Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

380
Grimm (Ludw. Emil) - Grimm (Wilhelm)
die die Sprachforschung seitdem gemacht hat, sind
in diesem zugleich genialen und gründlichen Buche
schon beschlossen.
Seine "Deutschen Rechtsaltertümer" (Gott. 1828)
verweilen mit Vorliebe auf der Rechtssprache und
aus den symbolischen Handlungen, "der Poesie im
Recht", das logisch Begriffliche und das Praktische
zog G. nicht an; als Quellen bevorzugte er die
Satzungen der Vauerngemeinden, die sog. "Weis-
tümer", von denen er später eine Ausgabe be-
gann <Bd. 1-4, Gott. 1840-63; Vd. 5-7, be-
arbeitet von Rich. Schröder, 1866-78). Auch in
seiner "Deutschen Mythologie" (ebd. 1835; 4. Aufl.,
besorgt von (5. ß. Meyer, Verl. 1875-78) rückt er,
da alte mytholog. Überlieferung auf deutschem Vo-
den sehr sparsam fließt und die reichern nordischen
Quellen nur wenig Rückschlüsse auf den deutschen
Glauben gestatten, jüngere Volksübcrlieferung maß-
gebend in den Vordergrund, wobei er freilich die
fremden und christl. Elemente derselben weit unter-
schätzn auch dieses Werk ist bei manchen kritischen
Mängeln durch die geniale Gestaltungskraft, die eine
Unmenge zersprengter Einzelheiten zu einem liebevoll
ausgeführten Gesamtbilde vereinigte, für die mo-
derne mytholog. Forschung grundlegend geworden.
Das herrliche Auch über "Reinhart Fuchs" (Berl.
1834), dem das "Eendfchreiben an Karl Lachmann
den allgemein aufgegebenen Gedanken eines indoger-
???6??. Ticrepos, ist aber als Geschichte und stilistische
Analyse einer einzelnen Dichtgattung von fruchtbar-
ster Anregung gewesen, dabei formell vielleicht das
gelungenste Werk G.s. Ausgaben waren nicht seine
Stärke, doch ist die der "Merseburger Zaubersprüche"
(in den "Abhandlungen" der Berliner Akademie,
1842), der angelsächs. Gedichte "Andreas und Elene"
lCass. 1840), namentlich der mit Schmeller veröffent-
lichten "Lat. Gedichte des 10. und 11. Jahrh." (Gott.
1838) durch die litterarhistor. Forschungen und die
ausgezeichnete philol.Charakteristik noch heutemilster-
haft; leine "Gedichte des Mittelalters auf König
Friedrich I., den Staufcr" (Berl. 1843) rückten zuerst
die entzückende lat. Vagantenpoesie des Mittelalters
und ibren Meister, den Archipoeta, in helles Licht.
Seine zahllosen, in ihrer Art stets fruchtbaren, oft
bahnbrechenden kleinen Arbeiten sind gesammelt in
seinen "Kleinern Schriften" (hg. von Müllcnhoffund
Ippel, Bd. 1-7, Verl. 1864-84; Bd. 8, Gütersloh
1890). Nur feine herrlichen Akademiereden (auf Lach-
mann ^1851), auf Wilh. Grimm ^1860^, auf Schiller
^1859), über das Alter ^1860^, über den Ursprung
der Sprache s1851^j, über das Pedantische in der
deutschen Sprache s,1847^ u. a., besonders heraus-
gegeben als "Auswahl aus den kleinern Schrif-
ten", 2. Aufl., Verl. 1875) seien um ihrer reifen
abgeklärten Weisheit und ihrer künstlerischen Voll-
endung willen gerühmt. G.s letztes vollendetes
Buch'. "Geschichte der deutschen Sprache" (2 Bde.,
Lpz. 1848), leidet freilich unter der unhaltbaren
.^ypothefe von der Identität der Geten und der
Goten, hat aber durch feine kühne Anwendung
sprachlicher Forschung, namentlich auch der ver-
bleichenden Sprachwissenschaft, auf altgcrman. Ge-
schichte und Ethnographie Epoche gemacht. Mit
cinem gewaltigen wissenschaftlichen Plane schloß
G.s Laufbahn. In der Brüder "Deutschem Wörter-
buch" sollte der neuhochdeutsche Sprachschatz voll-
ständig gesammelt und etymologisch-historisch er-
läutert werden. G.s naives Sprachgefühl, das aus
dem modernen Abstrakten überall das alte Sinn-
liche sicher herausfühlte, kam dieser Aufgabe be-
sonders zu gute. G. hat nur den ersten, den dritten
und einen Teil des vierten Bandes vollendet; den
zweiten bearbeitete Wilhelm; auf Grund des von
den Brüdern gesammelten Materials wird das große
Werk, das als Unternehmen von anerkannter natio-
naler Bedeutung Neichsunterstützung genießt, von
.yeyne, Hildebrand, Lexer u. a. fortgeführt; bis 1893
sind 8 Bände erschienen. (Vgl. Mühlhausen, Ge-
schichte des Grimmschen Wörterbuchs, Hamb. 1888.)
