei er freilich die fremden und christl. Elemente derselben weit unterschätzte auch dieses Werk ist bei manchen kritischen Mängeln durch die geniale Gestaltungskraft, die eine Unmenge zersprengter Einzelheiten zu einem liebevoll ausgeführten Gesamtbilde vereinigte, für die moderne mytholog. Forschung grundlegend geworden. Das herrliche Auch über "Reinhart Fuchs" (Berl. 1834), dem das "Sendschreiben an Karl Lachmann den allgemein aufgegebenen Gedanken eines indogerman. Tierepos, ist aber als Geschichte und stilistische Analyse einer einzelnen Dichtgattung von fruchtbarster Anregung gewesen, dabei formell vielleicht das gelungenste Werk G.s. Ausgaben waren nicht seine Stärke, doch ist die der "Merseburger Zaubersprüche" (in den "Abhandlungen" der Berliner Akademie, 1842), der angelsächs. Gedichte "Andreas und Elene" (Cass. 1840), namentlich der mit Schmeller veröffentlichten "Lat. Gedichte des 10. und 11. Jahrh." (Gött. 1838) durch die litterarhistor. Forschungen und die ausgezeichnete philol.Charakteristik noch heute meisterhaft; seine "Gedichte des Mittelalters auf König Friedrich I., den Staufer" (Berl. 1843) rückten zuerst die entzückende lat. Vagantenpoesie des Mittelalters und ihren Meister, den Archipoeta, in helles Licht. Seine zahllosen, in ihrer Art stets fruchtbaren, oft bahnbrechenden kleinen Arbeiten sind gesammelt in seinen "Kleinern Schriften" (hg. von Müllenhoff und Ippel, Bd. 1-7, Berl. 1864-84; Bd. 8, Gütersloh 1890). Nur seine herrlichen Akademiereden (auf Lachmann [1851], auf Wilh. Grimm [1860], auf Schiller [1859], über das Alter [1860], über den Ursprung der Sprache [1851], über das Pedantische in der deutschen Sprache [1847] u. a., besonders herausgegeben als "Auswahl aus den kleinern Schriften", 2. Aufl., Berl. 1875) seien um ihrer reifen abgeklärten Weisheit und ihrer künstlerischen Vollendung willen gerühmt. G.s letztes vollendetes Buch'. "Geschichte der deutschen Sprache" (2 Bde., Lpz. 1848), leidet freilich unter der unhaltbaren Hypothese von der Identität der Geten und der Goten, hat aber durch feine kühne Anwendung sprachlicher Forschung, namentlich auch der vergleichenden Sprachwissenschaft, auf altgerman. Geschichte und Ethnographie Epoche gemacht. Mit einem gewaltigen wissenschaftlichen Plane schloß G.s Laufbahn. In der Brüder "Deutschem Wörterbuch" sollte der neuhochdeutsche Sprachschatz vollständig gesammelt und etymologisch-historisch erläutert werden. G.s naives Sprachgefühl, das aus dem modernen Abstrakten überall das alte Sinnliche sicher herausfühlte, kam dieser Aufgabe besonders zu gute. G. hat nur den ersten, den dritten und einen Teil des vierten Bandes vollendet; den zweiten bearbeitete Wilhelm; auf Grund des von den Brüdern gesammelten Materials wird das große Werk, das als Unternehmen von anerkannter nationaler Bedeutung Reichsunterstützung genießt, von Heyne, Hildebrand, Lexer u. a. fortgeführt; bis 1893 sind 8 Bände erschienen. (Vgl. Mühlhausen, Geschichte des Grimmschen Wörterbuchs, Hamb. 1888.)
Vgl. neben der Selbstbiographie in seinen "Kleinern Schriften" das ausgezeichnete Buch Wilh. Scherers, Jakob G. (2. Aufl., Berl. 1885); Duncker, Die Brüder G. lCass. 1884); Andresen, über die Sprache Jakob G.s (Lpz. 1870). Von den zahlreichen Sammlungen Grimmscher Briefe sind zu erwähnen: Briefwechsel zwischen Jakob und Wilhelm G. aus der Jugendzeit (hg. von Herm. Grimm und Hinrichs, Weim. 1881); Stengel, Private und amtliche Beziehungen der Brüder G. zu Hessen (Marb. 1886); Briefe der Brüder Jakob und Wilhelm G. an Benecke (hg. von Wilh. Müller, Gott. 1889); Briefwechsel zwischen Jakob und Wilhelm G., Dahlmann und Gervinus (hg. von Ippel, 2 Bde, Berl. 1886); Briefwechsel des Freiherrn von Meusebach mit Jakob und Wilhelm G. (hg. von Wendeler, Heilbr. 1880); Briefwechsel der Gebrüder G. mit nordischen Gelehrten (hg. von Ernst Schmidt, Berl. 1885); Emil Brauns Briefwechsel mit den Brüdern G. (hg. von Ehwald, Gotha 1891); Briefwechsel Fr. Lückes mit den Brüdern G. (hg. von Sander, Hannov. 1891); vgl. auch Steig, Goethe und die Brüder G. (Berl. 1892).
Grimm, Ludw. Emil, Maler und Kupferstecher, Bruder von Jakob und Wilhelm G., geb. 14. Mai 1790 zu Hanau, kam 1808 nach München, wo er sich unter Karl Heß besonders in der Kupferstechkunst ausbildete. Nachdem er 1814 am Befreiungskriege teilgenommen, lebte er seit 1814 in Cassel und München, 1817 kurze Zeit in Italien, dann wieder in Cassel. Er wurde 1833 Professor an der Malerakademie zu Cassel und starb daselbst 4. April 1863. G. hat über 100 Blätter radiert, eigene Kompositionen, Landschaften, Tiere, Figuren und Köpfe; namentlich gelangen ihm Bildnisse (darunter Luther und Melanchthon nach L. Cranach). Eine Sammlung von 36 Blättern erschien 1823, eine andere 1840 und noch ein Nachtrag von 30 Blättern 1854 zu Cassel. Unter feinen Ölbildern, die meist religiöse Gegenstände darstellen, ist namentlich eine Madonna mit Heiligen, in einer Landschaft auf dem Nasen sitzend, ausgezeichnet.
Grimm, Wilhelm, Germanist, Bruder von Jak. G., geb. 24. Febr. 1786 in Hanau, besuchte mit seinem Bruder das Lyceum zu Cassel und studierte seit 1804 in Marburg die Rechte. Seine Jugend trübte eine langwierige gefährliche Krankheit, von der er nur langsam seit 1809 genas. Er wurde 1814 als Sekretär bei der Bibliothek zu Cassel angestellt, heiratete 1825, ohne daß sich das beständige Zusammenwohnen der Brüder löste, und ging mit seinem Bruder 1830 nach Göttingen, wo er Unterbibliothekar, 1831 außerord., 1835 ord. Professor in der philos. Fakultät wurde. Auch er gehörte zu den Sieben, dic gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes sich verwahrten; seines Amtes entlassen, folgte er Okt. 1838 feinem Bruder nach Cassel; 1841 ging er mit ihm als Akademiker nach Berlin, wo