Vgl. neben der Selbstbiographie in seinen "Klei-
nern Schriften" das ausgezeichnete Buch Wilh.
Scherers, Jakob G. (2. Aufl., Verl. 1885); Duncker,
Die Brüder G. lCass. 1884); Andresen, über die
Sprache Jakob G.s (Lpz. 1870). Von den zahl-
reichen Sammlungen Grimmscher Briefe sind zu
erwähnen: Briefwechsel zwischenIakob und Wilhelm
G. aus der Jugendzeit (hg. von Hcrm. Grimm
und Hinrichs, Weim. 1881); Stengel, Private und
amtliche Beziehungen der Brüder G. zu Hessen
sMarb. 1886); Briefe der Brüder Jakob und
Wilhelm G. an Benecke (hg. von Wilh. Müller,
Gott. 1889); Vriefwcchfel zwischen Jakob und Wil-
helm G., Dahlmann und Gervinus (hg. von Ippel,
2 Bde, Berl. 1886); Briefwechsel des Freiherrn von
Meusebach mit Jakob und Wilhelm G. (hg. von
Wendeler, Heilbr. 1880); Briefwechfcl der Gebrüder
G. mit nordischen Gelehrten (hg. von Ernst Schmidt,
Berl. 1885); Emil Brauns Briefwechsel mit den
Brüdern G. (hg. von Ehwald, Gotha 1891); Brief-
wechsel Fr. Lückes mit den Brüdern G. (hg. von
Sander, Hannov. 1891); vgl. auch Steig, Goethe
und die Brüder G. (Berl. 1892).
Grimm, Ludw. Emil, Maler und Kupferstecher,
Bruder von Jakob und Wilhelm G., geb. 14. Mai
1790 zu Hanail, kam 1808 nach München, wo er
sich unter Karl Hch besonders in der Kupferstech-
tunst ausbildete. Nachdem er 1814 am Befreiungs-
kriege teilgenommen, lebte er seit 1814 in Cassel
und München, 1817 kurze Zeit in Italien, dann
wieder in Cassel. Er wurde 1833 Professor an der
Malerakademie zu Cafsel und starb daselbst 4. April
1863. G. hat über 100 Blätter radiert, eigene Kom-
positionen, Landschaften, Tiere, Figuren und Köpfe;
namentlich gelangen ihm Bildnisse (darunter Luther
und Melanchthon nach L. Cranach). Eine Samm-
lung von 36 Blättern erfchien 1823, eine andere
1840 und noch ein Nachtrag von 30 Blättern 1854
zu Casfel. Unter feinen Ölbildern, die meist reli-
giöse Gegenstände darstellen, ist namentlich eine
Madonna mit Heiligen, in einer Landschaft auf
dem Nasen sitzend, ausgezeichnet.
Grimm, Wilhelm, Germanist, Bruder von
Jak. G., geb. 24. Febr. 1786 in Hanau, besuchte mit
seinem Bruder das Lyceum zu Cassel und studierte
seit 1804 in Marburg die Rechte. Seine Jugend
trübte eine langwierige gefährliche Krankheit, von
der er nur langsam seit 1809 genas. Er wurde 1814
als Sekretär bei der Bibliothek zu Cassel angestellt,
dciratete 1825, ohne daß sich das beständige Zu-
jammenwohnendcrVrüderlöste, und ging mit seinem
Bruder 1830 nach Göttingen, wo er Unterbiblio-
chekar, 1831 außerord., 1835 ord. Professor in der
philos. Fakultät wurde. Auch er gehörte zu den
Sieben, dic gegen die Aufhebung des ^taatsgrund-
gefetzes sich verwahrten; seines Amtes entlassen,
folgte er Okt. 1838 feinem Bruder nach Casscl; 1841
^ ging er mit ihm als Akademiker nach Berlin, wo